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Im eigenen Land ein wenig fremd: So leben Festlandspanier auf Mallorca

Fast ein Drittel der Menschen auf Mallorca sind Festlandspanier – wie gehen sie damit um, dass sie für die Einheimischen oft „Auswärtige“ bleiben?

Alba in ihem umgebauten Camper mit ihrer Hündin.

Alba in ihem umgebauten Camper mit ihrer Hündin. / privat

Sarah López

Sarah López

Die Mallorquiner nennen sie forasters – ein Wort, das vom katalanischen fora (draußen) kommt und sich am ehesten mit „Auswärtige“ übersetzen lässt. Gemeint sind damit in der Regel Menschen vom spanischen Festland, die auf Mallorca leben. Und das sind längst keine Ausnahme mehr: Rund 28 Prozent der Inselbevölkerung sind laut den neuesten Zahlen des spanischen Statistikinstituts INE (Stand: Dezember 2025) nicht auf den Balearen, sondern auf dem Festland geboren.

Geprägt wurde der Begriff vor allem ab den 1950er-Jahren, als zunehmend Menschen vom Festland auf die Insel kamen: zunächst, um in der Landwirtschaft zu arbeiten, später immer häufiger im boomenden Tourismus, heute etwa im Gesundheitsbereich. Doch foraster ist weniger eine rein geografische Schublade als ein soziales Etikett – und teilweise sogar eines fürs Leben. Es kann auch Menschen anhaften, die auf Mallorca geboren wurden, aber kein Katalanisch sprechen oder als „nicht wirklich mallorquinisch“ wahrgenommen werden.

Abwertend ist der Begriff meist nicht gemeint, eher beschreibend – und doch verrät allein die Existenz dieser Unterscheidung viel darüber, wie Mallorca Zugehörigkeit definiert. Warum Menschen vom Festland hierherziehen – und wie heimisch sie sich auf der Insel fühlen: Drei forasters erzählen aus ihrem Leben hier.

Mit Hund und Camper

Als Alba Herrador vor etwas mehr als einem Jahr nach Mallorca zog, hatte das vor allem zwei Gründe: einen gut bezahlten Job – und den Wunsch, an einem Ort mit schöner Natur zu leben. Zuvor hatte sie ein Jahr in Guadalajara verbracht, einer mittelgroßen Stadt nahe Madrid. Nach dem Studium der Umweltwissenschaften fand sie in ihrer Heimat Córdoba in Andalusien – einer Region mit besonders hoher Jugendarbeitslosigkeit – kaum eine passende Perspektive.

Auf Mallorca bewarb sich die 25-Jährige schließlich auf eine Stelle als Sachbearbeiterin bei einem Unternehmen, das für die Balearen-Regierung arbeitet. Die Bedingungen klangen ideal: gutes Gehalt, geregelte Arbeitszeiten – und genug Freizeit, um mit dem frisch ausgebauten Camper und ihrer Hündin Onara die Insel zu erkunden. Berge, Buchten und Sonnenuntergänge empfand sie als echtes Geschenk. Bei den Einheimischen fühlte sie sich dagegen weniger willkommen.

„Auf der Arbeit haben mich einige Kollegen gleich auf einen Kaffee eingeladen“, erzählt die Andalusierin. Der Haken: Das Gespräch lief durchgehend auf Katalanisch – und sie konnte kaum folgen. Nett seien die Leute gewesen, sagt sie, aber zugleich habe sie den Eindruck gehabt, dass viele kein großes Interesse mehr hätten, neue Freundschaften zu schließen.

Alba versuchte dennoch, sich zu integrieren. Sie meldete sich für einen Katalanischkurs an, brach ihn ab und begann später noch einmal von vorn. Inzwischen steht für sie fest, dass sie nicht dauerhaft auf Mallorca bleiben wird. „Mein Vertrag läuft bis Sommer 2026“, sagt sie. Danach wolle sie es wieder auf dem Festland versuchen oder komplett online arbeiten. Einerseits, weil sie langsam einen Inselkoller spüre. Andererseits, weil die hohen Lebenshaltungskosten und die angespannte Wohnungssituation wenig einladend sind, langfristig auf der Insel zu bleiben.

Alba mit ihrer Hündin.

Alba mit ihrer Hündin. / privat

500 Euro mehr im Monat

Margarita Aguilera wiederum wollte eigentlich nie nach Mallorca. Die Bewerbung für eine Stelle in einem privaten Krankenhaus in Palma schrieb die Krankenschwester eher aus Jux – doch als es zum Gespräch kam, war das Angebot zu verlockend, um Nein zu sagen: keine Nachtdienste, Arbeit von Montag bis Freitag – und 500 Euro mehr im Monat als in Valencia, wo sie gleichzeitig in einem staatlichen und einem privaten Krankenhaus gearbeitet hatte. Sogar ein WG-Zimmer stellte die Krankenhausverwaltung der 25-Jährigen zur Verfügung: in einer Wohnung mit drei weiteren Krankenschwestern vom Festland. „Mallorca ist auch nicht weit weg von Valencia. Etwa eine halbe Stunde Flugzeit“, nennt Aguilera als weiteres Argument.

Im medizinischen Sektor stammen viele Arbeitskräfte vom Festland, weil es auf der Insel gute Einstiegsmöglichkeiten gibt – auch für Menschen mit weniger Erfahrung. Margarita kennt einige Kollegen, die gezielt für etwa ein Jahr nach Mallorca kommen, um Geld zu verdienen und Berufspraxis zu sammeln. „Es gibt langfristige Verträge sowohl in staatlichen als auch in privaten Krankenhäusern“, sagt die 25-Jährige, die bei ihrer Jobsuche in Valencia nur auf Stellen in Seniorenheimen stieß oder Vertretungsverträge für kurze Zeit. Ähnliche sei die Jobsituation in Andalusien, Murcia oder anderen Regionen, aus denen ihre Kollegen und Kolleginnen stammen.

Aguileras Plan war vor dem Umzug klar: bis zum Sommer auf der Insel zu arbeiten und dann zurückzugehen. Doch nach zwei Monaten hat sie sich umentschieden. In Palma habe sie sich sehr willkommen gefühlt und schnell Anschluss gefunden. Eine Wand zwischen Festlandspaniern und Einheimischen spüre sie nicht. „Ablehnung sehe ich vor allem gegenüber Urlaubern, die sich unverschämt benehmen“, sagt die Krankenschwester. Für die Neuangekommene steht fest: „Mallorca hat so viel zu bieten. So schnell ziehe ich nicht mehr weg.“

Margarita wollte eigentlich nie nach Mallorca. Heute fühlt sich die Krankenschwester sehr wohl auf der Insel.

Margarita wollte eigentlich nie nach Mallorca. Heute fühlt sich die Krankenschwester sehr wohl auf der Insel. / privat

Die Sonne vermisst

Brais (Name von der Redaktion geändert) hatte die Nase voll vom schlechten Wetter in Galicien im Norden Spaniens. „Wenn es elf Monate im Jahr durchgehend regnet, ist das ziemlich deprimierend“, sagt der 44-Jährige. Hinzu kam eine Trennung. Der Wunsch, in der Sonne zu leben, wurde von Tag zu Tag stärker. „Eigentlich wollte ich auf die Kanaren ziehen, aber dort gab es wenige Jobangebote in meinem Bereich“, sagt der Software-Ingenieur.

Nach elf Jahren Mallorca-Leben fühlt er sich weder willkommen noch abgelehnt von den Mallorquinern. In all den Jahren in Palma habe er Freundschaften mit Menschen aus der ganzen Welt geschlossen – aber keinen einzigen „urmallorquinischen“ Freund gewonnen. Mit Mallorquinern, deren Eltern forasters sind oder die selbst lange auf dem Festland gelebt haben, sei das einfacher. „Man kann ein gutes Verhältnis zu Mallorquinern haben, doch am Ende bleibt man oft nur Bekanntschaft – nicht Teil ihres engeren Kreises“, sagt er. Heute komme er damit klar, doch in seinen Anfangsjahren habe ihn das bedrückt.

Als Beispiel nennt er die Sprache. Als Galicier verstehe er, wie wichtig Katalanisch für die kulturelle Zugehörigkeit sei – in Galicien werde neben Spanisch schließlich auch Galicisch gesprochen. Dennoch entstehe auf Mallorca dadurch in manchen Situationen eine spürbare Distanz. „Wenn in Galicien jemand in einer Gruppe nicht alles versteht, habe ich versucht, langsamer zu sprechen, zu übersetzen oder nachzufragen, ob die Person alles verstanden hat“, sagt er. Auf Mallorca habe er eher das Gegenteil erlebt: dass nicht einmal Blickkontakt mit dem foraster gesucht werde. Anfangs wollte er die Sprache durchs Zuhören und Verstehen Stück für Stück lernen, heute habe er daran kein Interesse mehr.

Seinen Job könnte er überall auf der Welt vom Computer aus nachgehen. Pläne, die Insel zu verlassen hat er momentan nicht. „Der Gedanke kommt mir allerdings ab und an“, sagt Brais. Die Insel sei im Sommer viel zu voll, und auch die Lage auf dem Wohnungsmarkt setze ihm zu.

„Einige Freunde sind bereits zurück aufs Festland gezogen“, sagt der 44-Jährige. Es seien Menschen in einer ähnlichen Situation wie er: Akademiker mit guten Jobs, die für das gleiche Gehalt auf dem Festland ein bequemeres Leben führen könnten. „Ich kann nicht ausschließen, irgendwann wegen der steigenden Mietpreise die Insel verlassen zu müssen“, sagt er. Sicher dann aber wieder dorthin, wo fast jeden Tag die Sonne scheint.

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