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„Die Insel braucht ein Wir-Gefühl“: Warum am Freitag überall auf Mallorca die Hymne "La Balanguera" gesungen wird

100 Jahre Mallorca-Hymne: Am 29. Mai steht inselweit ein Massensingen der „Balanguera“ an

So klingt "La Balanguera", die inoffizielle Hymne von Mallorca, in der Kathedrale von Palma

Bisbat

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Frank Feldmeier

Frank Feldmeier

Antreten zum Rekord-Massensingen: Am Freitag (29. Mai) erklingt auf Plätzen und Schulhöfen allerorten auf Mallorca „La Balanguera“, die Hymne der Insel. Anlass gibt es in zweifacher Hinsicht: Vor 100 Jahren starb der  Verfasser des zugrunde liegenden Gedichts Joan Alcover. Und im selben Jahr, am 29. Mai 1926, erklang zum ersten Mal die Balanguera auf der Bühne. Initiator der Aktion ist die Vereinigung Obra Cultural Balear (OCB), die für die mallorquinische Sprache und Kultur eintritt. Seit zwei Jahren sitzt ihr der Jurist Antoni Llabrés vor: Der Professor für Strafrecht verbrachte Forschungsaufenthalte in Deutschland, unter anderem am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht in Freiburg. Die OCB hat ihren Sitz im ehemaligen Wohnhaus des gefeierten Dichters in Palma in Can Alcover.

Wie entstand die Idee zum Massensingen?

Der 100. Jahrestag ist eine Gelegenheit, das Gemeinsame zu feiern, gerade in einer Zeit, in der die Gesellschaft zunehmend zersplittert ist. Singen verbindet. Diese Idee des Gemeinsamen, für die ja auch unser Bildungssystem steht, wollen wir auf die gesamte Gesellschaft ausweiten, mit einer positiven Botschaft, ohne nach Herkunft oder politischen Ansichten zu fragen.

Wie viele werden mitsingen?

Es gibt zwei Aktionen. Zum einen haben wir zum Massensingen um 20 Uhr aufgerufen, möglichst in allen 53 Gemeinden, in 41 sind wir mit eigenen Gruppierungen vertreten. Die Resonanz war überall positiv. Wir arbeiten mit den Gemeinderäten zusammen, mit Kulturvereinen, Chören, Musikgruppen. Es dürften Zehntausende teilnehmen. In manchen Gemeinden wird in verschiedenen Ortsteilen gesungen, in Marratxí etwa in Pòrtol, Pont d’Inca und Pla de na Tesa. Dann kam die Idee auf, dass sich auch Bildungszentren beteiligen könnten, bereits um 12 Uhr mittags auf den Schulhöfen, und die Resonanz war ebenfalls positiv. Mit dabei sind 215 Einrichtungen, auch die Balearen-Universität oder der Chor der Blauets in Lluc. Eine schöne Initiative findet in Palmas Einwandererviertel Son Gotleu statt, die Schüler dreier Schulen singen dort gemeinsam.

Was ist mit Inselrat und Landesregierung?

Der Inselrat unterstützt die Aktion, ebenso das Institut d’Estudis Baleàrics, das dem balearischen Kulturministerium untersteht. Ich würde von einer durchweg positiven Resonanz sprechen, unabhängig von den politischen Parteien. Das gilt auch für die Gemeinden.

Unter Druck der Rechtspartei Vox fährt die konservative Landesregierung Katalanisch-Auflagen und Förderprogramme zurück. Ist die Aktion auch ein politisches Signal?

Nein, wir wollen das Gemeinsame in den Vordergrund stellen. Es darf nicht sein, dass die „Tarjeta de Residencia“ und die Busfahrkarte der einzige gemeinsame Nenner der Menschen auf Mallorca sind. Wir brauchen gemeinsame Bezugspunkte, ein Wir-Gefühl, und da ist die „Balanguera“ eine schöne Metapher: Das Lied erzählt von einer Frau am Spinnrad, ihr Faden verbindet die verschiedenen Generationen miteinander. Und jede Generation webt ihren Teil des Fadens, der die Zeit überleben wird.

Antoni Llabrés, Vorsitzender der OCB.

Antoni Llabrés, Vorsitzender der OCB. / OCB

Der Text erwähnt an keiner Stelle Mallorca. Warum ist er dennoch identitätsstiftend?

Die „Balanguera“ basiert auf einem Volkslied. Und die Bilder, die Alcover in sein Gedicht einfließen lässt, sind eigene Erlebnisse oder Beobachtungen. Von Anfang an verstand man das Gedicht als Beschreibung Mallorcas. Die Zeilen taten ihre Wirkung schon beim ersten Vortrag im Freundeskreis am 8. Februar 1903. Can Alcover war damals ein literarisches Zentrum, wo sich die Intellektuellen jener Zeit trafen, Einheimische wie Durchreisende. Eine Woche darauf, im gerade erst eröffneten Gran Hotel, beeindruckte das Gedicht auch das Publikum. Bei uns im Can Alcover haben wir fünf Räume originalgetreu gestaltet, einer ist der „Balanguera“ gewidmet. Can Alcover steht allen Interessierten offen, die mehr erfahren wollen.

Stimmt es, dass Alcover die vertonte Version niemals zu hören bekam?

Er starb am 25. Februar, die vertonte Version von Amadeu Vives wurde erst am 29. Mai im Palau de la Música in Barcelona uraufgeführt. Wir gehen aber davon aus, dass Alcover aus der Zeitung wusste, dass die Komposition bereits fertiggestellt war.

Während des Franco-Regimes (1939–1975) wurden die katalanische Sprache und Kultur unterdrückt. Was war mit der „Balanguera“?

Sie war nicht formell verboten, wurde aber Opfer der unter Franco typischen Folklorisierung, die alle Ausdrucksformen regionaler Kultur umfasste. Es gibt eine interessante Anekdote: Joan Maria Thomàs, der Leiter der Capella Clàssica Mallorquina, hatte das Lied in seinem Repertoire, und bei einem Konzert in der Kathedrale forderte er alle Anwesenden zum Aufstehen auf. Franco war auch da – also musste auch er zur „Balanguera“ aufstehen.

Das war aber noch vor dem Franco-Putsch?

Ja, das müsste gewesen sein, als Franco Militärgouverneur auf den Balearen war, zur Zeit der Zweiten Republik. Ich habe Historiker und Musikwissenschaftler befragt, aber bislang konnte mir niemand die Anekdote bestätigen.

Heute gibt es viele verschiedene Versionen der „Balanguera“, bekannt sind etwa die von Maria del Mar Bonet oder der Popsängerin Chenoa. Welche ist Ihre Lieblingsversion?

Die von Maria del Mar Bonet. Ich habe sie von klein auf gehört. Wir haben jetzt aber auch die Erstaufnahme von einer Plattenfirma in Barcelona aus dem Jahr 1927 veröffentlicht.

Sie verteilen bei der Aktion Karten mit dem Liedtext – für alle, die nicht textsicher sind. Ein großer Teil der Balearen-Bevölkerung kann generell wenig mit Katalanisch anfangen. Wie steht es derzeit um die Inselsprache?

Es herrscht sprachlicher Notstand. Die Balearen haben in den 40 Jahren seit der Anerkennung des Katalanischen als Amtssprache tiefgreifende demografische Veränderungen durch Zuwanderung erlebt, die Bevölkerung ist um 85 Prozent gewachsen. Gleichzeitig fehlen Maßnahmen zur sprachlichen oder kulturellen Integration. Der gesellschaftliche Gebrauch des Katalanischen ist immer stärker zurückgegangen. Andererseits haben sich noch nie so viele wie jetzt für die Inselsprache engagiert, insbesondere junge Leute. Natürlich haben die Menschen aus verschiedensten Gründen Mallorca als Ort zum Leben gewählt. Aber allen ist gemein, dass sie die Insel mögen. Mallorca, das sind aber nicht nur Landschaften und Gastronomie, sondern auch Kultur und Menschen. Kurz gesagt: Wem Mallorca gefällt, der bucht das ganze Paket.

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