"Unsichtbare Last": Wenn Kinder von Mallorca-Auswanderern zum Dauer-Übersetzer werden
Es kann spaßig sein, den Eltern beim Spanischübersetzen behilflich zu sein. Es kann aber auch zu einer Verantwortung werden, die erdrückt - wie jetzt der preisgekrönte Kurzfilm einer Mallorca-Zugezogenen eindringlich zeigt

Szene aus dem Film "“Ikaw Mag-Sabi”: Manche Auswanderer-Kinder müssen neben den Hausaufgaben auch den Papierkram der Eltern durchblicken / Jelwen Arconado
"Sag du es." Mal eindringlich, mal flehend, mal nebenbei fällt der Ausspruch. Dann der andere. "Was haben sie gesagt?" Wieder und wieder. Es sind die zentralen Sätze in dem kürzlich prämierten Kurzfilm "Ikaw Mag-Sabi". Es sind aber auch Sätze, die die Kinder vieler deutschsprachiger Mallorca-Auswanderer im Alltag ständig zu hören bekommen. Kinder, die auf der Insel geboren oder aufgewachsen sind, die neben ihrer Muttersprache Deutsch automatisch auch Spanisch und Katalanisch gelernt haben - und die für ihre weniger integrierten Eltern immer wieder als Übersetzer herhalten müssen.
"Unsichtbare Last"
"Ikaw Mag-Sabi" zeige die unsichtbare Last, schon seit der Kindheit kultureller Vermittler zu sein, schreibt die junge Filmemacherin Jelwen Arconado auf Instagram. Mit ihrem bewegenden Film hat sie vergangene Woche bei den Villanueva Showing Awards den ersten Preis in der Kategorie "Beste Regie" gewonnen.Der Preis gilt als renommierteste Auszeichnung unter Filmstudierenden in Spanien. Arconados Kurzfilm setzte sich gegen 1.300 Einsendungen durch. "Ich bin super glücklich", so die junge Mallorquinerin.

Jelwen Arconado bei der Preisverleihung am vergangenen Mittwoch (19.11.) / Redaktion DM
Genau wie das Kind im Film stammt auch Jelwen Arconado von den Philippinen. Sie war vier, als sie mit ihren Eltern nach Mallorca zog. Und ja, auch sie wurde immer wieder als Übersetzerin eingesetzt. "Ich lernte schnell Spanisch, das ist in dem Alter ja ganz normal", so die heute 22-Jährige. Teilweise sei es ein schönes Gefühl gewesen, den Eltern helfen zu können.
"Man fühlt sich wichtig, es kann auch spaßig sein", erinnert sie sich gegenüber der MZ. Aber genau das war es nicht immer. Dann nicht, wenn die kleine Jelwen eigentlich Hausaufgaben machen sollte, sich aber plötzlich mit komplizierten Behörden-Dokumenten ihrer Eltern auseinander setzen musste. Oder wenn sie bei Amtsterminen wiedergeben sollte, was der Sachbearbeiter da gerade alles an wichtigen Informationen erläutert hatte.
Parallelwelt statt Integration
Im Film werden weitere Situationen aufgezeigt. Ein Arztgespräch mit niederschmetternder Diagnose. Der Restaurantbesuch, bei dem die Mutter die Speisekarte nicht versteht - und letztlich die Kleine für alle bestellen muss. Das Telefonat, das die Tochter führen soll, und bei dem plötzlich wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen - und die Mutter, die auch mal aufbraust, weil sie das Gefühl hat, ihr Kind habe nicht richtig übersetzt oder sie übergangen. "Auch ich hatte solche Situationen mit meiner Mutter, wenn auch nicht ganz so extrem", berichtet Jelwen Arconado.
Bis heute griffen Arconados Eltern auf ihre Sprachkenntnisse zurück. "Obwohl meine Mutter mittlerweile recht gut Spanisch spricht. Aber wenn ich vor Ort bin, ist es für sie einfach bequemer - und eine alte Gewohnheit." Viele Filipinos ihrer Elterngeneration seien wenig offen für Neues, die Filipino-Gemeinschaft auf Mallorca ermögliche es ihnen, unter sich zu bleiben. Eine Parallelwelt, ganz ähnlich derer, die viele deutschsprachige Auswanderer davon abhält, richtig Spanisch zu lernen.

Szene aus “Ikaw Mag-Sabi”: Auch bei Amtsgängen werden Kinder oft als Übersetzer eingesetzt. / Jelwen Arconado
"Dass Kinder immer und überall als Übersetzer für die Eltern fungieren müssen, ist etwas, das bei ganz vielen Migrantenfamilien absolut normal ist. Dennoch wird es nie thematisiert, erst recht nicht auf der großen Leinwand", sagt Arconado, die sich als Filmemacherin auch künftig mit dem Thema Migration befassen will.
KI als Ausweg?
"Ikaw Mag-Sabi" (der Filmtitel auf der auf den Philippinen gesprochenen Sprache Tagalog bedeutet "Sag du es") war Arconados Abschlussprojekt an der Designhochschule ESDI Barcelona. Drei Tage lang drehte sie im Frühsommer auf Mallorca, unterstützt von einem Team, das sie sich extra für den Dreh zusammensuchte. "Meine Kontakte im audiovisuellen Bereich sind alle in Barcelona, die Schauspielerinnen fand ich aber auf der Insel. Also musste ich hier vor Ort auf Menschen zugehen, damit sie mich unterstützten", berichtet die 22-Jährige. Jetzt, mit dem Uni-Abschluss in der Tasche und dem Filmpreis in der Hand sucht sie nach einem Produzenten für neue Projekte. Ein Gutes habe ihre Aufgabe als junge Übersetzerin gehabt. "Ich bin sehr schnell selbstständig geworden - mir blieb ja nichts anderes übrig."
Vielleicht, sinniert Arconado, seien künftige Elterngenerationen ja etwas offener, was dieses Thema angeht. Und nicht zuletzt sind da ja auch noch KI und andere digitale Übersetzungsprogramme - Hilfsmittel, die in Zukunft dazu führen können, dass der Auswanderernachwuchs vielleicht nach und nach entlastet wird - und die Kinder wieder Kinder sein können.
Den Link zum Kurzfilm "Ikaw Mag-Sabi" finden Sie hier.
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