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Keine Angst vor Überfremdung: Warum ein Mallorquiner in Artà neuerdings Messen auf Deutsch hält

Seit Kurzem hält ein mallorquinischer Mönch jeden Sonntag eine deutsche Messe in der Klosterkirche in Artà. Auch an Heiligabend lädt er zum Gottesdienst. Für ihn ist es kulturelle Annäherung statt Abgrenzung

Freut sich über alle, die aus seinen Messen Kraft schöpfen: Pater Tomeu Pastor Oliver.

Freut sich über alle, die aus seinen Messen Kraft schöpfen: Pater Tomeu Pastor Oliver. / Sophie Mono

Sophie Mono

Sophie Mono

„Wir sagen euch an den lieben Advent ...“ – die deutschen Liedzeilen schwingen durch die Gewölbe der alten Klosterkirche von Artà. Pater Tomeu steht schon am Altar. Als die letzten Töne verklingen, beginnt er die deutschsprachige Sonntagsmesse mit der Kyrie. „Herr, erbarme dich.“ Draußen: Mallorca und der Alltagsstress. Drinnen: ein Stück Deutschland – und Ruhe. Vorweihnachtsstimmung, Erinnerungen, Heimatgefühle. Nicht die schlechteste Art, um innezuhalten, an diesem dritten Advent.

Messe auch für wenige

Es ist angenehm, dem Franziskanermönch zuzuhören. Sein Deutsch ist nicht akzentfrei, aber die Aussprache gut. Sein Vokabular ist erstaunlich ausgeprägt. Vieles liest er ab, von einem Handzettel, den auch die Besucher der Messe am Eingang erhalten haben. Manchmal improvisiert er auch. Freundlich, ruhig, nahbar.

Fünf Menschen sind es nur, die ihm diesmal zuhören. Deutsche Vorweihnachtslieder, deutsche Gebete, deutsche Predigt. Immer wieder lädt Pater Tomeu die Besucher ein, mitzusprechen, teilzuhaben. Dass es heute nur so wenige sind, stört ihn nicht. „Die Anzahl ist mir ganz egal. Ich halte die Messe auch für eine Person“, sagt er etwa eine Stunde später. Die Besucher sind wieder gegangen, die Kerzen am Altar gelöscht. Sein violettes Messgewand hat der Geistliche abgelegt, ist dafür wieder in seine braune Mönchskutte geschlüpft.

Neue Routine

79 Jahre alt ist Pater Tomeu, der mit vollem Namen Tomeu Pastor Oliver heißt. Ein echter Mallorquiner aus dem Inseldorf Sant Joan. „Dass ich Deutsch gelernt habe, ist lange her. In einem vergangenen Jahrtausend“, sagt er verschmitzt. Damals, zu seiner Studienzeit. Sieben Jahre lang lebte er in Wien. Überhaupt ist der Geistliche in seinem Leben viel herumgekommen, hat immer wieder im europäischen Ausland gelebt.

Seit vielen Jahren ist er zurück auf der Insel – und hat den Kontakt zur deutschen Sprache nie wirklich aufgegeben. Von 2009 bis 2013 organisierte er deutschsprachige Gottesdienste in Cala Millor. „Manchmal war nur eine Person dort, manchmal waren es 300“, erinnert er sich. Dann verschlug es ihn ins Kloster in Artà, wo er bis heute mit zwei weiteren Glaubensbrüdern lebt. Vor etwa drei Jahren hielt er in der Klosterkirche erstmals Messen auf Deutsch, aber eher sporadisch. An Weihnachten und zu anderen Gelegenheiten. Seit einem Monat nun die neue Routine: Jeden Sonntag um 11 Uhr empfängt er in dem alten Gemäuer deutschsprachige Gläubige . „Wir werden es ein paar Monate lang machen, dann schauen, ob es weitergeht“, sagt er.

Die Idee sei von ihm ausgegangen, aber ein paar engagierte deutsche Auswanderer unterstützen ihn bei der praktischen Organisation. Die inhaltliche Vorbereitung der Messe übernimmt Pater Tomeu selbst – wenn auch mithilfe einer österreichischen Website, von der er die Texte kopiert. Gerangel um die Klosterkirche gibt es nicht. „Die Sonntagsmesse der Mallorquiner findet in der Pfarrkirche in Artà statt, hier ist also niemand.“

Kulturelle Bereicherung

Ja, betont der Mönch. Er glaube schon, dass manchen Auswanderern eine deutsche Messe im Inselosten viel gebe. „Natürlich könnten sie in eine der vielen katholische Messen auf Spanisch und Mallorquinisch gehen. Aber einige intime Dinge kann man nur in der eigenen Sprache wirklich nachempfinden.“ Ganz abgesehen davon, dass es trotz der weltweit einheitlichen katholischen Liturgie auch Unterschiede darin gebe, wie man eine Messe feiert. „Das zeigt sich besonders in der Vorweihnachtszeit. Adventskränze kennen die Mallorquiner kaum. Und das ist nur ein Beispiel.“ Auch in der Kar- und Osterzeit seien die Schwerpunkte und Blickwinkel in den verschiedenen Ländern unterschiedlich.

Angst vor Überfremdung? „Mir gegenüber hat sich noch kein Mallorquiner ablehnend über die deutsche Messe geäußert“, sagt Pater Tomeu. Er selbst käme gar nicht auf die Idee. Für ihn sind die verschiedenen Bräuche eine kulturelle Bereicherung. Es gehe bei der deutschen Messe nicht um Abgrenzung von den einheimischen Katholiken, sondern um Annäherung. „In den vergangenen Jahren sind viele nordische Winterbräuche auf die Insel gekommen, das ist doch schön“, sagt er.

Und selbstverständlich lernten auch die deutschsprachigen Katholiken noch etwas über die mallorquinischen Bräuche, wenn sie in seine Kirche kämen. Im ökumenischen deutschsprachigen Weihnachtsgottesdienst beispielsweise, den der Franziskanermönch an Heiligabend um 17 Uhr in der Klosterkirche abhalten wird, können die Zugezogenen und Urlauber neben deutschen Weihnachtsliedern, Gebeten und Predigten auch einen Teil des typisch mallorquinischen Sibyllengesangs zu hören bekommen – vorgetragen von der deutschen Sopranistin Ananda Bernstein. „Auf einem Handzettel bekommen alle die deutsche Übersetzung und auch ein paar Erläuterungen dazu, was es mit dem Sibyllengesang auf sich hat“, sagt der Franziskanermönch. Zwischen 70 und 100 Besuchern erwartet er zum Weihnachtsgottesdienst. „Viele kommen nur an Weihnachten. Aber auch das ist in Ordnung.“

Menschen nicht drängen

Dass sein Angebot ansonsten keine Massen in Bewegung setzen wird, ist dem Mallorquiner bewusst. „Viele Menschen, egal welcher Herkunft, haben das Bedürfnis nach Spiritualität und Werten – gleichzeitig erfahren aber Begriffe wie Religion, Glaube und Kirche in der Gesellschaft in Europa immer mehr Ablehnung.“ Es klingt nicht verbittert oder resigniert, nur sachlich. „Wir alle sind daran mit schuld“, sagt Tomeu Pastor Oliver schlicht.

Die Menschen in den Glauben zu drängen, funktioniere nicht. Stattdessen versucht er, ihnen Räume zu geben, um sich zu besinnen und auf ihre eigene Art Spiritualität zu erfahren. So, wie im Eingangsbereich der Klosterkirche, der täglich von 8 bis 19 Uhr geöffnet ist. Erst neulich sei immer wieder ein Mann dort hingekommen, um einen schweren Verlust zu verarbeiten. „Er ist nicht religiös, trotzdem hat ihm dieser Ort geholfen.“ Auch über die Schönheit von Musik und Kunst versucht Pater Tomeu, die Menschen zu erreichen. Mit Konzerten, Ausstellungen. Auch eine Möglichkeit, zu Gott zu finden. Indirekt.

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