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Mobbing in Schulen auf Mallorca: Was Eltern tun können - und was sie besser lassen

Auf den Balearen werden immer mehr Fälle von Mobbing an Schulen dokumentiert. Eltern fühlen sich oft hilflos - oder gehen Schritte, die es besser zu vermeiden gilt. Interview mit einem Experten

Schon Grundschüler leiden teilweise unter Mobbing.

Schon Grundschüler leiden teilweise unter Mobbing. / CAIB

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Sophie Mono

Sophie Mono

Mobbing in der Schule kann die Entwicklung der Kinder nachhaltig schädigen. Doch es gibt Auswege, sagt Antoni Vich, Leiter des balearischen Instituts für Zusammenleben und Schulerfolg (Convivèxit).

Antoni Vich leitet das balearische Institut für Zusammenleben und schulischen Erfolg (Convivèxit)

Antoni Vich leitet das balearische Institut für Zusammenleben und schulischen Erfolg (Convivèxit) / B. Ramon

Was können Eltern tun, wenn sie glauben, dass ihr Kind in der Schule gemobbt wird?

Zunächst sollte man mit dem Kind sprechen. Der nächste Schritt ist, die Schule zu benachrichtigen. Dort wird ein Protokoll eröffnet, das eine Untersuchung einleitet, die zeigen soll, ob es sich tatsächlich um Mobbing handelt.

Wer führt diese Untersuchung durch?

Alle Schulen verfügen seit 2023 über einen Koordinator für Wohlergehen und Schutz. Meist übernimmt er auch die Verantwortung für das Protokoll, oder aber ein Klassenlehrer, jemand aus der Schulleitung oder eine Fachkraft aus dem Sozialdienst.

Wie läuft die Untersuchung ab?

Sie umfasst mehrere Schritte. Dazu gehört ein Gespräch mit der Familie, sowohl zur Informationssammlung, als auch, um den wahrgenommenen Leidensdruck des Kindes zu erkennen. Dann kommt die Anwendung des Soziogramms hinzu. Das ist ein Instrument, das die Beziehungen innerhalb der Klassengruppe analysiert. Wer hilft anderen häufig? Wer ist in der Klasse eher isoliert? Wer leidet? Wer stört oft? Es gibt eine ganze Reihe von Indikatoren, die eine Art Karte der Klassensituation ergeben. Darin kann man sehen, wie das konkrete Kind innerhalb der Klassengruppe dasteht.

Das bewerten die Lehrkräfte?

Nein, die Schüler selbst. Sie beantworten Fragen, die altersgerecht formuliert sind: Wen magst du? Wen magst du nicht? Gibt es jemanden, der leidet? Wer wirft im Unterricht häufig Papierkügelchen? Wer stört häufiger? Und so weiter. Danach werden Gespräche mit Schülern geführt, die in der Klasse dadurch auffallen, dass sie sehr hilfsbereit sind. Außerdem spricht man mit Freunden des betroffenen Kindes. Mit all diesen Informationen wird ein Fallmanagement-Team gebildet. Es analysiert alle Untersuchungsergebnisse und kommt dann zu dem Schluss, ob es sich um Mobbing handelt oder nicht.

Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit es Mobbing ist?

Erstens muss es ein Machtgefälle geben. Das heißt, ein Schüler oder eine Schülerin hat innerhalb der Klasse mehr Macht als eine andere Person, etwa durch ein stärkeres Freundes- oder Unterstützungsnetz, durch einen höheren sozialen Status oder auch durch körperliche Unterschiede, also wenn jemand deutlich größer oder kräftiger ist als die andere Person. Dann muss es vonseiten dieser Person mit dem Machtvorteil ein Verhalten geben, das darauf ausgerichtet ist, der anderen Person absichtlich Schaden zuzufügen, und zwar über einen längeren Zeitraum hinweg. Außerdem muss bei der anderen Person ein Gefühl von Unwohlsein oder Leid entstehen. Es gibt Schülerinnen und Schüler, die Ressourcen wie zum Beispiel Freunde haben, sodass ihnen bestimmte Bemerkungen egal sind. Bei anderen können solche Kommentare aber sehr verletzend sein, etwa, weil sie nicht dieses Freundesnetz oder dieses Selbstwertgefühl haben.

Was, wenn es kein Mobbing ist?

Auch dann werden Maßnahmen ergriffen. Aber es ist wichtig, genau zu definieren, was Mobbing ist.

Und wenn es Mobbing ist?

Dann findet ein Gespräch mit der Familie der Person statt, die diese Gewalt ausgeübt hat, und mit dem Schüler selbst. Mit beiden werden Vereinbarungen getroffen, man bittet um Zusammenarbeit. Letztlich ist Mobbing eine gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung. Es muss zu Hause daran gearbeitet und darüber gesprochen werden. Es kann nicht allein Aufgabe der Schule sein, wenn es keine Unterstützung durch die Familie gibt.

Und dann?

Meist wird die Situation weiter beobachtet, dann finden erneut Gespräche statt. Wenn die Vereinbarungen nicht eingehalten werden, werden disziplinarische Maßnahmen ergriffen. Und das Mobbing-Opfer kann, wenn gewünscht, eine Betreuung des psychologischen Dienstes des balearischen Familienministeriums bekommen. In der Schule kann je nach Fall die Aufsicht auf den Pausenhöfen verstärkt werden. Je nach Schweregrad des Mobbings können sogar Wahlfächer oder Klassen verändert werden.

Wie viele Protokolle wurden 2025 eröffnet?

871 auf den gesamten Balearen. Die Zahl steigt. Es gibt aber auch mehr Bewusstsein für das Thema und mehr Fachkräfte, seit 2023 die Figur des Koordinators für Wohlergehen und Schutz eingeführt wurde. Wir bieten jedes Jahr Fortbildungen zum Thema an. Sowohl Lehrkräfte als auch Familien sind besser informiert, und Familien fordern bei jedem Verdacht auch eher ein Handeln ein.

Geht es häufig um Cybermobbing?

Es gibt gar nicht so viele Fälle, in denen ausschließlich Cybermobbing vorliegt. Diese Form begleitet eher das Mobbing im realen Leben. Wir sehen aber, dass soziale Netzwerke in den meisten Protokollen präsent sind. Es gibt fast immer irgendeine Nachricht, ein Bild oder eine andere Form von digitalem Inhalt. Aber das ist nicht unbedingt der Hauptgrund, sondern eher ein weiteres Werkzeug, um jemanden zu belästigen, zu beleidigen oder auszugrenzen. Deshalb bitten wir die Familien um sehr viel Verantwortung, wenn sie ihren Kindern ein Handy geben. Ich empfehle 16 Jahre als Mindestalter.

Wie alt sind die Mobbingopfer?

Die meisten Fälle kommen in Segundo de ESO (achte Klasse, Anm. d. Red.) vor. Aber wir sehen auch, dass bereits 35 Prozent der Mobbingfälle in der fünften und sechsten Klasse der Grundschule auftreten.

Wie können Eltern selbst helfen?

Das Wichtigste ist Kommunikation. Zuhören, ohne zu urteilen. Typisch sind schnelle Ratschläge wie: Wenn dich jemand schlägt, dann schlag zurück. Das ist nicht nur ein schlechter Rat, sondern das Kind will oder kann das vielleicht gar nicht. Man sollte auch Verhörfragen vermeiden und eher begleiten und Verständnis aufbringen. Zudem gibt es Warnsignale: die Weigerung, zur Schule zu gehen, somatische Beschwerden, Leistungsabfall, Zerstreutheit, verlorene Gegenstände, schlechter Schlaf ... Man kann versuchen, außerhalb der Schule Beziehungen des Kindes zu fördern, zum Beispiel bei Hobbys. Sehr wichtig ist aber, dass die Eltern die Sache nicht selbst in die Hand nehmen oder die Konfrontation mit den Mobbenden suchen, weil das den Konflikt verschlimmert. Stattdessen sollten sie darauf vertrauen, dass die Schule dem nachgeht – auch wenn das schwerfällt. Zudem gibt es Hilfe-Hotlines, auch während der Ferien.

Manchmal werden in Schulen Missstände aufgedeckt, die die Kinder zu Hause erleben. Sexueller Missbrauch zum Beispiel, wie neulich in einem Fall in Manacor. Ist Convivèxit auch dafür zuständig?

Wir betreuen das Protokoll gegen geschlechtsspezifische Gewalt, egal, wo sie stattfindet. Entscheidend ist, dass ein eingeschulter Minderjähriger beteiligt ist. Bei Fällen von sexuellem Missbrauch verlangt dieses Protokoll unter anderem, dass ein einheitliches Register für Kindesmisshandlung ausgefüllt wird, das sogenannte RUMI. Das fällt nicht in unseren Dienstbereich, sondern in den Dienst für Inklusion in der Bildungsgemeinschaft. In beiden Fällen ist es aber sehr wichtig, dass in der Schule darüber gesprochen wird. Denn plötzlich erzählen Schülerinnen und Schüler Dinge, die sie selbst vorher normalisiert hatten. Gewalt ist nicht nur körperlich, sondern kann viele Formen haben, das ist aber nicht allen bewusst. Wir betreuen zudem das Begleitprotokoll für Trans-Schülerinnen und -schüler, die ihr Geschlecht ändern wollen, und das Suizidpräventions-Protokoll. Auch da hat sich in den vergangenen Jahren viel getan.

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