Zum Hauptinhalt springenZum Seitenende springen

„Ohne Papiere bist du ein Niemand“: So leben Latinos ohne Aufenthaltserlaubnis auf Mallorca

Gerardo konnte seinen sterbenden Vater nicht mehr besuchen, María wurde rassistisch beschimpft und Federico um seinen Vertrag betrogen: Über die Schicksale von Menschen, die ohne Papiere auf Mallorca sind - und jetzt nach Jahren Hoffnung schöpfen

Auf der Einkaufsstraße  Son Oms in Palma. In der Stadt leben über 50.000 Lateinamerikaner, etliche von ihnen ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung.

Auf der Einkaufsstraße Son Oms in Palma. In der Stadt leben über 50.000 Lateinamerikaner, etliche von ihnen ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung. / B. Ramon

Sophie Mono

Sophie Mono

Lucía* ist ein aktiver Mensch. Sie knüpft schnell Bekanntschaften, ist offen für Neues, interessiert an Kultur, reist gerne, liest viel. Ihr Spanisch ist mittlerweile fast akzentfrei, sie ist sprachbegabt. Und arbeitswillig. Die perfekten Voraussetzungen für die perfekte Integration. Wäre da nicht die spanische Gesetzeslage. Und ein Haken.

Lucía ist Brasilianerin. Nicht EU-Bürgerin. Migrantin. Eine von Zehntausenden auf den Balearen, deren Aufenthaltsstatus als „irregulär“ gilt. Weil sie im falschen Land geboren wurde. Eigentlich darf sie nicht hier sein. Keine Aufenthaltsgenehmigung ohne Arbeit. Keine Arbeitserlaubnis ohne Aufenthaltsgenehmigung. Der altbekannte Teufelskreis. Jetzt will Spaniens Zentralregierung ihn durchbrechen, die „Irregulären“ regulieren. Auch die rund 10.800 Menschen mit bereits laufenden Verfahren zum Erhalt der Papiere auf den Balearen könnten davon profitieren. 10.800 Anträge – das sind auch 10.800 reale Leben.

Realer Alltagskampf

So wie das von Lucía. Sie lebt seit drei Jahren auf Mallorca. Und seit drei Jahren ist es der 29-Jährigen nicht gestattet zu arbeiten. Jedenfalls nicht offiziell. „Natürlich arbeite ich trotzdem. Ich muss ja leben. Und Jobs gibt es genug.“ Aber eben schwarz. Ohne Steuern zu zahlen – aber auch ohne schützende Verträge, ohne Sicherheiten. „Ohne Papiere ist man ein Niemand. Es ist so, als würde man nicht existieren. Dabei will ich doch einfach nur meine Freiheit und meine Rechte“, sagt Lucía.

Die Sätze klingen abgedroschen, ihr Inhalt wie aus einer Menschenrechtskampagne. Doch für Lucía sind sie ihr realer Alltagskampf. Wie so viele Latinos – sie machen rund 95 Prozent der von der Neuregelung Betroffenen aus – kam sie mit einem Touristenvisum nach Mallorca und blieb dann einfach da. „Mein Cousin lebte schon hier. Ich wusste, dass es schwer wird“, sagt sie.

Enttäuscht sei sie deshalb nicht darüber, wie ihr Insel-Alltag sich gestaltet. Aber frustriert schon. „Ich nehme die Arbeiten an, die ich kriegen kann.“ Als Reinigungskraft, als Altenpflegerin, als Babysitterin. Wenn sie Glück hat, kriegt sie ihren geringen Lohn wie vereinbart. Wenn nicht, verweigern die Auftraggeber die Zahlung. „Sie wissen, dass ich nichts dagegen tun kann.“ Arbeitsschutz, Urlaubsansprüche, Überstundenregelungen – nichts davon hat für sie Bestand.

„Auch eine Wohnung zu finden, ist ohne Arbeitsvertrag extrem schwer. Nur durch Freunde habe ich ein Zimmer“, sagt Lucía. Schwierigkeiten gibt es auch bei der Eröffnung von Bankkonten und beim Abschließen von Handyverträgen. Eine Festanstellung in einer Firma und bescheidene finanzielle Sicherheit – mehr will Lucía nicht. „Nur ein besseres Leben führen. Mallorca ist der ideale Ort dafür. Vielleicht klappt es mit der neuen Regelung. Sie gibt mir Hoffnung.“

Hoffnung fast aufgegeben

Auch Gerardo* hatte die einst, vor vier Jahren, als er mit seiner Frau auf die Insel kam. Aber irgendwo zwischen sklaventreiberischen Vorarbeitern auf dem Bau und kräftezehrender Bürokratie beim Kampf um die Papiere ist seine Hoffnung fast vollends verloren gegangen. Der 52-Jährige ist, wenn man ihn auf seine Dokumente reduziert, ebenfalls ein Niemand hier in Spanien. Dabei hat der Kolumbianer verschiedene Katalanischkurse besucht, engagiert sich in örtlichen Musikgruppen, baut derzeit sogar ein soziales Theaterprojekt für andere ungebetene Einwanderer auf. „Aber als mein Vater in Kolumbien voriges Jahr krank wurde und starb, hat das hier niemanden interessiert. Ich hatte keine Chance, ihn noch einmal zu sehen.“ Einmal raus aus dem Land, wäre er nie wieder hereingekommen. Er, der Illegale.

Wenn er gerade keine Jobs als Handlanger bekommt, verdient er sich ein wenig Geld über ein Hilfsprojekt der Gemeinde, in der er auf Mallorca untergekommen ist. Hier dürfen alle Sozialfälle mitmachen, auch die ohne Papiere. „Es ist schon verrückt“, sagt er. „Da will man Steuern zahlen und dem Staat nicht auf der Tasche liegen, und dann bieten sie mir als einzige Arbeitsoption ein Projekt, das aus Steuergeldern bezahlt wird.“

Eigentlich hatte Gerardo gehofft, bereits nach zwei Jahren auf Mallorca die Papiere zu bekommen. „Arraigo sociolaboral“ nennt sich diese Möglichkeit, an eine Aufenthaltsgenehmigung und die angestrebte NIE (Número de Identidad de Extranjero) zu kommen. Es ist der weitverbreitetste der alten Wege, den Mi-granten aus nicht EU- und EW-Staaten bisher gegangen sind, um in Spanien bleiben zu dürfen. Doch dafür braucht es einen offiziellen Arbeitsvertrag. Monatelang bat Gerardo jeden aus seinem Umfeld darum, ihn offiziell anzustellen – vergebens.

Gut für die Wirtschaft

Dabei würden der Staat, die Wirtschaft und letztlich die gesamte Bevölkerung davon profitieren, wenn die bisher irregulären Einwanderer zu regulären würden, sagt Ismael Gálvez, Professor an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Balearen-Uni. Seit Jahren forscht er über die Auswirkungen von Einwanderung auf den Arbeitsmarkt. Er ist sich sicher: Die Vergabe von Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen im großen Stil, wie die spanische Regierung sie plant, ist überwiegend positiv. Die Präsenz von Migranten verringere die negativen Auswirkungen in wirtschaftlichen Krisenzeiten auf einheimische spanische Arbeitnehmer, weil sie oft niedere Arbeiten verrichten.

„Am wichtigsten ist, mit der Vorstellung aufzuräumen, Einwanderung zerstöre automatisch Arbeitsplätze“, so der Wissenschaftler. Tatsächlich konkurrierten irreguläre Einwanderer bei der Arbeitssuche vor allem mit Migranten, die bereits Papiere haben, und weniger mit einheimischen Arbeitskräften. „Die Einheimischen verbessern in vielen Fällen sogar ihre Situation und steigen beruflich auf.“ Nicht zu vergessen die 4.000 bis 5.000 Euro, die jeder reguläre Arbeitnehmer jährlich an Steuern und Sozialabgaben beiträgt.

Bloß nicht auffallen

Neben dem „Arraigo sociolaboral“ gab es auch immer schon andere Wege zur Aufenthaltsgenehmigung in Spanien, doch die meisten davon sind noch aussichtsloser. Theoretisch, so ist es auf einer Übersicht des spanischen Einwanderungsministeriums zu lesen, können auch Selbstständige die NIE bekommen. Dafür sei aber hohes Eigenkapital vonnöten. Auch eine Aufenthaltsgenehmigung, die an ein Studium gebunden ist, ist theoretisch möglich – aber finanziell für die meisten kaum umsetzbar. Denn arbeiten dürfen sie damit parallel nicht. Bleibt nur der Familiennachzug (reagrupación familiar) oder eine Heirat mit einem EU-Bürger – und andere Sonderregelungen, die aber nur spezielle Fälle betreffen.

Das Gros der Migranten muss also – zumindest bisher – auf die residencia de larga duración warten – ein Weg, der in der Regel voraussetzt, dass der Betroffene seit mindestens fünf Jahren in Spanien lebt. Obwohl er ja eigentlich gar nicht hier sein und erst recht nicht legal hier arbeiten dürfte. Zwar können sich die Mi-granten auch ohne NIE im Bürgerregister (empadronamiento) eintragen lassen und auch einige Leistungen des Gesundheitssystems in Anspruch nehmen. Sie dürfen ihre Kinder zur Schule schicken und in den Kindergarten. Nur eben nicht arbeiten, nicht reisen, nicht auffallen. Und mit etwas Pech ist die Aufenthaltsgenehmigung je nach Fall auch nach fünf Jahren kein Garant für das Bleiberecht.

Fünf Monate Aufenthalt reichen

Kein Wunder, dass die neue Regelung nun große Hoffnung bei vielen Migranten schürt. Allein fünf Monate Aufenthalt in Spanien vor dem 31. Dezember 2025 müssen die Antragssteller nun vorweisen können. Danach sollen sie eine zunächst befristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis samt NIE bekommen. Es ist keine umfassende Sicherheit, kein Recht, hier zu wählen oder langfristig planen zu können. Aber es ist eine Chance, auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

„Die neue Regelung ist eine sehr gute Nachricht. Für mich ist sie zukunftsentscheidend“, sagt María*. Die 24-jährige Kolumbianerin ist erst seit acht Monaten auf der Insel – und war im Dezember kurz davor, hinzuschmeißen und zurückzugehen. „Mein Bruder ist schon länger hier. Er hatte gewarnt, dass es hart wird. Aber dass es so schlimm ist, habe ich nicht geglaubt“, berichtet María.

Nicht nur die rechtliche Schutzlosigkeit sei es, die ihr das Leben erschwere, sondern auch die Art vieler Spanier, mit ihren Mitmenschen umzugehen – insbesondere mit Migranten von außerhalb. „Ich bin von einem Arbeitgeber als Scheiß-Kolumbianerin beschimpft worden, erniedrigt. Ein anderer hat mich einfach nicht bezahlt.“ Überhaupt mache ihr der rüde Ton im Land zu schaffen. Auch unter den Migranten aus Lateinamerika. „Einige sind sehr hilfsbereit. Andere, vor allem die, die selbst schon lange hier sind und vergeblich auf Papiere warten, sind frustriert und nehmen uns Neue eher als Konkurrenz wahr.“

Das große Ziel: die Staatsbürgerschaft

Doch vielleicht wende sich ja nun doch alles zum Guten. Als Beweis dafür, dass man schon länger im Land weilt, sollen bei der Antragsstellung auch nicht-amtliche Dokumente wie etwa Fährtickets gelten. „Ich habe von Anfang an Geld nach Kolumbien geschickt. Die Belege dürften reichen, um meine Anwesenheit zu bescheinigen“, sagt María. Sie will gemeinsam mit ihrem Bruder einen Anwalt nehmen, um den Antrag einzureichen. Wenn alles klappt, will sie Mallorca noch einmal eine Chance geben. Im Idealfall ihr in Kolumbien begonnenes Studium hier weiterführen, nebenbei jobben und dann eine richtige Arbeit suchen. „Aber ich glaube es erst, wenn ich die Papiere in den Händen halte.“

Von April bis Ende Juni haben die Einwanderer Zeit für den Antrag. „Das ist nicht viel, da darf nichts schiefgehen“, weiß Federico*. Auch der 33-jährige Peruaner, der seit zweieinhalb Jahren auf Mallorca lebt, wird auf jeden Fall einen Anwalt damit betrauen. 400 bis 500 Euro koste das – eine Investition, die sich hoffentlich lohne. In seinem Fall ist die Neuregelung ein zweiter Strohhalm, an den er sich klammern kann. „Ich habe herausgefunden, dass ich spanische Vorfahren habe. Seit einem Jahr läuft daher ein Prozess, in dem ich die spanische Staatsbürgerschaft beantrage.“ Damit hätte Federico unverzüglich die gleichen Rechte wie jeder andere EU-Bürger – das große Ziel vieler Migranten aus Lateinamerika. „Aber das Verfahren zieht sich schon so lange hin, und wenn ich nun vorher wenigstens die NIE bekommen könnte, wäre das schon eine deutliche Verbesserung“, sagt Federico.

Auf jeden Fall besser, als der Schwebezustand der vergangenen Jahre. Als Federico 2023 nach Spanien kam, war ihm ein Festvertrag bei einer Firma versprochen worden. „Ich weiß bis heute nicht, warum es bei meinen Freunden geklappt hat und bei mir nicht“, sagt er. Auch ihm blieb fortan nur die Schattenwirtschaft. „Ich hätte einfach gerne eine Festanstellung, am liebsten als Verkäufer. Mit festen Arbeitszeiten, einem festen Gehalt.“ Die Möglichkeit, auf ein ganz normales Leben.

*Namen von der Redaktion geändert

Abonnieren, um zu lesen

Tracking Pixel Contents