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"Eine Industrie des Totschweigens": Wie die Drogen nach Mallorca kamen

Der Historiker Tomeu Canyelles widmet sein neues Buch der Geschichte der Drogen auf den Balearen – und der Rolle des Tourismus bei ihrer Verbreitung

Der Historiker Tomeu Canyelles hat die Geschichte der Drogen auf Mallorca erforscht.

Der Historiker Tomeu Canyelles hat die Geschichte der Drogen auf Mallorca erforscht. / Manu Mielniezuk

Patrick Schirmer Sastre

Patrick Schirmer Sastre

Es ist der Historiker der Gegenwart auf Mallorca. Wie kaum ein anderer setzt sich Tomeu Canyelles in seinen Büchern mit der Geschichte der Balearen vor allem ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auseinander. In seinem neuen Buch „Cavalcar l’abisme“ (etwa: am Rand des Abgrunds reiten) erzählt er von Haschisch rauchenden Hippies in den 60ern auf Ibiza und den ungezählten Herointoten auf Mallorca in den 80ern. Und wie das war, als die Drogen auf die Inseln kamen.

Herr Canyelles, eine These: Die Drogen kamen mit dem Massentourismus auf die Balearen.

Nein, das kann man so nicht sagen. Schließlich sind die ältesten Hinweise auf Drogenkonsum auf den Balearen rund 2.900 Jahre alt. Es ist eine Gesellschaft, die seit Jahrhunderten auch die Wirkung verschiedener Kräuter und Pflanzen kannte. Zudem gab es schon in den 1920er-Jahren zumindest so viel Kokainkonsum, dass der Provinzgouverneur Javier Millán sich genötigt sah, in einer Kampagne davon zur warnen. Das war alles weit vor dem Massentourismus. Aber natürlich hat der Tourismus einen sehr großen Einfluss gehabt. Schließlich hat er auf einen Schlag zu einem Austausch mit viel freieren Kulturen geführt. Und der Drogenkonsum spielte da ebenso eine Rolle wie andere Aspekte, etwa der Umgang mit der Sexualität.

Die Urlauber, die in der Anfangszeit des Massentourismus auf die Balearen kamen, reisten in ein Land, das unter der Fuchtel einer faschistischen Diktatur stand. Wie kommt es, dass Sie die Freiheit empfanden, hier LSD und Haschisch zu konsumieren?

Zum einen, weil es weitaus weniger Möglichkeiten der Kontrolle gab. Zum anderen, weil die Kenntnisse viel geringer waren. Natürlich wusste man, dass Drogen schlecht waren. Aber das war eher eine moralisierende Ansicht, keine die beispielsweise Joints von MDMA und Heroin zu unterscheiden wusste. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigte sich zudem, wie widersprüchlich unser Umgang mit Drogen ist.

Was meinen Sie damit?

In den 60er-Jahren nahmen Frauen, die abnehmen wollten, ein Medikament namens Bustaid. Letztlich waren es Amphetamine. Und niemand hatte ein Problem damit. Der Aufschrei kommt erst, wenn junge Leute es auf ihren Raves einwerfen. Oder nehmen wir das Beispiel Marihuana. Lange wurde es verteufelt, jetzt setzt es die Medizin als Schmerzmittel ein, und vielerorts ist der Konsum legal. Wir schaffen als Gesellschaft Stereotype, in deren Kontext es erlaubt ist, Drogen zu konsumieren. Es glaubt ja sicherlich kaum jemand, dass die Leute nur aus Lust an der Musik die großen Diskotheken auf Ibiza füllen.

Schon in den 20er- und 30er-Jahren kamen zahlreiche Urlauber auf die Insel. Hatte das keine Auswirkungen hinsichtlich der Drogen?

Es gab unterschiedliche Rahmenbedingungen. Zum einen waren es weniger Menschen, die herkamen. Zum anderen blieben sie viel mehr unter sich, gründeten Kolonien. Es gab gar nicht so viele Räume, in denen die Ausländer und die Mallorquiner aufeinandertrafen. Sie lebten eher aneinander vorbei. Die Hürden waren größer als in den 60er-Jahren, als sich alles mehr vermischt hat.

"Cavalcar l'abisme": Cover des Buches von Tomeu Canyelles.

"Cavalcar l'abisme": Cover des Buches von Tomeu Canyelles. / Lleonard Muntaner

Eine andere These: Es ist unumgänglich, dass Drogen auf die Balearen gelangten.

Zumindest bieten die Balearen beste Voraussetzungen für den Drogenhandel. Da ist zum einen die geografische Lage. Die Nähe zu Nordafrika, einem der großen Exporteure von Haschisch. Im Norden haben wir Marseille, eines der großen Einfallstore für Drogen in Europa. Und wir dürfen nicht vergessen, dass es schon vor dem Drogenhandel viele Schmuggler gab. Mallorca hat nicht nur zwei Häfen. Die Insel hat viele, viele kleine Häfen. Es gab nicht nur etablierte Routen zur Einführung von Produkten, sondern auch persönliche Beziehungen. Die Balearen waren dabei nicht notwendigerweise das Zielgebiet. Von hier wurde die geschmuggelte Ware in andere europäische Länder geschafft. Der Drogenhandel hat viele dieser etablierten Routen und Mechanismen übernommen.

Spätestens in den 80er-Jahren lernte Mallorca die schrecklichen Folgen des Drogenkonsums kennen. Tausende starben an den direkten oder indirekten Folgen der Heroinsucht.

In den 70er-Jahren gab es zwei Wirtschaftskrisen, die dazu führten, dass viele Menschen ihre Jobs verloren und damit ihre Perspektive. Gleichzeitig begann mit dem Ende der Diktatur eine neue Epoche der Freiheit. Die Menschen fingen an, Dinge auszuprobieren. Bücher zu lesen, Filme zu schauen, die zuvor verboten waren. Es entstanden Subkulturen. Die Drogen waren ein idealer Begleiter auf dieser Reise. Sie waren nicht mehr nur materiell verfügbar, sondern auch kulturell. Letztlich hat das wenige Jahre später mit dem Heroin zu vielen Toten und viel Leid geführt. Und wir sind noch weit davon entfernt, dass wir aufgearbeitet haben, was da passiert ist.

In Ihrem Buch schreiben Sie, die Geschichte der Drogen auf den Balearen sei komplex und unangenehm. „Sie basiert auf vielen Faktoren, vor allem aber auf einem: dem Schweigen.“

Das ist fundamental. Auf Mallorca sind wir schon immer Spezialisten darin gewesen, alles Unangenehme unter den Teppich zu kehren. Man könnte sagen, wir haben nicht nur eine große Tourismusindustrie geschaffen, sondern eine Industrie des Totschweigens. Und das betrifft natürlich auch das Drama um die vielen Drogentoten. Das Schweigen ist eine Überlebensstrategie für viele Menschen. Und es verfolgt uns bis heute. Es hat bei manchen Interviewpartnern für dieses Buch viel Überzeugungsarbeit gekostet, dass sie mir ihre Geschichte erzählt haben.

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