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Pestfriedhof, Massengrab, Mahnmal: Die Geschichte des wohl symbolträchtigsten Friedhofs auf Mallorca

Ein neues Buch erzählt von Repression und Gedenken des Friedhofs Son Coletes in Manacor

Bei den Exhumierungen von Bürgerkriegsopfern.

Bei den Exhumierungen von Bürgerkriegsopfern. / CAIB

Frank Feldmeier

Frank Feldmeier

Bestattungsrituale gelten als fundamentales Wesensmerkmal des Menschen – sie markieren die Grenze zwischen instinktivem Verhalten und kulturellem Bewusstsein. Und obwohl der Historiker Antoni Tugores in seiner „Geschichte des Todes in Manacor“ schildert, wie es die Menschen über einen Zeitraum von 200 Jahren mit der Bestattungskultur hielten, steht gerade die Verweigerung dieser Rituale im Fokus – bei den Opfern des Spanischen Bürgerkriegs (1936–1939), die von den Putschisten erschossen und anonym auf dem Friedhof Son Coletes verscharrt wurden.

Ab 2020 wurden hier die sterblichen Überreste von 129 Opfern exhumiert, 16 von ihnen identifiziert. Zur großen Überraschung waren darunter viele der auf Mallorca verschwundenen weiblichen Opfer, allen voran die Kommunistin Aurora Picornell, Symbolfigur des Widerstandes, deren Leiche eigentlich in Porreres vermutet worden war.

Passender Zeitpunkt

Tugores’ Buch ist ein Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung. Es erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem ein eigens dafür geschaffenes und ursprünglich im Konsens verabschiedetes Balearen-Gesetz auf Druck der Rechtspartei Vox abgeschafft wird.

Toni Tugores, Autor des Buches, in Son Coletes.

Toni Tugores, Autor des Buches, in Son Coletes. / GUILLEM BOSCH

Darauf wies der renommierte Bürgerkriegshistoriker Joan Maria Thomàs bei der Vorstellung von „Son Coletes: història de la mort a Manacor“ Ende vergangener Woche hin. Wo man nur eine Handvoll geschichtsinteressierter Leser erwarten hätte können, mussten in der Escola de Mallorquí in Manacor zusätzliche Stühle herbeigeschafft werden.

1820 wütete die Pest

Die Details, die Tugores über den Umgang mit Epidemien, über religiöse Konflikte und sanitäre Vorschriften, über Vertuschung und Aufklärung zusammenträgt, sind haarsträubend. Das beginnt mit der 1787 von Spaniens König Karl III. erlassenen Vorgabe, wonach die Toten aus Gründen der Hygiene nicht mehr in Kirchen und Klöstern zu bestatten seien.

Im fernen Manacor wurde das jahrzehntelang missachtet. Erst als im Jahr 1820 die Pest wütete – im nahen Son Servera starb mehr als die Hälfte der Bevölkerung, Soldaten bildeten Seuchenkordons auf Sichtkontakt, damit niemand passierte – sollte endlich auch Manacor einen Friedhof bekommen. Er entstand in rund zwei Kilometer Entfernung vom Zentrum in Son Coletes. Allerdings starben dann in Manacor letztendlich nur zwei Personen an der Pest. Statt sie zu bestatten, wurde ihr Haus verbrannt.

Wieder für die Weidetiere

Als die Seuche vorbei war, blieb der Friedhof und wurde nur begrenzt genutzt. Ein Teil der Toten fand weiter innerhalb der Kirchenmauern die letzte Ruhe. Der Glaube und das Laissez-faire der Verwaltung waren stärker als gesundheitliche Bedenken. Zumal Son Coletes so weit entfernt war. „Die Toten wurden getragen oder im Karren gefahren, das dauerte zuweilen über eine Stunde“, so Tugores.

Nur 15 Jahre nach der Pest gaben die Ratsherren Son Coletes wieder auf, überließen ihn den Weidetieren und wiesen einen neuen Friedhof aus, s’Hort des Rector. Die erste Bestattung in dem ehemaligen Pfarrhaus-Garten fand im November 1835 statt: Die mit 104 Jahren verstorbene Catalina Torres fand so ihre letzte Ruhe. Die praktische Nähe war letztendlich wichtiger als der felsige Untergrund, die mögliche Geruchsbelästigung im Sommer oder die Finanzierungsprobleme. Die neue Friedhofskapelle konnte denn auch erst 1877 eingeweiht werden.

Selbstmöder, Atheisten, Freidenker - und Protestanten

Direkt daneben entstand ein weiterer kleiner Friedhof, der im Volksmund den Namen cementeri dels penjats (Friedhof der Aufgeknüpften) bekam. Neben Selbstmördern wurden hier aber auch Freidenker, Atheisten und Protestanten bestattet, sowie unter Protest von ihren Angehörigen auch Kriminelle.

S’Hort des Rector erwies sich als kurzsichtiger Kompromiss, schon zu Zeiten der Zweiten Republik ab 1931 ging der Platz aus. Das zeigte sich auf zynische Weise nach dem Putsch von 1936, als der Bürgerkrieg ausbrach und republikanische Milizionäre an der nahen Ostküste anlandeten, um Mallorca von den Aufständischen zurückzuerobern. Sie wurden zurückgeschlagen.

Der Chef der nationalen Kampftruppen ließ kurzerhand in der Nacht auf den 17. August 1936 die Leichen von wohl 200 gefangenen und getöteten Kämpfern des republikanischen Lagers in s’Hort des Rector auftürmen, mit Benzin übergießen und anzünden. „Die Anwohner protestierten, denn der Gestank hüllte den Ort und die Umgebung ein“, schreibt Tugores.

Opfer "verschwanden" einfach

Der fast vergessene Friedhof von Son Coletes erwies sich als besserer Standort für die Hinrichtungen und die Beseitigung der Leichen – und repräsentiert neben Porreres wie kein anderer Ort die Repression in den ersten Monaten des Bürgerkriegs. Es war die Zeit bis Januar 1937, als Opfer einfach „verschwanden“, ohne Prozess oder Urteil. Von ganz Mallorca wurden sie hierhergebracht, wohl aus pragmatischen Gründen: „In Son Coletes hoben Gefangene ohne Unterlass neue Gräben aus, bis zu 70 Zentimeter tief.“

Einerseits war das alles ein offenes Geheimnis. Es gab Augenzeugen, einige Franco-Schergen brüsteten sich auch mit den Hinrichtungen. Andererseits gab es 2018 große Zweifel, ob man bei den Sondierungen überhaupt Spuren finden würde.

Denn schon Anfang der 1950er-Jahre war Son Coletes als Friedhof neu gegründet worden, um s’Hort des Rector zu ersetzen und abzureißen. Direkt über dem Massengrab entstanden die Fundamente der heutigen Mausoleen. Angeblich wurden bei den Arbeiten auch die Spuren der Repression beseitigt und säckeweise Skelette entsorgt.

Gewissheit über genaue Opferzahl gibt es nicht

Dass dies nur zum Teil stimmt, zeigte sich, als bei den ersten Exhumierungen auch Tote aus dem 19. Jahrhundert gefunden wurden. Das unebene Gelände war bei der Anlage des neuen Friedhofs zum Teil einfach aufgeschüttet worden. Gewissheit über die tatsächliche Zahl der in Son Coletes verscharrten Opfer wird es nicht geben: Die von den Mausoleen belegte Fläche musste ausgespart werden.

Zum inoffiziellen Ort des Gedenkens für alle Angehörigen von Franco-Opfern war Son Coletes auch ohne Gewissheit über den Verbleib vieler Opfer geworden. Angehörige legten schon nach dem Bürgerkrieg zu Allerheiligen Kränze nieder. Ab 1984 gab es Gedenkstunden. Und ab 2021 übergab die Regierung identifizierte sterbliche Überreste den Angehörigen. Erst jetzt konnten sie mit jenem Zeremoniell bestattet werden, das den Opfern knapp 90 Jahre zuvor verweigert worden war.

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