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Dieser Mann erforscht sie alle: Was Glocken über Mallorcas Geschichte verraten

Klingendes Welterbe: Der Mallorquiner Josep Lluís Riera erforscht die Glocken der Balearen. Es ist eine Lebensaufgabe, bei der er auch auf eine ganz besondere Tradition zu Weihnachten gestoßen ist

Josep Lluís Riera mit Sicherheitshelm in Llucmajor.

Josep Lluís Riera mit Sicherheitshelm in Llucmajor. / Pep Lluís Riera

Frank Feldmeier

Frank Feldmeier

Besser in Begleitung und stets mit Kopfschutz: Josep Lluís Riera übt zwar keinen Extremsport aus, trifft aber stets Vorsichtsmaßnahmen und wägt Risiken ab, wenn er seinem Hobby nachgeht. Der Mallorquiner erforscht Glocken, und im Gegensatz zu anderen historischen Schätzen auf den Balearen befindet sich sein Forschungsobjekt oft in mehr als 30 Meter Höhe. Der Aufstieg ist mitunter ungesichert.

„Manche Kirchtürme haben Vogelschutzgitter, aber nicht alle“, erklärt der 67-Jährige. Der Kirchturm von Sant Nicolau in Palma mit seinen fünf Glocken beispielsweise verfüge über keine Absperrung. Und auch auf die Informationen der Pfarrei, zu welchen Uhrzeiten geläutet wird, verlässt sich Riera aus Erfahrung lieber nicht. „Wenn sich dann plötzlich neben dir 400 Kilo Bronze in Bewegung setzen, muss man schon auf der Hut sein“, sagt er.

In Klöstern herrscht meist noch Handbetrieb: Glockenstuhl des Convent de la Mercè in Palma

In Klöstern herrscht meist noch Handbetrieb: Glockenstuhl des Convent de la Mercè in Palma / Pep Lluís Riera

Der Mallorquiner ist kein studierter Historiker, sondern pensionierter Sozialarbeiter. Geschichte habe ihn aber schon immer interessiert, und die Campanologie ziehe ihn seit inzwischen rund 15 Jahren in den Bann. Der Ruf ereilte ihn beim Besuch eines Konvents. Riera erkannte: Glocken bringen viele Facetten der Geschichte gleichzeitig zum Klingen – von Architektur, Handwerks- und Ingenieurskunst über Anthropologie (das Geläut und die Glöckner) bis hin zu Liturgie und Musik. Dieses immaterielle Welterbe der Unesco sei auf den Balearen kaum erforscht. Wie viele campanes gibt es eigentlich auf den Inseln? Welcher Art sind sie? Und wie lässt sich mehr für ihren Erhalt tun? „Es gibt wenig Schriftliches, und es sind vor allem Einzelstudien“, sagt Riera. Zudem konzentriere sich das Interesse einseitig auf die Glocken in Palmas Kathedrale, die zwar die eindrucksvollsten seien, aber nur ein kleiner Teil eines riesigen Bestands.

Diese Forschungslücke zu füllen, ist eine Lebensaufgabe. Riera hat zunächst in Archiven die Register von Kathedralen, Kirchen und Klöstern auf den Balearen durchforstet, aber auch von Landgütern mit Kapellen oder zivilen Gebäuden wie Rathäusern. Auf dieser Basis ließ sich eine Mindestzahl von Glocken schätzen. Dann begann die zweite Phase, das Fotografieren und Dokumentieren der Exemplare vor Ort. Im Zuge dieser Recherche stieg die Gesamtzahl immer weiter. Derzeit liegt sie bei 2.009 – wobei bislang erst rund 40 Prozent der dokumentierten Orte gesichtet sind.

Dass Mallorcas mächtigste Glocke, die 4,5 Tonnen schwere n’Eloi, in Palmas Kathedrale hängt, mag nicht überraschen – sie läutet selten, etwa wenn es einen neuen Papst oder neuen Bischof gibt. Riera hat aber auch die wohl kleinste Glocke ausgemacht, in der Pfarrkirche Sant Miquel von Llucmajor. Sie wiegt zwei Gramm, hat einen Durchmesser von 3,2 Zentimetern und erklang, wenn sich die Balgtreter mehr ins Zeug legen sollten – dann, wenn der Orgel die Luft auszugehen drohte und die Blasebälge stärker betätigt werden mussten.

Glockengiebel im Hotel Rosetó, einem früheren Konvent.

Glockengiebel im Hotel Rosetó, einem früheren Konvent. / Pep Lluís Riera

Als Glocken-Hochburg darf vorerst Sa Pobla gelten, mit 39 identifizierten Exemplaren. „Es ist die Pfarrgemeinde, in der ich auf die meisten Exemplare gestoßen bin“, so der Mallorquiner. Die Glocken, sie hängen nicht nur in Glockentürmen (campanars), sondern auch in Sakristeien oder in Glockengiebeln (espadanyes) wie im Fall des alten Hospiz von Sineu. Die campana des früheren Convent de les Reparadores schmückt heute den Rooftop-Pool des dort eröffneten Boutiquehotels Rosetó. Andere Glocken lagern in Ausstellungsräumen oder Rumpelkammern. Auch die Signalglocke im Führerstand der Straßenbahn von Sóller hat es in den Bestand geschafft. Nicht zu vergessen sind zudem die unscheinbaren Handglocken, zu finden im Altarraum oder auf der Empore.

Glockengiebel im alten Hospiz von Sineu.

Glockengiebel im alten Hospiz von Sineu. / Pep Lluís Riera

Inventur auf Etappen

Dass Mallorcas mächtigste Glocke, die 4,5 Tonnen schwere n’Eloi, in Palmas Kathedrale hängt, mag nicht überraschen – sie läutet selten, etwa wenn es einen neuen Papst oder neuen Bischof gibt. Riera hat aber auch die wohl kleinste Glocke ausgemacht, in der Pfarrkirche Sant Miquel von Llucmajor. Sie wiegt zwei Gramm, hat einen Durchmesser von 3,2 Zentimetern und erklang, wenn sich die Balgtreter mehr ins Zeug legen sollten – dann, wenn der Orgel die Luft auszugehen drohte und die Blasebälge stärker betätigt werden mussten.

Als Glocken-Hochburg darf vorerst Sa Pobla gelten, mit 39 identifizierten Exemplaren. „Es ist die Pfarrgemeinde, in der ich auf die meisten Exemplare gestoßen bin“, so der Mallorquiner. Die Glocken, sie hängen nicht nur in Glockentürmen (campanars), sondern auch in Sakristeien oder in Glockengiebeln (espadanyes) wie im Fall des alten Hospiz von Sineu. Die campana des früheren Convent de les Reparadores schmückt heute den Rooftop-Pool des dort eröffneten Boutiquehotels Rosetó. Andere Glocken lagern in Ausstellungsräumen oder Rumpelkammern. Auch die Signalglocke im Führerstand der Straßenbahn von Sóller hat es in den Bestand geschafft. Nicht zu vergessen sind zudem die unscheinbaren Handglocken, zu finden im Altarraum oder auf der Empore.

Kommunionsglocke in Maria de la Salut

Kommunionsglocke in Maria de la Salut / Pep Lluís Riera

Oder auch Glockenräder, rodes de campanetes. Diese liturgischen Utensilien, von denen Riera mehr als ein Dutzend erfasst hat, sind eine Besonderheit im katalanischsprachigen Raum. Wird das Rad mithilfe eines Seilzugs gedreht, erklingen die sechs bis zwölf daran befestigten Glocken gleichzeitig, läuten hell, festlich und fröhlich. „Die roda de campanetes kommt nur an hohen Kirchenfeiertagen zum Einsatz“, erklärt der Mallorquiner, „zur weihnachtlichen Mitternachtsmesse oder in der Karwoche.“ Fündig wurde er in Inca, Llucmajor, Costitx, Sencelles, Algaida, Petra, Pollença, Porreres, Puigpunyent, Santa Maria, Bunyola, Binissalem, Ariany sowie in Palma in den Kirchen Sant Nicolau und Santa Eulàlia.

Glockenrad  auf Ibiza

Glockenrad auf Ibiza / Pep Lluís Riera

Faustformel für das Gewicht

Auch eine Audio-Aufnahme ist Teil der Dokumentation, neben einer Skizze von Glocke und Glockenstuhl, den Koordinaten, dem Erhaltungszustand, der Betriebsart (manuell oder elektrisch) und den Abmessungen. Das Gewicht berechnet Riera mit einer Faustformel, in die er den Durchmesser einsetzt.

Dabei erweist sich der historische Umstand als praktisch, dass im Prinzip alle Kirchenglocken auf den Balearen dem Typ campana esquella (Hohlbecherglocke) zuzuordnen sind. Der Grund: Mallorca wurde erst 1229 von den Arabern zurückerobert, und als dann im 13. Jahrhundert statt Moscheen Kirchen auf den Balearen gebaut werden sollten, war die bis dato in Europa verbreitete Romanische oder Bienenkorbglocke (campana romana) bereits von der Hohlbecherglocke abgelöst.

Die ältesten Glocken fanden sich im Konvent von Santa Clara, im Kloster La Concepció sowie in der Pfarrgemeinde von Alcúdia, sie stammen allesamt von 1309. Drei Jahre später folgten Na Prima, Na Picarol, Na Matines und Na Mitja in Palmas Kathedrale, wo heute neun Glocken ein einzigartiges historisches Ensemble bilden. Die Namen beschreiben Gebetszeiten (Prim, Matutin) oder auch Größe (Sa Grossa, Sa Petita) und Klang. Andere Glocken bekamen den Namen von Heiligen verpasst - wobei die Kirche hier ausnahmsweise vor allem Frauen zum Zug kommen ließ.

Neben Inschriften in der Glocke dokumentiert Riera auch die Signatur des Glockengießers. Im Mittelalter waren dies spezialisierte Wanderhandwerker, die die Glocken direkt vor Ort in einem Lehmbett gossen: Aus Ziegelsteinen und Tonerde errichteten sie einen inneren Kern, darauf ein „falsches“ Modell mit Verzierungen und Inschrift, und darauf wiederum den äußeren Mantel. Nach der Trocknung wurde das Innere entfernt, das Modell in einer Grube versenkt und der Hohlraum zwischen Kern und Mantel mit einer Legierung aus geschmolzenem Kupfer und Zinn befüllt.

Später, ab der frühen Neuzeit, wurden Glocken auch nach Mallorca importiert, vor allem aus anderen Regionen Spaniens. Aber auch Exemplare aus Frankreich (Maria de la Salut), Amsterdam und Rotterdam (Ibiza) fanden ihren Weg auf die Balearen. Deutsche Spuren hat Riera bislang noch nicht ausgemacht – mit Ausnahme eines Glöckchens in einem Kloster in Palma. Es trägt die Inschrift „PS-Graf_SPEE 1939“: eine Gedenkglocke mit 20 Zentimeter Durchmesser, womöglich hergestellt aus geborgenen Metallteilen der „Graf Spee“. Dieses Panzerschiff hatten die Deutschen im Zweiten Weltkrieg nach einer Seeschlacht am Río de la Plata selbst versenkt, um es dem Feind nicht in die Hände fallen zu lassen. Auf unbekannten Wegen gelangte dann eines der von der Schiffsglocke inspirierten Erinnerungsstücke auch nach Mallorca. „Das Kloster möchte ich mir noch genauer anschauen“, meint Riera.

Glocken zu Munition

Umgekehrt gab es auch Glocken auf Mallorca, die für die Herstellung von Kriegsmunition eingeschmolzen wurden. Das konnte der mallorquinische Forscher anhand von Briefwechseln zwischen Pfarreien und Bistum herausfinden. Darin informierten Pfarrer den Bischof darüber, dass Militärs im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) ausrangierte oder kaputte Glocken für die nationale Sache beanspruchten – ein Wunsch, dem in mehreren Fällen stattgegeben wurde.

Von seinen Erkenntnissen berichtet Riera auf Vorträgen im Rahmen kommunaler Forschungsprojekte, auch eine Website ist in Planung. Und während er sich derzeit die rund 80 recherchierten Standorte in Palma vornimmt, zieht die Campanologie immer weitere Kreise auf den Balearen. Dutzende Helferinnen und Helfer arbeiten ihm zu und geben Tipps, wo er noch vorbeischauen sollte. Vorgelassen werde er fast immer, so auch im Fall einer verdutzten Deutschen in Porreres. Ob er wegen der Reparatur des Kühlschranks gekommen sei, habe ihn die Besitzerin des Landguts gefragt. Der Mallorquiner verneinte: Er komme wegen der Glocke auf dem Grundstück, von der er erfahren habe.

Wer Tipps für die Forschungsarbeit hat oder mithelfen will, kann sich melden unter:

  • E-Mail: campanesib@gmail.com
  • WhatsApp: +34 609-85 93 83
  • Instagram: @rieramoll
  • Facebook: peplluis.rieramoll

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