Zum Hauptinhalt springenZum Seitenende springen

Selbstzweifel und Millionenpublikum: Eine Ex-Tagesschau-Sprecherin verrät, wie sie die Nerven behält

Zwölf Jahre lang gehörte Ina Böttcher zum Sprecherteam der „Tagesschau“. Heute macht sie Frauen Mut, vor die Kamera zu treten - und baut sich auf Mallorca ein zweites Zuhause auf

Ob vor oder hinter der Kamera: Ina Böttcher ist Medienprofi – und baut auf Mallorca ein zweites Zuhause auf.

Ob vor oder hinter der Kamera: Ina Böttcher ist Medienprofi – und baut auf Mallorca ein zweites Zuhause auf. / Nele Bendgens

Sophie Mono

Sophie Mono

Perfekt geschminkt, perfekte Haltung, perfekte Aussprache. Wenn Ina Böttcher vor die Kamera tritt, stimmt alles. Seriös wirkt sie, freundlich – und entspannt. Keine Spur von Nervosität und Selbstzweifeln. Dabei kennt die 50-Jährige auch das. Lampenfieber, Angst vor Ablehnung, Panik vor einem Blackout. „Die Moderation der ,Tagesschau‘ war die härteste Schule, mehr geht nicht“, sagt sie.

"Ich bin keine Rampensau"

Auch ohne Kamera wirkt Ina Böttcher professionell. Sie weiß im MZ-Interview mitzureißen, klar und überlegt zu formulieren, hier, im Garten der Mallorca-Finca, in der sie sich übergangsweise eingemietet hat. Gleichzeitig bleibt sie nahbar, neugierig, sympathisch. Keine Spur von Arroganz. Offen. Die ideale Interviewpartnerin. Kein Wunder – das zu sein, lehrt Böttcher ihre Kunden.

Ich bin keine Rampensau, war es nie“, beteuert die 50-Jährige und lächelt nachdenklich. Man glaubt es ihr. „In der Schule früher war ich sehr schüchtern“, erinnert sie sich. Damals, in ihrer Heimat, einem kleinen Dorf bei Bonn. „Ich bin Journalistin geworden, weil mich die Geschichten der Menschen interessieren“, sagt sie. Und nicht, um selbst im Mittelpunkt zu stehen. „Meine große Liebe war das Radio.“ Bei einem kleinen Sender machte sie ihr Volontariat und rutschte dort eher zufällig in die Moderation. Später, nach dem Studium, arbeitete sie unter anderem für den Sender XXP von Spiegel-TV. Noch immer glänzen ihre Augen, wenn sie sich an das 45-minütige Talk-Format erinnert, in dem sie damals tiefgründige Gespräche mit Interviewpartnern führen durfte. „Das war das, was ich immer wollte“, sagt sie.

Freiheit statt Angst

Dann der Sprung in den hochkarätigen Nachrichtenjournalismus: ins Sprecherteam der „Tagesschau“. Nicht, um Karriere zu machen. Sondern aus dem ständigen Drang, die eigene Komfortzone zu verlassen, sich weiterzuentwickeln. „Hinter jeder Angst steckt die Freiheit. Stellt man sich ihr, wächst man“, sagt Ina Böttcher. Bei anderen würde die Phrase hohl klingen, bei ihr klingt sie authentisch.

Sie kann sich noch gut erinnern, an jenen Tag im Jahr 2006. Sie im Studio, kurz vor ihrer ersten „Tagesschau“. Fünf Minuten Livemoderation nur, aber vor Millionenpublikum. „Damals hatte ich bereits zwölf Jahre Moderationserfahrung hinter mir. Und doch dachte ich, ich würde kein Wort herausbekommen.“ Zu Unrecht. Die Worte kamen. Und Böttcher blieb, ganze zwölf Jahre lang.

Daneben private Tiefen. Eine herausfordernde Trennung. Plötzlich alleine mit der damals erst zweijährigen Tochter. Abgehetzte Taxifahrten vom Studio zur Kita, die kleine Tochter wartend, als eine der letzten im Hort. Nach acht Stunden Performance vor der Kamera dann Nachmittage hingebungsvoller Kleinkind-Kommunikation. „Die Krise hat mich stark gemacht. Ich bin stolz darauf, was ich geschafft habe. Und vielleicht auch ein Vorbild für meine Tochter“, sagt sie.

Zwischen zwei Welten

16 Jahre alt ist die „Kleine“ mittlerweile – und aktuell in einem Schüleraustauschjahr in Kanada. „Meine Chance, nach Mallorca zu kommen“, so Böttcher. Um zu versuchen, auch hier als selbstständige Medientrainerin und -beraterin zu arbeiten. Schon während ihrer letzten Jahre bei der „Tagesschau“ sei sie immer wieder spontan zur Coachin geworden. Im Studio, zwischen den Sendungen. Wenn Interviewgäste nervös waren, beruhigte sie sie, gab ihnen Tipps und Techniken an die Hand, wie sie die Live-Auftritte meistern konnten. „Das gab mir viel“, so Böttcher. Sie absolvierte eine Systemische Ausbildung zur lösungsfokussierten Beraterin – und befand sich plötzlich zwischen zwei Welten: Auf der einen Seite die Nachrichtenwelt, schnelllebig und hart, auf der anderen die Coaching-Welt, bei der sich alles um Achtsamkeit und Wertschätzung dreht. „Schnell hatte ich eine klare Intuition, in welche Richtung ich steuern will“, sagt Böttcher. Zumal sie nach zwölf Jahren „Tagesschau“ neue Herausforderungen suchte.

Und die bekam sie. Von Anfang an sei das Coaching gut angelaufen, doch nicht alle ihrer vielfältigen Projekt-Ideen gingen finanziell auf. „Plötzlich war es meine Tochter, die mich an das erinnerte, was ich mir vorher immer selbst gesagt hatte: ‚Mama, das wird klappen‘.“

Ja, es klappte. Um neue Aufträge muss sich Böttcher keine Gedanken machen. Aus der gesamten Bundesrepublik fragen Führungskräfte verschiedenster Branchen ihr Medien- und Präsentationstraining an, üben mit ihr die Präsenz vor der Kamera, auf der Bühne, vor großen Gruppen. Reflektieren mit ihr zusammen, wie sie wirken, was sie gut machen – und was sie verbessern können.

Frauen stärken

Ina Böttcher will mit ihrem Medientraining mehr Frauen vor die Kameras holen

Ina Böttcher will mit ihrem Medientraining mehr Frauen vor die Kameras holen / privat

Mittlerweile wählt Böttcher genau aus, mit wem sie zusammenarbeitet. Politiker, denen es vor allem um manipulative Rhetorik und Machtspiele geht, trainiert sie nicht mehr. Ihr Fokus stattdessen: Frauen, die viel zu sagen haben, aber nicht genau wissen, wie. „Ich will sie in ihre Kraft und in die Sichtbarkeit bringen. Noch immer kommen in den Medien auf eine weibliche Expertin vier männliche Experten. Dabei gibt es unglaublich viele Frauen, die sehr kompetent in ihrem Fachgebiet und hochintelligent sind, aber dann vor der Kamera erstarren.“

Sich kleiner zu machen, als sie sind – eine verbreitete Unart vieler Frauen. „Dahinter stecken oft alte Blockaden und Glaubenssätze. Die Kamera wirkt wie eine Lupe für ihre Selbstzweifel und Ängste“, so Böttcher weiter. In ihren Gruppen- und Einzelcoachings versucht sie, genau diese aufzulösen. Oft muss sie dafür tief in die Persönlichkeitsentwicklung ihrer Kundinnen eintauchen, ihre Geschichten kennenlernen und erfassen. „Ja“, bestätigt sie. „Ähnlich wie damals, als junge Journalistin.“ Und doch anders. Weitergehend.

Auf Mallorca gehe das noch besser als in Hamburg. „Es herrscht eine besondere Atmosphäre, die die Menschen mutiger macht. Die Leute entschleunigen hier, und in dem Zustand ist es einfacher, in die Tiefe zu gehen und zu wachsen.“ Noch pendelt Böttcher zwischen Hamburg und Mallorca – auch, weil ihre Tochter ja nächstes Jahr wieder nach Hause kommt. Ihre Kundinnen trifft sie teils auf der Insel, teils in Deutschland, teils online. Langfristig kann sie sich vorstellen, ganz hier zu leben, gerade lernt sie Spanisch. Neue Herausforderungen, immer wieder. Auch in puncto Selbstzweifel. „Kaum hat man einen aufgelöst, kommt ein neuer“, sagt sie und wirkt plötzlich sehr geerdet. Auch das sei in Ordnung. „Hauptsache, man geht trotzdem weiter.“

Mehr über Ina Böttcher auf ina-boettcher.de und in ihrem Podcast „Wirkungsvoll“. 

Abonnieren, um zu lesen

Tracking Pixel Contents