Es begann mit einer WhatsApp: Wie Mallorcas Ex-Ministerpräsidentin Francina Armengol in Spaniens großen Maskenskandal verwickelt wurde
Spanien verfolgt gebannt einen Prozess wegen Korruption bei Maskendeals während der Pandemie. Ein Name fällt dabei immer wieder: Francina Armengol. Was hat die frühere Ministerpräsidentin mit der Sache zu tun?

Düstere Zeiten: Die frühere balearische Ministerpräsidentin Francina Armengol ist durch ihre allem Anschein nach oberflächliche Verwicklung in den Maskenskandal politisch beschädigt. | FOTO: HELLÍN/EUROPA PRESS
Es ist Samstagmorgen, der 25. April 2020 um 6.23 Uhr, als Francina Armengol eine WhatsApp bekommt. Der Absender stellt sich vor: „Guten Morgen, Ministerpräsidentin, ich habe Sie gestern angerufen. Mir ist gekommen, dass Sie womöglich nicht meine Handynummer haben. Ich bin Koldo García. Ich arbeite für José Luis Ábalos. Rufen Sie mich bitte zurück, wenn es geht.“ An diesem Morgen dürfte die Textnachricht wie ein rettender Anker wirken. Denn es ist Pandemie. Lockdown. Das Unverwaltbare muss verwaltet werden. Und hier meldet sich die rechte Hand von José Luis Ábalos, dem einflussreichen spanischen Transportminister und einem der engsten Vertrauten von Pedro Sánchez. Es ist eine WhatsApp, die man beantwortet. Aus heutiger Perspektive hätte Armengol es besser gelassen.
Seit Anfang des Monats wird García und Ábalos sowie dem Unternehmer Víctor de Aldama vor dem Obersten Gerichtshof Spaniens der Prozess gemacht. Den drei Männern wird Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung, Bestechung, unerlaubte Einflussnahme und Veruntreuung zur Last gelegt. Die Masche soll laut den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft darin bestanden haben, dass García mit dem Placet von Ábalos dem Unternehmer öffentliche Aufträge zugeschanzt hat, unter anderem für Sanitätsbedarf während der Pandemie. García erhielt laut der Anklage monatlich 10.000 Euro für seine Bemühungen. Ábalos soll Immobilien und 400.000 Euro erhalten haben. Dass Armengol in den Fokus der Ermittlungen geraten ist, liegt daran, dass das Trio auch auf den Balearen zugeschlagen hat.
Nachdem Koldo per WhatsApp den Kontakt zu Armengol hergestellt hat, bietet er ihr die Vermittlung von dringend benötigten Masken an. Zu dem Zeitpunkt hat die spanische Zentralregierung den Erwerb des Sanitätsmaterials noch nicht zentralisiert. Die Autonomen Regionen sind auf sich allein gestellt. Armengol leitet den Kontakt an die balearische Gesundheitsbehörde IB Salut weiter. Um 12.43 Uhr meldet sich deren Generaldirektor Manuel Palomino bei García per WhatsApp: „Mir wurde dein Kontakt gegeben, um Zugang zu 1 Million FFP2-Masken zu 2,50 Euro zu bekommen. Wie komme ich an die technischen Daten? Damit ich schnell eine Entscheidung treffen kann.“
Vom Türsteher zum Berater
Koldo García ist 1,90 Meter groß und stämmig. Er hat eine kratzige, überraschend helle Stimme. Trotzdem: ein Mann, der Eindruck schindet. Als junger Mann in Navarra in Nordspanien war er unter anderem als Türsteher angestellt. Über den mittlerweile ebenfalls wegen Korruptionsvorwürfen in U-Haft sitzenden PSOE-Politiker Santos Cerdán bekam er Zugang zu den Sozialisten, machte sich hier schnell als Mann fürs Grobe einen Namen. Er unterstützte auch den heutigen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez bei seinem Kampf um den Parteivorsitz im Jahr 2016. Als Ábalos 2018 unter Sánchez Entwicklungsminister wurde, stellte er García als Fahrer ein. Schnell entwickelte sich das Verhältnis zwischen den beiden und García, den man in der spanischen Öffentlichkeit eher unter seinem Vornamen kennt, wurde zum wichtigsten Berater des Ministers.
Es soll auch in jener Zeit gewesen sein, als der Kontakt zu Víctor de Aldama hergestellt wurde. Dessen Bruder Rubén arbeitete im Ministerium als Personenschützer und vermittelte die Telefonnummer. Es wäre doch praktisch, wenn sein Bruder, der Unternehmer, direkten Zugang zum Minister hätte, soll der damals gesagt haben. Schon bald soll Víctor de Aldama im Ministerium ein und aus gegangen sein, als wäre er selbst der Chef des Hauses. Koldo und Ábalos schanzten ihm, unter anderem im Bauwesen, Aufträge zu, er bedankte sich mit großzügigen Zuwendungen. So zumindest sehen das die Ermittler.

Koldo García. / Efe
Das Angebot aus dem Transportministerium, bei der Beschaffung von Masken behilflich zu sein, fruchtet. Am 26. April 2020, also am Tag nach der ersten Kontaktaufnahme, schickt Armengol um 7.48 Uhr eine WhatsApp an Koldo. „Manuel (Palomino, d. Red.) sagt mir, dass alles gut gelaufen ist.“ Keine zwei Wochen später, am 8. Mai 2020, bestellt die Balearen-Regierung 1,4 Millionen Masken im Wert von 3,7 Millionen Euro bei der Firma von de Aldama.
Von der Freundschaft, die de Aldama mit García und Ábalos 2018 geknüpft hatte, ist heute nicht mehr viel übrig. Sie stehen gemeinsam vor Gericht, doch während der Ex-Minister und sein Berater mit dem Polizeiwagen morgens zum Prozess gefahren werden, spaziert de Aldama ohne Begleitung in den Saal.
Schon kurz nach der ersten Festnahme im Frühjahr 2024, als der Maskenskandal in die Öffentlichkeit kam, hatte der Unternehmer beschlossen, seine eigene Haut zu retten. Er verpfiff seine ehemaligen Komplizen. Die Justiz dankte es ihm unter anderem mit der Entlassung aus der U-Haft. Ein Schritt, der umstritten war, weil de Aldama wegen anderer Korruptionsfälle auf weitere Prozesse wartet. Zudem machte sich die Zusammenarbeit mit den Ermittlern auch bei der Strafforderung bemerkbar. Während die Staatsanwaltschaft für Ábalos 24 Jahre und für García 19 Jahre fordert, soll der Unternehmer laut der Vorstellung der Anklage nur sieben Jahre absitzen.

Víctor de Aldama . / Efe
Als der Skandal um die mutmaßlich korrupten Maskendeals im Februar 2024 ans Licht kommt, gerät Francina Armengol, die zu dem Zeitpunkt nicht mehr Ministerpräsidentin, sondern spanische Parlamentspräsidentin ist, in die Bredouille. Denn die Ermittler haben festgestellt, dass die 1,4 Millionen Masken immer noch in einer Lagerhalle versauern. Der Grund: Schon kurz nach der Lieferung wurde festgestellt, dass die Ware nicht die vereinbarte Qualität hatte. Anders gesagt: Statt FFP-2-Masken hatte de Aldama Fake-Masken geliefert. Francina Armengol beteuert: Man habe die Lieferung fristgerecht reklamiert und das Geld zurückgefordert. Das stimmt zwar, aber die Ermittler fördern ein brisantes Detail zutage. Die Reklamation erfolgte erst im Frühjahr 2023, als Armengol schon damit rechnen musste, dass sie die anstehende Regionalwahl verlieren würde.
Schriftliche Aussage vor Gericht
Bei dem Prozess vor dem Obersten Gerichtshof wurde Armengol als Zeugin vorgeladen. Ihre Aussage reichte sie schriftlich ein. Sie nutzte dabei eine Sonderregelung, die es hochrangigen Amtsträgern ermöglicht, nicht persönlich vor Gericht zu erscheinen. Dies brachte ihr nicht nur die Kritik von rechten Parteien, sondern auch von der regionalen Öko-Partei Més per Mallorca ein, dem früheren Koalitionspartner. In ihrer Aussage beteuerte Armengol, dass der Kontakt mit den drei Angeklagten Ábalos, García und de Aldama minimal gewesen sei.
Und das, obwohl bereits im Herbst 2024 mehrere WhatsApp-Verläufe zwischen der damaligen Ministerpräsidentin und Koldo García öffentlich geworden waren. Eine dieser Nachrichten sorgte damals für besonders viel Aufsehen. Am 17. August 2020 schrieb der Berater um Punkt 20 Uhr: „Okay, cariño, ich halte dich auf dem Laufenden.“ Cariño bedeutet so viel wie Schatz oder Liebes. Manche interpretierten es damals als Zeichen, dass Armengol und García ein besonders enges Verhältnis hatten. Eine andere Interpretation ist, dass sich der Minister-Berater einen Tonfall herausnahm, der sich für den Umgang mit einer Amtsträgerin nicht gehört. Armengol selbst erklärte vor dem Untersuchungsausschuss zum Maskenskandal im spanischen Senat im Juli 2025, dass sie kaum dafür verantwortlich gemacht werden könne, was ihr andere Personen schrieben.
Die schriftliche Aussage reichte Armengol am 6. April vor dem Obersten Gerichtshof ein. Es hätte das vorläufige Ende ihrer Verwicklung in den Skandal sein können. Doch nur zehn Tage später veröffentlichte die Ermittlungseinheit UCO der Guardia Civil neue Datensätze. Und die zeigen, dass die Politikerin doch einen deutlich intensiveren Austausch mit Koldo García pflegte, als es ihr öffentlich vorgetragenes Erinnerungsvermögen abgespeichert hatte.

Einst ein mächtiger Politiker, heute im Gefängnis: José Luis Ábalos. | FOTO: CHEMA MOYA/EFE
Treffen mit de Aldama
Zumal die Kontakte auch weitere Aufschlüsse über das Verhältnis zwischen Armengol und de Aldama liefern. Die Politikerin hatte nach Bekanntwerden des Skandals zunächst bestritten, dass sie den Unternehmer kenne. Im Sommer 2025 erklärte dieser in einer Fernsehsendung, dass er ein persönliches Treffen mit Armengol gehabt habe – und zwar im Regierungssitz Consolat de Mar in Palma. Dabei sei es allerdings nicht um den Verkauf von Masken gegangen, so de Aldama. Armengol gab daraufhin zu, dass sie ihn einmal bei einem Treffen gesehen habe. Der Unternehmer sei Teil einer Delegation des Tourismuskonzerns Globalia gewesen, für die er als Berater arbeitete. Öffentlichen Aufzeichnungen zufolge fand aber nur ein Treffen zwischen Armengol und Globalia statt – am 28. März 2023. Víctor de Aldama war damals nicht unter den Teilnehmern.
Aus den nun veröffentlichten Dokumenten geht hervor, dass Koldo García ein Treffen zwischen dem Unternehmer und der Ministerpräsidentin einfädelte. Am 16. November 2020 bittet er sie eindringlich, ein Treffen am Mittwoch, also zwei Tage später, zu ermöglichen. „Wenn du mit diesen Leuten eine Stunde zu Mittag isst, werde ich dich für immer lieben“, schrieb er, gefolgt von zahlreichen Emojis. Doch nicht nur das: Über die Sekretärin der Ministerpräsidentin gelingt es García, zu arrangieren, dass Víctor de Aldama mit dem Auto in die Tiefgarage des Regierungssitzes hineinfahren darf. Er gibt das Kennzeichen des Wagens durch, die Sekretärin bestätigt. Die Dokumente deuten darauf hin, dass es bei dem Treffen um einen Kauf von PCR-Tests ging, die die Balearen-Regierung für die Gesundheitskontrolle an den Flughäfen brauchte. Zu einem Geschäft kam es in dem Fall, im Gegensatz zu den Masken, allerdings nicht. Der Balearen-Regierung war der Preis zu hoch. Man fand eine andere Lösung.
Die Folgen
Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass Francina Armengol sich strafrechtlich bei der mutmaßlichen Korruptionsaffäre etwas hat zu Schulden kommen lassen. Auch, dass sie sich selbst bereichert haben könnte, steht nicht im Raum. Die bisherigen Erkenntnisse der Ermittler deuten darauf hin, dass der Kauf der Masken im Frühjahr 2020 vom Gesundheitsministerium korrekt abgewickelt wurde. Und der Umstand, dass Koldo García sich per WhatsApp bei ihr vorstellen musste, weil sie seinen Anruf am Vortag nicht angenommen hatte, darf als Beweis betrachtet werden, dass vorher kein Verhältnis zwischen ihr und dem Rädelsführer der mutmaßlichen Maskenmafia bestand.
Fragwürdig ist allerdings die Kommunikationspolitik der Ex-Ministerpräsidentin. Immer wieder hat sie im Laufe der vergangenen Jahre getroffene Aussagen revidieren müssen. Auch der Umstand, dass die fehlerhaften Masken so spät reklamiert wurden, rückt ihre Rolle in kein günstiges Licht. Wobei in letzterem Fall auch ihre Nachfolgerin Marga Prohens in Erklärungsnot geraten ist. Denn nach ihrem Amtsantritt wurde das Verfahren, um das Geld zurückzuverlangen, formell eingeleitet. Danach passierte aber lange nichts mehr. Die Regierung ließ wichtige Fristen verstreichen. Die 3,7 Millionen Euro sind bislang nicht in die Kassen der Balearen zurückgeflossen.
Unabhängig davon, ob Armengol noch ein relevantes Fehlverhalten nachgewiesen werden kann, hat der „Caso Koldo“, wie der Skandal meist in der spanischen Öffentlichkeit genannt wird, die Politikerin aus Inca politisch beschädigt. Zwar ist davon auszugehen, dass sie bis zum Ende der Legislaturperiode Parlamentspräsidentin bleiben wird. Doch mit einer politischen Rückkehr auf die Balearen, mit der sie zwischenzeitlich geliebäugelt hatte, dürfte es schwierig werden. Für ihre Partei, die Sozialisten, macht dies die Lage vor den Kommunal- und Regionalwahlen im kommenden Mai komplex. Seit Armengols Abwahl und Weggang nach Madrid fehlt der Balearen-PSOE eine starke Person. Viele Parteimitglieder dürften sich eine Rückkehr der Galionsfigur Armengol gewünscht haben. Viel deutet darauf hin, dass die jetzige Staatssekretärin für Tourismus und ehemalige balearische Finanzministerin Rosario Sánchez ins Rennen gegen Marga Prohens gehen wird. Francina Armengol muss derweil hoffen, dass keine weiteren brisanten Informationen mehr öffentlich werden. Ob es da noch etwas zu entdecken gibt, weiß nur sie selbst.
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