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Weit mehr als nur Drogen und Kriminalität: Die Geschichte hinter Palmas Brennpunktviertel Son Gotleu

Eine Ausstellung zeigt den sozialen Brennpunkt abseits der Schlagzeilen – als Ankunftstor der Insel und im ständigen Ringen um ein besseres Leben

Die ersten Wohnblöcke des Viertels. Ein Bild von 1963.

Die ersten Wohnblöcke des Viertels. Ein Bild von 1963. / ARXIU NACIONAL DE CATALUNYA, 1964

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Sarah López

Sarah López

Hohe Einwohnerdichte, teils baufällige Gebäude und ein vielerorts verwahrloster öffentlicher Raum, Armut und ja, auch Kriminalität: Son Gotleu gilt heute als der soziale Brennpunkt schlechthin auf Mallorca. Dabei war es schon immer – und ist es bis heute – ein Viertel, das diejenigen aufnimmt, die neu in die Stadt kommen. Zunächst die Zugezogenen aus den Dörfern der Insel, dann die Arbeitsmigranten vom spanischen Festland und heute Menschen aus aller Welt. Mit den Berichten älterer Anwohner, Ausschnitten aus dem Stadtteilmagazin „Eco Viu“ und Schwarz-Weiß-Fotos lässt die Vereinigung Palma XXI die Entstehungsgeschichte des Quartiers nun in einer Ausstellung im örtlichen Gesundheitszentrum sowie in einem Stadtteilführer lebendig werden: „Son Gotleu, més enllà del titular. Els orígens d’un barri d’acollida (1960-1980)“.

Hier, weit vor den Stadttoren, befanden sich einst mehrere sogenannte possessions, also große Landgüter – eines davon trug den Namen Son Gotleu. In der possessió Ses Sorts, die sich auf der anderen Seite der heutigen Ringautobahn befand, lebte Cati Jordà bis Anfang der 1990er-Jahre mit ihrer Familie. „Wir hatten Kühe, Hühner und Kaninchen – und an Weihnachten Ferkel“, erzählt die Mallorquinerin.

Cati Jordàs Geschwister in dem Landgut Ses Sorts vor dem Hühnerstall.

Cati Jordàs Geschwister in dem Landgut Ses Sorts vor dem Hühnerstall. / Cati Jordà

Doch aus Beeten, Mandelbaumplantagen und Ställen wurde bald Beton. Die Insel brauchte dringend Wohnraum für die neuen Bewohner. Zwischen 1960 und 1980 verdoppelte sich Palmas Bevölkerung von rund 150.000 auf 300.000 Einwohner. Und Son Gotleu wurde zu einem der am dichtesten besiedelten Viertel der Stadt. 1962 begann der Bau der ersten Wohnblöcke, der sogenannten edificis blancs (weißen Gebäude), die bis heute die Gassen des Viertels prägen: fünf bis sechs Stockwerke hoch, günstig gebaut und ohne großen Luxus.

Jede der Gassen bekam den Namen eines der höchsten Berge Spaniens. Das passte zu einem Viertel, in dem Menschen aus ganz unterschiedlichen Regionen zusammenkamen. Viele der neuen Bewohner stammten aus anderen Gegenden Mallorcas, andere kamen vom spanischen Festland, um in der boomenden Tourismusindustrie zu arbeiten. „Als meine Mutter unsere Wohnung an der Hauptstraße Indalecio Prieto 1976 zum ersten Mal sah, kam sie ihr vor wie eine Villa. In Cala Llombards hatten sie ohne Strom und Wasser gelebt“, berichtet Antonia Amengual, eine Nachbarin aus dem Viertel.

Die ersten Schulen

Als erste Bildungseinrichtung im Viertel entstand 1964 das Centre Mater Misericordiae. Die von Ordensschwestern geleitete Einrichtung war für Mädchen mit Behinderungen gedacht. „Ich war zwischen 1967 und 1969 dort tätig. Damals war alles total chaotisch, die Straßen waren nicht einmal asphaltiert. Ganze Dörfer vom Festland waren hergezogen, und wir gingen von Haus zu Haus und betreuten Kinder“, erzählt Francisca Fiol, eine der Franziskanerinnen der Einrichtung.

Bis 1972 gab es keine öffentliche Schule, viele Kinder besuchten katholische Einrichtungen. Corpus Christi entstand als eine der ersten: zunächst 1966 als Kindertagesstätte, später auch als Schule für ältere Kinder. „Ich war eine der ersten Schülerinnen. Ich fühlte mich sehr fremd, weil wir nur zu viert waren“, erzählt die Nachbarin Antonia Amengual.

Einheit durch Kultur

Zu dem Zusammenhalt im Viertel trugen sehr bald diverse Vereine und Initiativen bei. 1977 gründeten sieben Musiker in der Kirche des Stadtteils die Banda de Música s’Almudaina, sie gehört bis heute zu den größten Kapellen Mallorcas. Der traditionellen Musik widmete sich indes ab 1981 die Associació Cultural Rondalla de Bellver. Die Mitglieder traten auch in anderen Stadtteilen und Dörfern auf und eröffneten drei Jahre später eine Musik- und Tanzschule, in der in den 1990er-Jahren viele Kinder mallorquinische Volkstänze lernten.

Die Ronda de Bellver vermittelte Musik und Tanz der Insel.

Die Ronda de Bellver vermittelte Musik und Tanz der Insel. / Joan Pastor

Andere Vereine boten Jugendlichen Orte, an denen sie zusammenkommen, Sport treiben und ihre Freizeit verbringen konnten. Häufig mit Unterstützung kirchlicher Träger entstanden verschiedene Gruppen und Vereine, darunter der Iris Club oder der Club-68. Das 1969 gegründete Centre de Promoció Femenina eröffnete jungen Frauen Bildungsmöglichkeiten und bot später gemeinsam mit dem Centre Cultural Recreatiu de Son Gotleu Kurse zum Lesen und Schreiben sowie zum Nachholen von Schulabschlüssen an. Parallel dazu entwickelte sich die Plaça d’Orson Welles zu einem wichtigen Treffpunkt im Viertel. Schon 1968 spielte dort der CE Son Gotleu Fußball. Später trainierte die Mannschaft im Stadtviertel Rafal und nannte sich FC Son Gotleu.

In diesen Clubs ging es nicht nur um Freizeit und Spaß, sondern auch um den Einsatz für Verbesserungen im Viertel. Mitglieder des Club-68 stellten das Stadtteilmagazin „Eco Viu“ auf die Beine. Auf humorvolle Weise machten sie auf Probleme aufmerksam und gaben den Bewohnern eine Stimme: „Wir gehen davon aus, dass die Architekten, die das Viertel planten, aus einer trockenen Region stammten: Sie haben vergessen, Abflussrinnen einzubauen“, schrieben sie in der Ausgabe vom 3. April 1970. In seinen besten Zeiten hatte das Magazin eine Auflage von bis zu 500 Exemplaren. Durch seine Kritik trug es dazu bei, Verbesserungen anzustoßen.

Doch vieles blieb. Straßen mit Rissen, fehlende Grünflächen und Spielplätze gehörten damals wie heute zu den Klagen. Das Son Gotleu vor 70 Jahren teilt mit dem von heute nicht nur seine Rolle als Eingangstor für Neuankömmlinge. Auch das Gefühl, vergessen zu werden, zieht sich durch seine Geschichte.

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