Feminismus im Unterricht – aber Sexismus im Alltag: Wie 17-Jährige auf Mallorca Gleichberechtigung wirklich erleben
Keine Generation lernt so viel über Frauenrechte und Gleichberechtigung – trotzdem sind viele Teenager des Themas müde. Warum eigentlich?

Junge Frauen bei einer Feminismusdemo 2018 in Palma. Seitdem bekennen sich immer weniger junge Menschen zum Feminismus / B. Ramon
Erste Klasse Vorschule: Die Jungen rechts, die Mädchen links, die Lehrerin in der Mitte. Vor jedem Mädchen liegt ein Keks. Vor jedem Jungen drei. „Ist das gerecht?“, fragt die Lehrerin. Natürlich nicht, da sind sich alle einig. „Und wenn die Jungen je einen Keks an die Mädchen abgeben?“ Nein, das dann doch nicht. „Hol‘ doch lieber noch mehr Kekse raus, dann können die Mädchen auch drei haben“, schlägt ein Dreijähriger der Lehrerin vor.
Immer weniger Interesse
Gleichberechtigung und Chancengleichheit – schon von klein auf sind diese Themen in Mallorcas öffentlichen Schulen omnipräsent. Zum Weltfrauentag (8. März) und dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen (25. November) sowieso. Aber auch zwischendurch. Schon ab der Vorschule werden die Kinder für Themen wie Gleichheit und Feminismus kontinuierlich sensibilisiert. Das ist löblich. Doch was bleibt davon hängen?

Aurora und Lucila aus Capdepera haben für Macho-Sprüche nichts übrig. / Sophie Mono
Laut einer neuen Studie der Stiftung Fad Juventud ist der Feminismus gerade unter jungen Leuten zwischen 15 und 29 Jahren auf dem absteigenden Ast. 40 Prozent der Mädchen und jungen Frauen sehen den Feminismus als politisches Werkzeug zur Manipulation, doppelt so viele wie noch vor fünf Jahren. Unter den Jungen und jungen Männern sind sogar mehr als die Hälfte dieser Meinung.
Thema überflüssig?
Gespräch mit vier 17-Jährigen, die es anders sehen: Yolanda und Laia, Schulfreundinnen aus Palma, und Aurora und Lucila aus Capdepera. Sie alle machen gerade ihr Abitur, wirken reflektiert. Natürlich. Auf eine gewisse Art verletzlich und gefestigt zugleich. Und sie alle bezeichnen sich als Feministinnen.
In der Mittelstufe sei das Thema im Unterricht extrem präsent gewesen, berichten sie. Vielleicht fast zu präsent. „Anfangs war es spannend, mit den Jahren begann es aber viele auch zu langweilen“, berichtet Yolanda. Vor allem die Jungs hörten kaum noch zu und missachteten teilweise sogar Schweigeminuten, die immer dann an der Schule abgehalten werden, wenn wieder eine Frau durch Geschlechtergewalt getötet worden ist, erläutert Laia. Ähnliche Erfahrungen machen Aurora und Lucila aus Capdepera: „Auch zahlreiche Mädchen wollen das Thema nicht mehr hören. Sie sind der Meinung, es sei überflüssig, weil bereits Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern bestehe. Aber das finde ich nicht“, sagt Aurora.
Macho-Sprüche, Ausgrenzung, sexuelle Belästigung
Im Sportunterricht beispielsweise würden die Mädchen systematisch von den Jungs ausgegrenzt – unabhängig von ihren tatsächlichen Fähigkeiten, erzählt Lucila. Auch Macho-Sprüche und diskriminierende Witze gehörten zum Alltag dazu. „Es sind nur Kleinigkeiten, aber mich stören sie“, sagt Aurora. Und es sei auch traurig. „Wir alle wissen heutzutage, wann Sprüche sexistisch sind – aber trotzdem werden sie gemacht.“
Und manchmal sei es eben auch mehr als das, weiß Laia aus Palma. Sie selbst wurde bereits sexuell belästigt und kennt auch andere Fälle in ihrem Umfeld. „Die Momente, in denen wir in der Schule aufgefordert werden, von unseren eigenen Erfahrungen zu berichten, sind die einzigen, bei denen dann tatsächlich auch alle zuhören. Vielleicht bräuchte es mehr davon als allgemeine Vorträge über Feminismus. Denn sonst sehen viele nicht, wie all das zusammenhängt.“
Allein das Wort Feminismus bringe einige ihrer Altersgenossen bereits dazu, die Augen zu verdrehen und abzuschalten. „Viele denken, der Feminismus stellt die Männer unter die Frauen, auch wenn das gar nicht so ist“, sagt Laia. „Manche glauben, dass die neuen Gesetze, die Frauen schützen sollen, die Männer benachteiligen“, bestätigt Yolanda. Nicht alle verstünden, dass es dabei noch immer darum gehe, Gleichberechtigung herbeizuführen. Nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Realität.
Schönheitswahn in Social Media
Nicht zu vergessen die gesellschaftliche Vorstellung, dass Frauen einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen müssten, um einen festen Freund zu finden – den Bemühungen des Bildungssystems, kräftig gegenzusteuern, zum Trotz. „Warum ist das noch immer so? Von Jungen wird das ja auch nicht erwartet“, sagt Lucila. Sie selbst weigert sich, da mitzumachen, zeigt sich ungeschminkt und natürlich. Schuld an diesen Tendenzen, glaubt sie, seien teilweise die Familien, in denen oft noch immer alte Rollenbilder vorgelebt würden. „In meiner Familie war das zum Glück nie so, meine Mutter ist auch Feministin“, so Lucila.

Yolanda aus Palma hat klare Ansichten zum Thema Feminismus / privat
Teilweise seien aber auch die sozialen Medien mit schuld. „Die sozialen Netzwerke potenzieren alle Ideologien, sowohl den Machismus als auch den Feminismus“, hat auch Yolanda beobachtet. Besonders beeinflussbar seien die jüngeren Jugendlichen, glaubt Lucila. Mit den Jahren hätten sich unter ihren Altersgenossen unterschiedliche Gruppen gebildet, verschiedene Blasen, in der digitalen Welt genau wie in der realen – und bei älteren Generationen ähnlich wie bei den Jüngeren, sagt Yolanda. „In meinem Freundeskreis ist Schönheit oder Aussehen kaum ein Thema, aber in anderen Cliquen schon.“
Subtile statt offensichtlich
Und doch, da sind sich alle vier einig, gebe es Unterschiede zwischen ihrer Generation und der ihrer Eltern. „Wir sind mit dem Begriff des Feminismus groß geworden, er hat uns immer begleitet. Jetzt ist er bei einigen nicht mehr in Mode, aber es ist trotzdem gut, dass wir dafür sensibilisiert sind“, glaubt Yolanda. „Früher ging es mehr um das Offensichtliche, heute eher um das Subtile, das noch im Argen liegt“, bestätigt Laia.
Und was erwarten die 17-Jährigen von der Zukunft? Lucila will mal Architektin werden, Yolanda Biologin. Laia und Aurora sind noch unentschlossen. Lucila hätte gerne irgendwann mal Kinder, die anderen drei schließen eine Familiengründung nicht aus, haben aber andere Prioritäten.
Klare Grenzen
Gleichzeitig haben alle vier ganz klare Grenzen: Sich von einem Mann zu etwas drängen lassen, was sie selbst nicht wollen, kommt für sie nicht infrage. Und auch abhängig sein vom anderen Geschlecht wollen sie nie. „Ich habe einen Freund, das ist schön. Aber sollte er irgendwann einmal sexistische Kommentare oder Verhaltensweisen zeigen, dann werde ich ihn zur Rede stellen“, bekräftigt Aurora. Genau so, wie sie mit ihrem Vater auch manchmal über bestimmte Feminismus-Themen diskutiere. „Und wenn er darauf nicht eingeht, dann adiós.“
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