„Gut, dass du nicht mehr da bist“: Franziska Hohmann liest auf Mallorca aus ihrem „Spiegel“-Bestseller
Jahrelang funktionierte sie im Musikbusiness – trotz Alkohol. Jetzt erzählt Franziska Hohmann, wie früh die Sucht begann, warum sie 2017 zusammenbrach und wie sie seit 2018 trocken bleibt

Die Autorin, Coachin und PR-Frau Franziska Hohmann beim Interview im Hotel Portixol. | FOTO: NELE BENDGENS
Der Titel ist hart, aber wahr: „Gut, dass du nicht mehr da bist.“ Die PR-Managerin Franziska Hohmann räumt in ihrem „Spiegel“-Bestseller radikal ehrlich mit der toxischen Beziehung zu ihrer schwer depressiven Mutter auf. Genauso offen spricht die 48-Jährige dabei über ihre eigene Alkoholsucht, die bereits in jugendlichen Jahren begann. Am Freitag (13. 2.) liest sie beim von Bettina Klos veranstalteten Business-Lunch in Santa Ponça erstmals auf der Insel aus ihrem auf Mallorca geschriebenen Buch. Ab dem 17. April wird es auch als Hörbuch erscheinen. „Als ich das Audiobuch eingesprochen habe, musste ich doch öfters stoppen und heulen“, sagt die sehr aufgeräumt und jung wirkende blonde Frau mit straffem Pferdeschwanz.

Franziska Hohmann (rechts) mit ihrer Co-Autorin, der Journalistin Nina Faecke, beim Verfassen ihres Buches auf Mallorca. / Privat
Mit den Stars ständig auf Achse
Hohmann ist ihre Medienerfahrung anzumerken, sie formuliert ihre Sätze ruhig und überlegt. Die gebürtige Hessin machte nach ihrem Abitur eine Ausbildung in einer Werbeagentur und wechselte dann in die Musikbranche. Erst war sie zwei Jahre in München bei MTV, dann ging sie mit Anfang 20 nach Berlin zum Plattenlabel Universal Music. Hier betreute sie als TV-Promotorin und später als selbstständige PR-Frau Musikstars wie Helene Fischer, Sarah Connor oder Lenny Kravitz. „Ich war ständig unterwegs, damals gab es noch The Dome, Top of the Pops, Viva und MTV. Es waren die Zeiten von Janet Biedermann und Tokio Hotel, als die Teenies sich noch kreischend vor die Busse geschmissen haben“, erinnert sich Hohmann. Bei den Stars kam ihr zugute, was sie von zu Hause gelernt hatte: Sich komplett auf einen anderen Menschen einstellen, immer auf Zack sein, wenn der etwas wolle, und sich ständig kümmern.
Nie mehr richtig nüchtern
Franziska Hohmann funktionierte. „Mir ist wichtig aufzuzeigen, wie lang und wie gut Menschen, die trinken, funktionieren können. Ich war ja nie mehr richtig nüchtern“, erzählt Hohmann unverblümt. Mit dem Alkohol habe sie konstant ihre eigenen Gefühle unterdrückt, zusätzlich blieb ihr durch den Job wenig Zeit darüber nachzudenken, wie es ihr eigentlich gehe: „Es war halt aufstehen, Büro, abends wieder eine Party. Funktionieren, los geht’s.“ Im Nachhinein sei es ihr ein Rätsel, wie sie ihre Sucht verheimlichen konnte oder überhaupt mit 1,5 Promille noch irgendwelche E-Mails schreiben konnte. Aber es ging.
„Mir ist wichtig aufzuzeigen, wie lang und wie gut Menschen, die trinken, funktionieren können. Ich war ja nie mehr richtig nüchtern“
Franziska wuchs bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf, ihren Vater lernte sie erst mit 14 Jahren das erste Mal kennen. Ihre Großeltern lebten in der Doppelhaushälfte nebenan und kümmerten sich um das Mädchen, wenn die Mutter aufgrund ihrer Depressionen mal wieder in der Klinik war. Zwischendrin war Franziska auch bei einer Pflegefamilie und einer Tagesmutter. Mit neun Jahren kam sie auf ein Internat im Odenwald. „Das war mein sicherer Hafen dort. Es gab ein Lehrerehepaar, das auf uns aufpasste und Leute, die sich für mich interessierten. Endlich ging es nicht immer nur darum, wie es meiner Mutter gerade geht“, erinnert sich Hohmann.
Das erste Bier mit zwölf Jahren wurde ihr zum Verhängnis
Sie erlebte dort erstmals das Gefühl von Struktur, Verlässlichkeit, Stabilität und Sicherheit – aber auch die Wirkung von Alkohol. Bei einer Waldparty mit den älteren Semestern der Schule trank sie mit zwölf ihr erstes Bier. „Das war, als hätte ich die Büchse der Pandora geöffnet, denn ich merkte: Das ist der Stoff, der mir das Gefühl gibt, dass alles nicht so schlimm ist, und womit alles nicht mehr so wehtut.“ Der Alkohol half Franziska, eine lautere, selbstsichere und stärkere Seite von sich auszuleben. „Sobald ich anfing zu trinken, bin ich mutiert. Zum Klassenclown, zur Anführerin. Ich färbte mir die Haare blau.“ So lernte sie bereits früh, ihre Gefühle zu unterdrücken, denn obwohl sie unter so vielen Kindern war, fühlte sie sich trotzdem oft einsam.
„Das war, als hätte ich die Büchse der Pandora geöffnet, denn ich merkte: Das ist der Stoff, der mir das Gefühl gibt, dass alles nicht so schlimm ist, und womit alles nicht mehr so wehtut.“
Haus auf Mallorca und Feinkostladen in Berlin
Natürlich habe es auch schöne Momente mit ihrer Mutter Annette gegeben, vor allem wenn diese eine gute Phase hatte, sagt Hohmann. Mit 14 Jahren reiste Franziska gemeinsam mit ihr erstmals nach Mallorca. Die Mutter kaufte ein Ferienhaus in Santa Ponça, es folgten viele Sommer auf der Insel. Franziska entdeckte ihre Liebe zu den mallorquinischen Spezialitäten und beschloss 2010, mit ihrem damaligen Lebenspartner einen mallorquinischen Feinkostladen in Berlin zu eröffnen. Drei Jahre führten sie gemeinsam erfolgreich die „La Mallorteca“, aber es tat Franziska nicht gut, so dicht an der Quelle zu sitzen. „Ich war beim Wein selbst mein bester Kunde“, erzählt sie. Sie zog die Reißleine und kehrte zurück zu Universal Music.

Franziska Hohmann in ihrem ehemaligen Feinkostladen "La Mallorteca" in Berlin. / Christopher Haering
Nach fünf Entzügen endlich trocken
Doch der Alkohol blieb, und so hatte Hohmann 2017 den ersten Zusammenbruch. Ihre damalige Ärztin brach das Schweigen, als sie ihre Leberwerte sah: „Sie haben keine Hepatitis, wie viel trinken Sie eigentlich?“ Erst der fünfte Entzugsversuch sollte erfolgreich sein: Seit 2018 gelingt es Franziska Hohmann, trocken zu bleiben. Fünf tätowierte Diamanten an ihrem linken Unterarm erinnern sie daran. „Ich bin staatlich geprüfte Alkoholikerin. Der Rückfall lauert immer, denn das Suchtgedächtnis ist stärker als die Vernunft. Deswegen rate ich jedem, das erste Glas immer stehenzulassen“, sagt die 48-Jährige. Mittlerweile ist sie CrossFit-Fanatikerin und Cola-Zero-Junkie.

Cover Spiegel Bestseller: "Gut, dass du nicht mehr da bist Sticker" / Autorin
Es ist Zeit für Mut und Wahrheit
Das Haus in Santa Ponça verkaufte Franziska Hohmann nach dem Tod ihrer Mutter Ende 2021, um stattdessen eine Finca in Calvià zu erstehen. Hier lebt und arbeitet sie jetzt einen Teil des Jahres. 2023 machte sie als Systemischer Coach und Resilienz-Trainerin einen Neuanfang und verhilft seitdem anderen zu positiven Veränderungen. „Meine Geschichte hört sich tragisch an, aber es gibt viele ähnliche Schicksale. Es wird Zeit, dass wir endlich anfangen, offen darüber zu reden“, sagt Franziska Hohmann. Auch hier auf Mallorca beobachte sie viele Trinker: „Man sieht die Menschen mit hochrotem Kopf vor ihren Gläsern sitzen. Manchmal würde ich gerne einfach hingehen und sagen – passt auf euch auf.“
Informationen
Lesung beim Business-Lunch
Freitag, 13. Februar, 15–19 Uhr, Network-Treffen in Santa Ponça
Mallorca Country Club, Av. del Golf, 20, Teilnahme: 69 Euro, Anmeldung: klos-to-you.com
Das Buch
„Gut, dass du nicht mehr da bist“
Franziska Hohmann und Nina Faecke
Heyne-Verlag, 16 Euro, penguin.de/autoren/franziska-hohmann
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