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Raus aus dem Hamsterrard, rein in die Selbstliebe: In diesem besonderen neuen Café auf Mallorca kann jeder etwas für seine psychische Gesundheit tun

In Manacor hat am Montag (27.4.) ein neues Inklusions-Café eröffnet. Es soll Menschen mit psychischen Erkrankungen Arbeit, Struktur und Begegnung ermöglichen – und auch die breite Masse zur Psychohygiene anregen

Im neuen Inklusionscafé "T'Estim" in Manacor ist Raum zum Innehalten, Reflektieren und Begegnen.

Im neuen Inklusionscafé "T'Estim" in Manacor ist Raum zum Innehalten, Reflektieren und Begegnen. / Nele Bendgens

Sophie Mono

Sophie Mono

Montagmorgen (27.4.), kurz nach 10 Uhr. Toni Sanchó stellt zwei Wasserflaschen aufs Tablett, vorsichtig hebt er es an. "Ein bisschen nervös bin ich schon", gibt er zu. Weniger als zwei Stunden ist es her, dass sein neuer Arbeitsplatz, das Inklusionscafé "T'Estim" in Manacor, erstmals für die Öffentlichkeit seine Pforten geöffnet hat. Alles ist neu, ungewohnt, aufregend. "Aber es ist gut, dass ich hier bin", sagt Toni Sanchó, als er die Bestellung sicher an einem der Cafétische abgeliefert hat. "Die Arbeit lenkt mich ab. Ich brauche sie, um nicht an eigenartige Dinge zu denken."

Toni Sanchó am Montag (27.4.) an seinem ersten Arbeitstag als Kellner

Toni Sanchó am Montag (27.4.) an seinem ersten Arbeitstag als Kellner. / Nele Bendgens

Arbeit statt Gedankenkarussell

Dinge, die in seinem Kopf sind, und die ihm nicht gut tun. Die ihn in Gedankenspiralen verwickeln, aus denen er manchmal nur mit Hilfe herauskommt. "Ich habe eine Störung", sagt er schlicht. Welcher Art genau, will Toni Sanchó nicht erläutern. Für Notfälle habe er eine Koordinatorin, die er immer anrufen könne. Auch im Alltag unterstützt sie ihn regelmäßig. "Aber ich wohne alleine", sagt der 37-Jährige und klingt stolz.

Bisher habe er immer mit seinen Eltern zu Mittag gegessen. Das ist nun nicht mehr nötig. Bei seiner neuen Arbeit im "T'Estim"-Café gibt es auch eine warme Mittagsmalzeit. "Aber erst einmal muss ich mich an alles gewöhnen", sagt Toni Sanchó. Zumal er vorher noch nie als Kellner gearbeitet hat. "Ich war mal beim Club Náutico in Portocolom beschäftigt, habe mich um Boote gekümmert, aber das ist schon etwas her", erzählt der Mallorquiner.

Verbindung zur Außenwelt

Ein älteres Ehepaar betritt den hellen Gastraum, sieht sich interessiert um, entscheidet sich dann aber für ein Plätzchen unter dem Sonnensegel im Innenhof des Cafés. Nicht nur das Lokal ist neu - das gesamte Gebäude erstrahlt in frischem Glanz. Knapp 2,2 Millionen Euro hat die Sanierung der ehemaligen Sa-Ràfia-Fabrik in Manacor die balearische Landesregierung gekostet, die Stiftung La Caixa hat weitere 50.00o Euro beigesteuert. Schon seit den 1970er Jahren werden in den Räumlichkeiten am westlichen Stadtrand keine Naturfasern mehr verarbeitet, stattdessen stand die Fabrik mitten in einem ruhigen Wohngebiet bis vor kurzem leer. Jetzt ist alles hell, modern, ansprechend.

Guillem Febrer ist der Geschäftsführer der Stiftung Estel de Llevant

Guillem Febrer ist der Geschäftsführer der Stiftung Estel de Llevant. / Nele Bendgens

"Das neue Café ist die Verbindung zur Außenwelt, damit auch die Anwohner herkommen und sehen können, was wir hier tun", sagt Guillem Febrer. Er ist der Geschäftsführer der Stiftung Estel de Llevant, die sich um Menschen mit psychischen Erkrankungen und deren Angehörige kümmert - und derjenige, der 2022 die Idee für die Wiederbelebung der Ràfia-Fabrik in konkrete Projektanträge verwandelte. Dass all seine Ideen jetzt Wirklichkeit geworden sind, beflügelt ihn.

"In einigen der Räume bringen wir betreute Wohngruppen unter. In anderen finden Gesprächsgruppen und Schulungen statt. Außerdem sollen bald zehn Teilnehmer eine duale Kellner-Ausbildung hier starten, auch dafür nutzen wir das Café", schwärmt er. Der ideale Ort, um Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen ins Arbeitsleben zu integrieren - und irgendwann vielleicht auch in den allgemeinen Arbeitsmarkt. "Gleichzeitig ist es aber auch ein Ort, an dem Besucher Vorurteile gegenüber unseren Teilnehmern abbauen können."

Das Hamsterrad überdenken

Noch immer gebe es sie, die Stigmatisierungen gegenüber Menschen mit psychischen Problemen. "Obwohl da in den vergangenen 15 Jahren schon sehr große Fortschritte gemacht wurden", betont Febrer. Gerade die Pandemie habe dazu beigetragen, dass die breite Masse sich mehr mit der eigenen Psyche beschäftigt habe. "Auch wir haben unseren Fokus geändert. Statt uns auf psychische Erkrankungen zu konzentrieren, die unsere Teilnehmer von der Gesellschaft abgrenzen, richten wir unser Augenmerk mittlerweile auf die mentale Gesundheit. Sie geht jeden etwas an, sie verbindet uns alle und jeder von uns sollte sie für sich selbst pflegen."

Das Café verfügt über einen Innen- und einen Außenbereich

Das Café verfügt über einen Innen- und einen Außenbereich. / Nele Bendgens

Innehalten, reflektieren, eigene Hamsterräder oder Baustellen überdenken - das kann auch bei einem Besuch im "T'Estim" gelingen. Hier ist Raum für Entschleunigung und Psychohygiene. Die weißen Wände sind über und über voll mit handgeschriebenen rostbraunen Denkanstößen - Inspirationen, die ebenfalls in einem Estel-Projekt entstanden sind. "Suicidio no es la salida" (Suizid ist kein Ausweg) steht da, aber auch so einfache wie tiefgründige Aussprüche wie "Mamá, te quiero" (Mama, ich hab dich lieb) oder schlicht "reconocer" (erkennen).

Bio-Tee aus eigenem Anbau

Der Bio-Tee (hinten) stammt aus eigenem Anbau

Der Bio-Tee (hinten) stammt aus eigenem Anbau. / Nele Bendgens

Toni Sanchó bringt derweil ein belegtes Brötchen zum Tisch eines Arbeiters, der noch ein paar Verschönerungen im Innenraum vorgenommen hat. Das llonguet auf dem Teller ist eins von mehreren Sorten, die vormittags zum Frühstück angeboten werden. Mittags wird es dann ein Tagesgericht und süße Nachspeisen geben.

Und natürlich zu jeder Zeit eine große Auswahl des T'Estim-Bio-Tees, den die Estel-Stiftung bereits seit vier Jahren in einer integrativen Gärtnerei bei Manacor anbaut und herstellt. "Daher auch der Name des Cafés", so Guillem Febrer. Letztlich, resümiert er nachdenklich, sei der Name zudem Programm, in der Stiftung und im neuen Café. T'estim. Ich hab dich lieb. "Wir begegnen den Menschen hier liebevoll", sagt Febrer. Und im besten Fall sie sich selbst gegenüber auch. Der erste Schritt für eine gesunde Psyche.

Das neue Inklusions-Café T'Estim ist ab sofort von 8.30 bis 16.30 Uhr geöffnet. Milchkaffee, Cola, Tee und Bier kosten hier je 2 Euro, belegte Brötchen gibt's ab 3,40 Euro. Das Tagesmenü (inklusive Getränk und Vorspeise) kostet 16 Euro. Adresse: Avinguda dels Pins de sa Torre, 97, in Manacor.

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