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Ferien in einer anderen Welt: Mallorca sucht Gastfamilien für Sahraui-Kinder

Kein fließendes Wasser, keine medizinische Versorgung: Für viele sahrauische Kinder ist das Programm „Vacances en Pau“ die erste Begegnung mit einer anderen Welt.

Gruppenfoto einer Sahraui-Kindergruppe auf Mallorca.

Gruppenfoto einer Sahraui-Kindergruppe auf Mallorca. / Associació d'Amics del Poble Sahauri

Sophie Mono

Sophie Mono

Leben in Zelten oder Lehmhütten, ohne fließend Wasser, ohne umfassende medizinische Betreuung, inmitten von Sandstürmen und Dürre. Für die Kinder der Sahrauis, dem Nomadenvolk, das seit Jahrzehnten in staubigen Flüchtlingscamps in Algerien haust, ist das der ganz normale Alltag. „Die Kinder kennen es nicht anders. Sie sind nicht traumatisiert. Aber wenn sie hier auf Mallorca ankommen, begeistert sie alles“, sagt Catalina Rosselló. Seit nunmehr 39 Jahren organisiert die Mallorquinerin gemeinsam mit anderen Mitstreitern das Programm „Vacances en Pau“ – Ferien in Frieden.

"Nehmt unsere Kinder mit"

Zwei Sommermonate lang kommen die Kinder des Wüstenvolkes bei Familien auf den Balearen unter. Sehen hier zum ersten Mal das Meer, zum ersten Mal Wasserhähne, Pools, Kinos, Autobahnen ... „Für die Kinder eine unvergleichliche Chance, einmal rauszukommen aus dem Flüchtlingslager. Einen Sommer ohne Sorgen zu haben. Denn an die 55 Grad, die dort im Sommer herrschen, kann man sich nicht gewöhnen“, sagt Catalina Rosselló.

Die Kinder wachsen in Flüchtlingslagern in der Sahara auf

Die Kinder wachsen in Flüchtlingslagern in der Sahara auf / Associació d'Amics del Poble Sahauri

Sie weiß, wovon sie spricht. Schon mehrmals war sie selbst in den Lagern, lebte mit den Menschen dort zusammen. Zum ersten Mal im Jahr 1987, als sie gemeinsam mit anderen Mallorquinern die Vereinigung Associació d’Amics del Poble Sahrauí gründete. „Wir verliebten uns sofort in das Volk, man kann gar nicht anders“, schwärmt sie. „Nehmt unsere Kinder im Sommer mit“, hatten die Menschen dort gebeten. Und bereits wenige Monate später kamen tatsächlich die ersten Sahraui-Kids auf die Insel. „15 Kinder waren es damals, wir brachten sie in Jugendherbergen unter“, erinnert sich Rosselló. Erst seit dem dritten Jahr setzt die Vereinigung auf die Unterbringung in Familien.

Neue Perspektiven - für beide Seiten

„Es ist nicht nur für die Kinder selbst schöner, wenn sie in einem familiären Umfeld leben können, sondern auch für die Gastgeber“, so Rosselló. Sie selbst nahm im Laufe der Jahre mehrere Kinder auf. Die Verbindung besteht bis heute. „Diese Kinder sind die besten Botschafter. Sie geben einem sehr viel. Zeigen die Ungerechtigkeit auf, die seit 50 Jahren in der Sahara herrscht und knüpfen Verbindungen, die anders niemals zwischen den Balearen-Bewohnern und dem Wüstenvolk zustande kämen“, sagt die Aktivistin. Und betont noch einen Aspekt: „Die Gastkinder öffnen auch uns und unseren Kindern die Augen dafür, dass nicht alles, was wir haben, selbstverständlich ist.“

An dem Programm teilnehmen können Kinder zwischen acht und elf Jahren. „Im Idealfall kommen sie mehrere Sommer hintereinander, aber die Anzahl der Gastfamilien ist seit der Pandemie stark zurückgegangen, sodass nicht alle Kinder mehrmals kommen können“, berichtet Rosselló. In manchen Sommern seien es bis zu 200 Gastkinder auf den Balearen gewesen. „Sie waren über alle Gemeinden verteilt. Wenn sie kamen, fing der Sommer an.“ In den vergangenen Jahren aber hätten lediglich rund 90 Plätze zur Verfügung gestanden. „Wir wissen selbst nicht genau, warum weniger Gastfamilien mitmachen“, so Rosselló. Möglicherweise wegen Geld- und Wohnraumsorgen auf Mallorca.

Unvergesslich

Dabei müssen die Gastfamilien den Kindern gar nicht viel bieten. Um die medizinische Versorgung kümmert sich die Vereinigung, ebenso um die Papiere und die bürokratischen Hürden. Auch einige Ausflüge sowie eine Willkommens- und eine Abschiedsfeier organisiert der Verein. „Die Gastgeber stellen lediglich das Essen und die Kleidung. Und natürlich einen Ort, an dem sich das Kind wohlfühlen kann. Mit der gleichen Zuneigung und den gleichen Grenzen, die auch für die eigenen Kinder gelten.

Sahauri-Mädchen während ihres Sommer-Aufenthalts auf Mallorca

Sahauri-Mädchen während ihres Sommer-Aufenthalts auf Mallorca / Associació d'Amics del Poble Sahauri

Dabei sei es nicht einmal Voraussetzung, selbst Kinder zu haben, um Gastgeber zu werden. „Auch Alleinstehende oder kinderlose Paare können mitmachen.“ Jeder Haushalt werde von der Vereinigung geprüft – darauf, ob die Umgebung kindgerecht (sprich: nicht gefährlich) ist, und ob die Erwachsenen den normalen Aufsichtspflichten der Ferien-Eltern gerecht werden können. Auch das Vorstrafenregister wird geprüft. „Wer arbeitet, kann die Kinder auch in einer Sommerschule anmelden. Sogar gemeinsame Urlaube sind erlaubt, solange sie nicht länger als 15 Tage dauern und Spanien nicht verlassen wird.“

Ansprechpartner bei Problemen

Auch bei Problemen mit der Sprache, Heimweh oder anderen Komplikationen steht der Verein den Gastfamilien zur Seite. „Alle bekommen Kontakte von Übersetzern und unseren Mitarbeitern, die sie jederzeit anrufen können.“ Erstaunlicherweise gewöhnten sich die meisten Kinder aber sehr schnell ein, auch Verständigungsprobleme lösten sich oft schnell. Die Kinder sollen in einem Charterflug Anfang Juli anreisen, zurück geht es Ende August.

„Wer mitmachen will, sollte möglichst schnell Kontakt zu uns aufnehmen“, sagt Catalina Rosselló. Bei Informationsveranstaltungen könnten die Teilnehmer auf Mallorca Fragen im Vorfeld klären und andere Gastfamilien kennenlernen. „Eine unvergessliche Erfahrung“, resümiert Catalina Rosselló. „Für alle Beteiligten.“

Infos und Kontakt: vacancesenpau.wordpress.com oder telefonisch: 971-72 88 39

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