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Wo Kinder vor allem Kinder sind: Dieser Bauernhof in Palma zeigt, wie Inklusion wirklich geht

Auf einem ehemaligen Bauernhof an der Inca-Autobahn gibt es seit knapp 30 Jahren eine sehr beliebte Sommerschule.Die Granja Escola Jovent bemüht sich mit viel Engagement um wirkliche Inklusion – und muss doch immer wieder um Subventionen ringen

Kinder in der Sommerschule der Granja Escola Jovent.

Kinder in der Sommerschule der Granja Escola Jovent. / Granja Escola Jovent

Patrick Schirmer Sastre

Patrick Schirmer Sastre

Mitte März war es wieder so weit. Hunderte Väter und Mütter in Palma saßen an einem Mittwochmorgen an Handys und Laptops und starrten auf einen Countdown. Punkt acht Uhr war er beendet, und ein Formular öffnete sich. Jetzt hieß es schnell sein. Namen der Kinder eingeben, Zeiträume auswählen. Abschicken. Und dann bangen. Bangen, ob das Formular bei dem ganzen Andrang durchkommt. Rechtzeitig. So, dass die Kinder einen Platz haben in der Sommerschule der Granja Jovent. Die Sommerferien auf Mallorca dauern knapp drei Monate. Kaum ein Arbeitnehmer kann so lange freinehmen. Die Betreuung der Kinder wird für viele Familien zu einem Tetris-Spiel aus Wochenblöcken, aufgeteilt auf die freien Tage der Eltern, Besuche der Großeltern und eben den Sommerschulen.

Die Granja Escola Jovent ist ein ehemaliger Bauernhof. Ein kleines Stück Idylle, eingeklemmt zwischen dem Gewerbegebiet Son Castelló und der Inca-Autobahn. Es gibt hier einen Gemüsegarten und viele Tiere. Die Kinder können reiten, es werden Brote gebacken und Sonnenblumen in leeren Joghurtbechern gepflanzt. Es gibt auch einen Pool mit Nichtschwimmerbereich. Sommer auf dem Bauernhof für Stadtkinder.

Dass der Andrang groß ist, ist weder überraschend noch neu. Das Projekt Granja Escola Jovent existiert seit 1997. Früher, als es noch keine massentauglichen Online-Formulare gab, musste man die Kinder um acht Uhr vor Ort einschreiben. Die Eltern standen ab Mitternacht an. In einem Jahr bekamen die, die um 2 Uhr da waren, keinen Platz mehr. Es heißt, dass eine ehemalige Bürgermeisterin von Palma während ihrer Amtszeit Nächte vor der Granja Jovent durchgemacht hat, um ihre Kinder anzumelden.

Xisca Momblanch ist die Leiterin der Granja Escola Jovent. Ebenso wie ihre vier Mitstreiter ist sie von Anfang an dabei. Mitte der 90er-Jahre hatte der Stadtteilpfarrer Tomeu Suau das Projekt ins Leben gerufen und nach Freiwilligen gesucht. Momblanch war damals 23. Die Freiwilligen renovierten den heruntergekommenen Hof, lebten teilweise dort. In den ersten drei oder sogar vier Jahren, erinnert sich sie sich, hätte keiner ein Gehalt bekommen. Und das, obwohl wie noch heute unter der Woche jeden Tag Schulklassen kamen und in den Ferien die Sommerschule anstand.

Mehr als nur eine gute Option

Für manche Eltern ist der Aufenthalt ihrer Kinder auf der Granja Jovent mehr als nur eine gute Option für die Sommermonate. Etwa für Laura. Bei ihrer Tochter Clara (beide Namen geändert) diagnostizierten die Ärzte im Alter von einem Jahr Epilepsie. Sie hat Schwierigkeiten bei der Motorik und bei der Sprache. Sie braucht ständige Betreuung. „Unsere Familie wohnt auf dem Festland, wir brauchen in den Sommermonaten einen Ort, wo Clara aufgehoben ist“, sagt Laura. Die Freizeiteinrichtungen auf Mallorca sind zwar per Gesetz dazu verpflichtet, einen bestimmten Prozentsatz – konkret zwei Prozent – an Kindern mit Behinderungen aufzunehmen. Aber die wenigsten sind wirklich in der Lage, die Kinder angemessen zu betreuen. Nicht wenige lehnen direkt ab.

„Ich habe damals von der Granja gehört und mit Xisca gesprochen, um sie zu fragen, ob es möglich wäre, dass ein Mädchen wie Clara aufgenommen wird“, erzählt Laura. Das abzulehnen, kam für Momblanch nicht infrage. „Dabei war es nie Teil eines Plans oder einer Strategie, dass wir Kinder mit Behinderungen betreuen“, sagt Momblanch. „Wir wollten Aktivitäten für Kinder machen, unabhängig davon, ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Wir sagen ja auch keinem Kind, dass es nicht mehr kommen kann, wenn es sich ein Bein gebrochen hat.“

Es gibt keine „normalen“ Kinder

Mit den Jahren habe sie ohnehin gemerkt, dass es abwegig sei, bei Kindern von Normalität zu sprechen. „Eins hat vielleicht große Angst vor Tieren. Das andere hat vielleicht eine schwierige familiäre Situation. Wir versuchen zu garantieren, dass sie bei uns teilnehmen können. Und dass sie Spaß haben“, sagt Momblanch.

Clara war fünf Jahre als, als sie den ersten Sommer auf der Granja verbrachte. Heute ist sie fast volljährig. Seither hat sie alle Oster- und alle Sommerferien dort verbracht. „Sie ist da glücklich“, sagt die Mutter. Auf der Förderschule, die sie besucht, ginge es ihr auch gut. Aber auf der Granja sei es noch einmal anders. Zumal sie dort auch ganz natürlich mit Kindern zusammenkommt, die keine Behinderungen haben. „Sie ist da voll integriert. Die anderen Kinder sehen sie nicht als die arme Clara. Sie nimmt an allen Aktivitäten teil. Das ist sehr wichtig für ihr Selbstbewusstsein. Und wenn es mal eine Krise wegen der Krankheit gibt, ist immer jemand da, der damit umgehen kann.“ Und zahlen tut sie natürlich den gleichen Beitrag wie alle anderen Familien.

Doch das mit dem Geld ist so eine Sache. Die Balearen-Regierung vergibt Subventionen für Freizeitangebote, die inklusive Angebote für Kinder machen. Damit soll die Arbeit der eigens eingestellten Betreuungspersonen zumindest teilfinanziert werden. Für das Jahr 2024 erhielt die Granja Escola Jovent knapp 12.000 Euro. Im vergangenen Jahr aber ging sie leer aus. „Das hat ein tiefes Loch in die Kasse gerissen“, sagt Xisca Momblanch. „Wir werden wohl einen Kredit aufnehmen müssen.“

Xisca Momblanch (o. mi.) und das Team der Granja Escola Jovent.

Xisca Momblanch (o. mi.) und das Team der Granja Escola Jovent. / Nele Bendgens

Das Problem: Die Balearen-Regierung stellte insgesamt 88.000 Euro im Rahmen des Subventionsprogramms zur Verfügung. Verteilt auf zwei Jahre und auf alle Freizeitangebote der vier Balearen-Inseln. Zum Vergleich: Die Anfang April stattgefundene Kunstmesse Art Cologne erhielt für die Mallorca-Ausgabe insgesamt 520.000 Euro aus der öffentlichen Hand.

Damit man als Betreuerin oder Betreuer auf der Granja Escola Jovent oder einer anderen Freizeiteinrichtung arbeiten darf, muss man mehrere Abschlüsse vorweisen. Die Gehälter sind alles andere als üppig. Kaum mehr als 1.000 Euro im Monat sind drin. „Unter den Bedingungen ist es natürlich alles andere als leicht, geeignetes Personal zu finden, das von vom Inselrat akzeptiert wird“, sagt Momblanch. Je nach Abhängigkeitsgrad, also der Schwere der Behinderung, gibt es einen Betreuer für ein oder mehrere Kinder. Dementsprechend wird von der Behörden der Personalbedarf berechnet. „Aber das deckt sich nicht mit unseren Anforderungen“, sagt die Leiterin. „Denn möglicherweise wird uns eine Person für drei Kinder zugeteilt. Wenn aber diese Kinder fünf, zehn und 14 Jahre alt sind, kann sich eine Betreuerin unmöglich gleichzeitig um sie kümmern. Dann würden wir keine Inklusion betreiben, sondern sie von den anderen Kindern fernhalten.“

Prominenter Besuch

An prominenten Unterstützern mangelt es dem Bauernhof nicht. Der Sänger Jaume Anglada, seines Zeichens Freund des spanischen Königs Felipe VI., ist seit Jahren eng mit der Sommerschule verbunden, spielt immer wieder Benefizkonzerte, um Geld für das Projekt zu sammeln. Womöglich lag es auch an ihm, dass es eines Tages Anfang August 2023 an der Pforte klingelte. Vor der Tür standen Königin Letizia und ihre Töchter Leonor und Sofía. Unangemeldet. Ohne Bodyguards, ohne Fotografen. Ob sie das Projekt mal kennenlernen dürften, fragten sie freundlich an.

Eine Woche später war dann plötzlich Ministerpräsidentin Marga Prohens zu Besuch. Sie brachte Fotografen mit, dazu Bürgermeister Jaime Martínez und Sozialministerin Catalina Cirer. Geld bringen die Politikerbesuche natürlich nicht. Aber zwischendurch gibt es Erfolge. Nach jahrelanger Rechtsunsicherheit hinsichtlich der Eigentumsverhältnisse – „Wir waren zwar unverschuldet, aber effektiv Hausbesetzer“, erklärt Momblanch – überließ das Rathaus Palma der Granja Escola Jovent im Sommer 2025 das Grundstück für die kommenden 75 Jahre. Kostenfrei. „Das war für alle eine große Erleichterung“, sagt Momblanch.

Sie und ihre Mitstreiter machen das seit 30 Jahren. Sie sind als Kooperative organisiert. Reich wird keiner von diesem Job. Momblanch ist die Erste , die zugibt, dass das klassische Unternehmertum den Betreibern der Granja Escola Jovent nicht im Blut liegt. „Uns treibt weiter diese Energie vom Pfarrer Tomeu Suau an, die uns damals überzeugt hat, mit diesem Projekt anzufangen“, sagt sie.

Und das Konzept funktioniert. Das beweisen nicht nur die nervösen WhatsApps, die sich die Eltern der Stadt an einem Mittwochmorgen im März schicken, weil das System vom Andrang überlastet ist, obwohl man in diesem Jahr eigens einen Informatiker engagiert hatte, der das verhindern sollte. „Klappt es bei dir mit dem Formular? Konntest du es abschicken?“ Oder auch die ganzen E-Mails, Anrufe und Nachrichten, die bei der Sommerschule selbst eingehen. „Hunderte“ seien es, sagt Xisca Momblanch.

Man könnte es als Erfolg betrachten. Dass die Eltern darauf vertrauen, dass ihre Kinder hier gut aufgehoben sind. Aber für Momblanch steht ein anderer Aspekt im Vordergrund. „Es zeigt doch, dass es viel mehr Angebote wie unseres braucht.“ In ihrer Stimme klingt Empörung durch. „Wie kann es sein, dass das Gesetz vorschreibt, dass ein Freizeitangebot zwei Prozent Kinder mit Behinderungen aufnehmen muss, um sich den Sticker der Inklusion anheften zu können?“ Auf der Sommerschule der Granja Escola Jovent haben pro Zwei-Wochen-Zeitraum, der gebucht werden kann, 130 Kinder Platz. Vom Gesetz her wäre man verpflichtet, drei Kinder mit Betreuungsgrad aufzunehmen. Im vergangenen Jahr waren es aber durchschnittlich 25.

Für Momblanch ist es ein Versagen der Gesellschaft. „Wir führen ja auch nicht plötzlich inklusive Apotheken oder inklusive Kinos ein. Nein, wir sorgen dafür, dass sie möglichst für alle Menschen zugänglich sind. Warum ist das plötzlich anders, wenn es um die Freizeitbetreuung von Kindern geht?“, fragt sie. Ja, warum eigentlich?

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