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Hilfe für Deutsche in Not: MZ-Preis würdigt Evangelische Gemeinde auf Mallorca

Die Deutschsprachige Evangelische Gemeinde auf den Balearen hilft Kranken, einsamen Senioren und Inhaftierten auf Mallorca. Für dieses Engagement erhält sie den MZ-Preis für soziales Engagement

Im Portrait: MZ-Preisträgerin Deutschsprachige Evangelische Gemeinde auf den Balearen

Nele Bendgens

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Johannes Krayer

Johannes Krayer

Mallorca ist viel Licht, aber die Insel hat auch ihre Schattenseiten: Armut, Einsamkeit, Kriminalität. Darauf hat Martje Mechels bereits beim ZDF-Fernsehgottesdienst im April hingewiesen. Die Pfarrerin der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde auf den Balearen, ihr Mann Holmfried Braun und zahlreiche Ehrenamtliche der Gemeinde auf Mallorca setzen sich jeden Monat viele Stunden für diejenigen ein, die auf der Insel nicht das vermeintliche Paradies erleben, sondern häufig um ein würdevolles Leben kämpfen müssen. Mit Krankenhaus- und Gefängnisbesuchen sowie der Aktion Herztat stehen sie ihnen zur Seite. Für dieses Engagement würdigt die Mallorca Zeitung alle Menschen, die sich bei der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde für andere einsetzen. Sie bekommen in diesem Jahr den MZ-Preis für soziales Engagement.

Hilfe, wo das Paradies Risse bekommt

Claudia Lier sitzt am großen Tisch im Pfarrhaus in Arenal und es ist zu spüren, dass es ihr ein wenig unangenehm ist, im Mittelpunkt zu stehen. Die zierliche Frau ist Teil des Teams des Besuchsdienstes der evangelischen Gemeinde und kümmert sich um deutschsprachige Patienten in den Krankenhäusern der Insel. Seit 13 Jahren ist sie bereits dabei – sie und sieben weitere Freiwillige, die als fester Kern mithelfen. „Ich habe schon früh Verantwortung übernehmen müssen und anderen Menschen geholfen“, erzählt Claudia Lier. Als sie ein neun Monate altes Baby war, erlitt ihr Vater einen Arbeitsunfall und war seitdem schwerbehindert und pflegebedürftig. Claudia Lier wuchs damit auf, ihn zu unterstützen. Als sie viele Jahre später nach Mallorca gezogen war und ihre Mutter starb, holte sie ihren Vater auf die Insel und pflegte ihn noch zehn Jahre bis zu seinem Tod weiter.

Sind gespannt, aufgeregt, aber auch in voller Vorfreude auf den 19. April: Martje Mechels und Holmfried Braun. | FOTO: DANYEL ANDRÉ PHOTOGRAPHER

Sind gespannt, aufgeregt, aber auch in voller Vorfreude auf den 19. April: Martje Mechels und Holmfried Braun. / | FOTO: DANYEL ANDRÉ PHOTOGRAPHER

Dann habe sie von den Besuchsdiensten der evangelischen Gemeinde gehört und wollte unterstützen. Einmal wöchentlich zieht die Gruppe meist gemeinsam mit Martje Mechels los, um vor allem moralische, aber auch praktische Unterstützung zu geben. Die meisten Patienten sind dabei Urlauber, vor allem im Sommer. Dabei ist es nicht immer ganz einfach, an die Menschen heranzutreten. Der Datenschutz verbietet es den Krankenhäusern, persönliche Daten herauszugeben. Meist informieren die Kliniken dann allgemein über deutschsprachige Patienten und der Besuchsdienst nähert sich ihnen vorsichtig. „Wenn wir an die Tür klopfen, klopft uns auch das Herz. Wir müssen sehr behutsam das Gespräch beginnen und erst einmal einen Zugang finden, weil uns ja niemand kennt. Manche vermuten, wir wollen ihnen etwas verkaufen“, sagt Lier.

Wenn Helfen mit vorsichtigem Anklopfen beginnt

Nach kurzer Zeit seien dann die Zweifel aber zerstreut und es könne darum gehen, wo der Schuh drückt. Die Bandbreite an Themen ist riesig. Einmal ist es die Sozialversicherungskarte des Patienten, die nicht funktioniert, ein anderes Mal muss eine ältere Dame bei ihrer Rückkehr nach Deutschland mit dem Flugzeug begleitet werden. Und dann gibt es die Fälle, in denen nichts mehr hilft außer einfach da zu sein. „Wir begleiten auch Menschen am Lebensende“, sagt Lier nachdenklich. Vor allem macht ihr zu schaffen, wenn wieder ein Krebspatient oder eine Krebspatientin im Endstadium mit nicht einmal 50 Jahren stirbt. „Es berührt mich oft, wie gut diese Menschen ihr Schicksal annehmen und das hinbekommen“, sagt Lier. Es gebe nicht viele verbitterte Menschen.

In Notfällen sind dann die Pfarrer selbst mit seelsorgerischer Unterstützung gefragt. „Gerade bei psychischen Ausnahmesituationen werden wir gerufen. Da müssen wir dann sofort reagieren und setzen uns auch nachts um zwei ins Auto“, sagt Martje Mechels. Zehn bis 15 Besuche schaffen die Freiwilligen normalerweise an einem Nachmittag im Krankenhaus. Danach sind sie häufig selbst ausgelaugt und haben viele Eindrücke zu verarbeiten. Seit ein paar Jahren hat die evangelische Gemeinde einen Supervisor, der sich um die Freiwilligen kümmert und extra aus Deutschland eingeflogen kommt. „Das lassen wir uns einiges kosten, aber es ist aus unserer Sicht ein sehr wichtiges Tool“, sagt Holmfried Braun. Da geht es dann auch darum, auszuloten, wo eigene Grenzen gesetzt werden müssen.

Aktion Herztat

Was vor knapp neun Jahren mit „zwei, drei Leuten“ begann, wie Herztat-Gründer Roland Werner sagt, hat sich inzwischen verselbstständigt und ist eine eigene Lebensaufgabe geworden. „Wir unterstützen auf Mallorca lebende Deutsche in der Not“, erklärt Werner, der mit Herztat ein wenig wie die Jungfrau zum Kinde kam. Ihm sei es sehr gut ergangen im Leben, und er habe irgendwann gemerkt, dass es auf Mallorca viele Landsleute gebe, denen es nicht so gut gehe. Da beschloss er zu helfen.

Patin Bettina Hömberg, Insel-Pfarrerin Martje Mechels und Moderatorin Birgit Schrowange (v.l.) engagieren sich für die Stiftung "Herztat".

Patin Bettina Hömberg, Insel-Pfarrerin Martje Mechels und Moderatorin Birgit Schrowange (v.l.) engagieren sich für die Stiftung "Herztat". / Nele Bendgens

Ein Netzwerk gegen Einsamkeit und Armut

Wenn Roland Werner etwas tut, dann richtig. Diese anpackende Art ist auch im Gespräch sofort zu spüren. „Inzwischen haben wir ein Netzwerk aus 60 Patinnen und Paten, die auf Mallorca deutschsprachige Menschen in Not versorgen“, sagt Werner. Vor allem gehe es da um vereinsamte Senioren ab 55 Jahren. Um die Aktivitäten zu finanzieren, gründete Frührentner Roland Werner eine Stiftung. Denn es fielen immer wieder Ausgaben an, die er nicht von den Freiwilligen verlangen könne. Auch wenn diese häufig selbst in ihren Geldbeutel greifen, etwa um ihre Senioren ins Café oder ins Kino einzuladen. Aber etwas Spritgeld oder auch Ausgaben für Behördengänge können sie dann durch die Stiftung wieder zurückbekommen.

Dankbar ist Roland Werner darüber, dass sich die bekannte Moderatorin Birgit Schrowange vor gut drei Jahren als Schirmherrin für Herztat begeistert hat und der Arbeit ein prominentes Gesicht gibt. Denn der Bedarf an Betreuung sei riesig, sagt Roland Werner. Er könne nur grob schätzen, aber glaube, dass zwischen 1.000 und 2.000 deutschsprachige Senioren auf der Insel in eine verzweifelte Lage aus Einsamkeit und Armut verstrickt sind. „Die allerwenigsten melden sich aber selbst bei uns. Nur ungefähr zehn Prozent kommen von sich aus, bei den anderen 90 Prozent melden sich Verwandte, Freunde oder Nachbarn bei uns“, sagt Werner. Das Schamgefühl sei bei vielen groß, genauso wie sich wenige eingestehen wollen, dass ihr Lebensentwurf auf Mallorca gescheitert ist.

Dana Buchmann, Roland Werner, Claudia Lier, Martje Mechels, Holmfried Braun von der evangelischen Gemeinde.

Dana Buchmann, Roland Werner, Claudia Lier, Martje Mechels, Holmfried Braun von der evangelischen Gemeinde. / Nele Bendgens

Wenn der Traum vom Süden zerbricht

Denn häufig entsteht die Notsituation, wenn einer der Partner stirbt und der andere vereinsamt zurückbleibt. Die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten täten ihr Übriges. Das spanische Sozialsystem ist vielfach nicht zuständig, weil die Senioren erst im Rentenalter auf die Insel kamen und nicht in die Sozialversicherung eingezahlt haben. Oft bleibt nur die Rückkehr nach Deutschland. „Wobei das Problem häufig ist, dass die Menschen alle Kontakte in die frühere Heimat abgebrochen haben und auch dort alleine sind“, sagt Werner.

Auch bei Herztat helfen die Paten dabei, Behördengänge zu erledigen. So werde bei der Rentenbeantragung, der Pflegebeantragung oder auch bei der Unterstützung mit Lebensmitteln geholfen. Der Lions Club mit seiner Tafel „Comida para todos“ ist ebenfalls beteiligt. Seit Kurzem versucht Herztat auch in spanischen Seniorenheimen bedürftige Deutsche ausfindig zu machen. In den 35 Heimen, die Werner bisher katalogisiert hat, hat er 21 deutschsprachige Senioren ausfindig gemacht. Diese seien zwar im Prinzip aufgefangen, lebten aber doch häufig im Abseits, weil sie der spanischen Sprache nicht mächtig seien. Ein Herzensanliegen hat Roland Werner: Er wünscht sich mehr Spenden für Senioren. „Hilfe für Senioren, das ist unsexy. Tiere, Kinder – dafür spenden die Menschen.“ Im vergangenen Jahr habe die Stiftung gerade einmal 5.000 Euro an Spendengeldern bekommen.

Gefängnisbesuchsdienst

Der dritte Pfeiler des ehrenamtlichen Engagements der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde führt die Freiwilligen regelmäßig hinter Gitter. Unter der Ägide von Holmfried Braun besuchen mehrere Gemeindeglieder seit einigen Jahren deutschsprachige Insassen des Gefängnisses von Palma. Derzeit sind es zehn deutschsprachige Inhaftierte.

Seit knapp zwei Jahren ist Dana Buchmann dabei, die ebenfalls an diesem Vormittag am Tisch im Pfarrhaus sitzt. „Wir sind zu sechst und besuchen die Gefangenen einmal im Monat“, erklärt sie. Meist betreten die Ehrenamtlichen das Gefängnis an der Ausfallstraße nach Sóller zu zweit oder zu viert und wollen von den Insassen erfahren, wie es ihnen gerade in dieser schwierigen Situation ergeht. „Gerade bei Neuankömmlingen ist das wichtig, denn sie sind oft zu Beginn verunsichert, vor allem, wenn sie kein Spanisch sprechen“, sagt Dana Buchmann.

Beistand hinter Gittern

Vor allem im Sommer kommt es auf Mallorca immer wieder vor, dass Urlauber sich etwas zu schulden kommen lassen und hinter Gittern landen – ohne Familie in einem fremden Land. „Wir kümmern uns dann am Anfang erst einmal um das Organisatorische, eine Erstversorgung mit Kleidung und anderen notwendigen Dingen und darum, den Familien in der Heimat zu berichten, wie es den Insassen geht. Sofern diese das denn wünschen.“ Denn häufig genug komme es auch vor, dass die Familien zwar dem Besuchsdienst Bescheid geben, dass ein Angehöriger in Palma im Gefängnis gelandet ist, dieser dann aber nicht mit der Familie Kontakt aufnehmen möchte.

Sind noch bis August 2029 auf Mallorca im Einsatz: Holmfried Braun und Martje Mechels.  | FOTO: DANYEL ANDRÉ

Sind noch bis August 2029 auf Mallorca im Einsatz: Holmfried Braun und Martje Mechels. | FOTO: DANYEL ANDRÉ / FOTO: DANYEL ANDRÉ

Immer wieder haben die Ehrenamtlichen auch mit Fällen zu tun, die in den Medien große Aufmerksamkeit finden. So besuchten sie beispielsweise die sogenannten Kegelbrüder, eine Gruppe von zunächst zwölf, dann acht Männern, denen vorgeworfen wird, den Brand einer Bar in Arenal durch achtlos weggeworfene Zigarettenkippen verursacht zu haben. „In diesem Fall waren die Angeklagten acht Wochen in Untersuchungshaft, aber es gibt viele, die deutlich länger bleiben und da ist dann eine Kontinuität von unserer Seite gefragt“, sagt Dana Buchmann. Die Gespräche seien thematisch sehr breit. „Mal geht es um Fußball, dann um Politik und plötzlich darum, dass die Mutter des Insassen gerade gestorben ist“, fügt Holmfried Braun hinzu, der innerhalb seiner Stelle für den Gefängnisbesuchsdienst zuständig ist.

Kleine Gesten, große Wirkung

Manche der Insassen sind künstlerisch tätig: Einer malt, der andere fertigt Holzschnitzereien an. Dana Buchmann hat aus den Gemälden einen Mallorca-Kalender zusammengestellt, der in der Gemeinde verkauft wird. Das Geld für die Materialien legt der Besuchsdienst aus. Die Kosten werden von den Einnahmen abgezogen. Der restliche Betrag geht an die Inhaftierten.

Und manche sitzen so lange ein, dass sie von den Ehrenamtlichen erst einmal einen Crashkurs im Überleben in Freiheit bräuchten. „Wir mussten auch schon erklären, was WhatsApp ist oder wie man im Internet einen Flug nach Deutschland bucht“, sagt Dana Buchmann. Dann werde einem klar, welch wichtige Rolle man spiele. „Und die Reaktionen der Menschen sind immer sehr positiv. Unser schönstes Feedback ist, wenn wir die Menschen später auf der Straße zufällig wiedertreffen – in Freiheit und in ihrem neuen Leben.“

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