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Eine Liebe, ein Schicksalsschlag und der Kampf eines Deutschen gegen Spaniens Bürokratie: "Das Schlimmste ist: Es ist kein Witz"

Vom Liebesglück zur Pflege- und Papierflut: Im Juli 2023 änderte sich das Leben eines deutsch-kolumbianischen Paares plötzlich radikal. Christoph Kny, einst Hotelmanager auf Mallorca, muss sich nun für seinen Partner durch ein bürokratisches Labyrinth kämpfen

Ex-Hotelmanager Christoph G. Kny (li.) und sein erkrankter Partner Jhon Fredy.

Ex-Hotelmanager Christoph G. Kny (li.) und sein erkrankter Partner Jhon Fredy. / privat

Sophie Mono

Sophie Mono

Treppauf, treppab, von einem Schalter zum nächsten und wieder zurück – dazu auskunftsfaule Beamte: Die zermürbende Suche des tapferen Galliers nach Passierschein „A38“ in „Asterix erobert Rom“ ist eine gelungene Parodie auf die Irrungen und Wirrungen staatlicher Bürokratie. Christoph Kny kann nicht mehr unbeschwert darüber lachen. „Seit einigen Jahren komme ich mir wie Asterix vor. Im falschen Film.“ Der Deutsche, den mancher Mallorca-Freund noch aus seiner Inselzeit als leitender Angestellter im Hotel Es Ratxó (Puigpunyent), dem Castillo Hotel Son Vida oder dem Santuari de Cura kennen mag, ist an der spanischen Bürokratie fast verzweifelt, fühlt sich alleingelassen, ungehört. Bei ihm geht es nicht nur um einen Passierschein, sondern um sein Leben. Und das seines Partners.

Traum zerplatzt

Beide hatten im Juli 2022 eine erfreuliche Wendung genommen. In jenem Sommer lernte der Deutsche, der nach 15 Jahren auf Mallorca 2020 nach Barcelona umgesiedelt war, in der katalanischen Hauptstadt seine große Liebe kennen: Jhon Fredy, einen hübschen Kolumbianer, der erst vor Kurzem nach Spanien gezogen war und den gradlinigen Deutschen mit seiner ausschweifenden Art geradezu mitriss. Es folgten Monate des Liebesglücks, gemeinsame Zukunftspläne. Eine Dackelhündin adoptieren und irgendwann mal zwei Kinder. Ein Café aufmachen, inmitten ihrer Herzensstadt Barcelona. Mit deutscher Effizienz und kolumbianischem Geschmack. Im Mai 2023 ließen sie sich als eingetragene Lebenspartnerschaft (pareja estable) registrieren. Nicht ahnend, dass ihr Leben, noch bevor sie die offizielle Bescheinigung erhalten sollten, aus den Fugen geraten würde.

Es war Sonntag, der 16. Juli 2023, als ihre Traumwelt jäh in sich zusammenstürzte. Und Tag Eins eines Albtraums, aus dem Kny bis heute nicht erwacht ist. Jhon ist plötzlich verwirrt, benimmt sich seltsam, erinnert sich nicht daran, dass er erst kurz zuvor geduscht hatte und im Supermarkt war. Alarmiert bringt Kny ihn in die Notaufnahme. Sechs Stunden warten, in denen sich Jhons Zustand drastisch verschlechtert. Schmerzhafte Eingriffe. Zahlreiche Tests. Tagelang, wochenlang.

Dann die niederschmetternde Diagnose: schwere, plötzliche Durchblutungsstörung im Gehirn – vergleichbar mit einem Schlaganfall in den tiefen Hirnregionen. Und mit verheerenden Folgen. Sein Kurzzeitgedächtnis sei dauerhaft geschädigt, erklärte die Ärztin dem Paar später im Krankenzimmer 412, Jhons neuem vorübergehendem Zuhause. Das Gehirn könne kaum noch neue Informationen abspeichern. Auch Risiken einzuschätzen oder Entscheidungen zu treffen, werde Jhon von nun an schwerfallen. Alltag ohne Hilfe: unmöglich.

Neue Realität

Drei Monate blieb Jhon im Krankenhaus – auch, weil lange nicht klar war, wo er nach seiner Entlassung untergebracht werden konnte. „Ich hätte nie gedacht“, schrieb Christoph Kny später in sein Tagebuch, „dass das System, das helfen soll, zu einem so grausamen Labyrinth werden könnte. Jede Absage war wie eine Tür, die uns vor der Nase zugeschlagen wurde, während ich versuchte, die Fassung zu bewahren vor Jhon, der mich täglich fragte, wann wir nach Hause könnten.“

Letztlich fand sich eine Tages-Reha, die Jhon, den Latino ohne unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, zumindest für ein paar Monate aufnehmen wollte. Auch für Christoph Kny ein Lichtblick – nur so konnte er mehrere Stunden am Stück seinem Bürojob bei einer großen Tech-Firma nachgehen. Die Wochenenden und Nachmittage wurden zu einem Labor, in dem Christoph mit Routinen, Erinnerungssystemen und Strategien experimentierte, um Jhon durch seine neue Realität zu begleiten. Überall in der Wohnung klebten bunte Haftnotizen: gelbe für tägliche Aufgaben, rosafarbene für emotionale Erinnerungen. Eine davon: „Ich bin Christoph. Ich liebe dich. Wir sind seit Juli 2022 zusammen.“

Bekanntschaft mit dem Bürokratiemonster

Neben Arbeit und Pflege kümmerte sich Kny auch um den Papierkram – und machte erstmals Bekanntschaft mit dem Bürokratiemonster der spanischen Institutionen. Der Erhalt der Vormundschaft für Jhon – und die vorherige Passivität einer Stiftung, die sich eigentlich um Jhons Rechtswohl hätte kümmern müssen –, die Suche nach langfristigen Therapie- und Unterbringungsmöglichkeiten, die Bemühung um Hilfe vom Staat und juristischen Beistand – alles wurde zu einem Kampf, der den Deutschen an seine Grenzen bringt. In dem Buch „El laberinto del olvido – el crimen perfecto de la indiferencia“ (Das Labyrinth des Vergessens – das perfekte Verbrechen der Gleichgültigkeit; Selbstverlag, Amazon, 14,96 Euro) hat Kny die aufreibenden, teils hanebüchenen und widersprüchlichen Irrwege beschrieben, die er seitdem geht.

„Das Frustrierendste“, schreibt er dort, „war nicht der Mangel an Ressourcen an sich, sondern die Zersplitterung des Systems. Jede Einrichtung funktionierte wie eine Insel, ohne Kommunikation mit den anderen. Niemand hatte einen vollständigen Überblick über unseren Fall, niemand übernahm die Verantwortung, die verschiedenen Dienste zu koordinieren, die Jhon brauchte. Diese Aufgabe lag vollständig bei mir. Ich wurde gleichzeitig Manager, Anwalt, Krankenpfleger und Assistent.“

Begutachtung ohne Grundlage

Ein weiterer Tiefschlag dann im vergangenen Mai: Bei einer Begutachtung soll Jhons Behinderungsgrad festgestellt werden. Anderthalb Stunden lässt man das Paar warten, dann wird es zu einer Sozialarbeiterin und einer Psychologin geführt, die sich an vorgegebenen Fragebögen entlanghangeln. Die Amtsärztin, die auch begutachten sollte, verweigert das Gespräch. Sie sagt, eine persönliche Untersuchung würde keinen Mehrwert gegenüber dem bringen, was sie bereits aus den medizinischen Gutachten der Akte wisse. Als Wochen später das Ergebnis eintrifft, ist Kny schockiert: 65 Prozent Behinderungsgrad – und kein Anrecht auf eine externe Hilfskraft. „Dabei kommt Jhon alleine nicht zurecht. Was passiert mit ihm, wenn mir etwas zustößt?“, sagt Kny. Er klingt erschöpft.

Er legte Einspruch gegen die Begutachtung ein, bündelte all seine Energie, um die Schwächen des Systems anzuprangern und die scheinbare Willkür des spanische Staats und der katalanischen Regionalverwaltung sichtbar zu machen. Er stellte Anträge auf Informationszugang, lief in Sackgassen, schickte Briefe und Kopien seines Buches an Politiker und Staatsdiener.

Schlussendlich reichte er im November 2025 Klage gegen die Begutachtung von Jhons Behindertengrad ein. Vor wenigen Wochen dann die bislang einzige offizielle Rückmeldung: Der Termin für die Gerichtsverhandlung soll am 20. März stattfinden. Im Jahr 2028. Bis dahin muss Kny weiter allein zurechtkommen. Mindestens. „Das Schlimmste ist: Es ist kein Witz“, sagt Kny.

"Was für eine Gesellschaft wollen wir sein?"

Irgendwie will er weiterkämpfen. Versuchen, für Jhon einen Platz in einer Behindertenwerkstatt zu finden. Aktuell kommt Jhon tagsüber, wenn Kny arbeitet, für ein paar Stunden bei offenen Sozialtreffs unter. Therapiert wird er hier nicht, nur aufbewahrt. Wenn Jhon nachts schläft, gräbt sich Christoph Kny am PC weiter durch Anträge und Gesetze. Versucht auch, die spanische Staatsbürgerschaft per Gnadenakt für Jhon zu erwirken. „Das normale Verfahren mit Einbürgerungsfragen könnte er ja gar nicht durchlaufen, er kann sich die Antworten auf 300 mögliche Fragen nie merken.“ Vielleicht, so Kny, werde alles leichter, wenn Jhon Spanier ist. Ein bisschen.

„Sein Fall ist speziell“, räumt der Deutsche ein. Aber es gehe ihm schon lange nicht mehr nur um Jhon, sondern um all die Menschen, die wie sein Partner zwischen die Ritzen eines Systems fallen, das für typische Fälle entworfen ist. „Die Frage ist doch, welche Art von Gesellschaft wir sein wollen: eine, die die Verletzlichsten in bürokratischen Labyrinthen zurücklässt? Oder eine, die Strukturen anpasst?“

Therapeutischer Wert

Christoph Kny ist zudem dabei, einen Verein zu gründen, der Angehörige von Menschen mit Hirnschäden zusammenbringen, ihnen durch die Bürokratie helfen und politische Veränderungen herbeiführen soll. Warum das alles? „Es hilft, das Gefühl zu haben, etwas bewirken zu können, und seien es nur kleine Bausteine.“ Auch in selbstkomponierten Songs verarbeitet er seine Erlebnisse. Letztlich habe all dies auch für ihn selbst einen therapeutischen Wert – zusammen mit der Hoffnung, dass Jhon und er doch noch die Hilfe bekommen, die sie verdienen. Irgendwann.

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