Keine Insel der Liebe: Warum auf Mallorca so viele Beziehungen scheitern
Viele Urlauber, Saisonarbeiter und Menschen, die aufgrund geringer Löhne, Jobinstabilität und hohen Mieten schnell wieder gehen: Erschwert die Insel langfristige Beziehungen?

Eine prima Kulisse für romantische Strand-Dates, das ist die Insel allemal. / Simone Werner
Besonders romantisch oder kreativ ist die Frage als Einstieg beim Onlinedating nicht. Felix Fleischmann muss sie aber einfach stellen: „Lebst du auf Mallorca oder bist du hier nur im Urlaub?“ Zu hoch ist vor allem während der Sommermonate der Prozentsatz an Urlauberinnen, die bei dem 36-Jährigen direkt durchs Raster fallen. Schon seit einigen Jahren fühlt sich der Auswanderer bereit, um eine Familie zu gründen. Doch dafür muss erst einmal eine stabile Partnerschaft her. Das Problem: In seinen vier Mallorca-Jahren hat er gemerkt, dass das auf der Insel ein besonders schwieriges Unterfangen ist, wie auch Profis bestätigen.
Eines der Probleme: „Die Plattformen sind voll mit Urlauberinnen.“ Antworten auf Fleischmanns Eingangsfrage wie „Ich bin noch bis Montag hier. Wir machen hier Party“, mag er mittlerweile nicht mehr lesen. „Ich habe kein Interesse daran, Frauen zu daten, die nicht hier leben.“ In der Nebensaison sind die angezeigten Profile auf dem Bildschirm schnell zu Ende gewischt, in den Sommermonaten füllen sie sich schnell wieder.
DJ-Job macht es nicht leicht
„Man merkt direkt, dass wieder Flieger gelandet sind“, so der Musiker. „Man ist völlig reizüberflutet. Die Frauen bestimmt auch“, mutmaßt Fleischmann, der noch eine andere Hürde zu bewältigen hat: „Ich bin DJ. Für viele Frauen, die eine Beziehung wollen, ist das eine red flag. Entweder sortieren sie mich direkt aus oder ich muss ihnen später erklären, dass ich weder Drogen nehme noch in meiner Freizeit ständig feiern gehe.“
Viele Drogen, viel Party, viva la vida. Mallorca zerstört auch durch sein Dasein als Partyinsel Beziehungen. Auch das musste Fleischmann schon am eigenen Leib erfahren. „Als DJ bekomme ich immer wieder mit, wie viele Drogen hier im Umlauf sind, das ist einfach nur geisteskrank. Zudem hatte auch ich selbst mal eine Freundin, die mir die komplette Beziehung nur vorgelogen hat und die ganze Zeit auf Koks war, wie ich später herausgefunden habe.“ Das passt alles wenig zu dem Familienleben, das er sich so sehr wünscht.
Selbst viele Frauen, die frisch auf die Insel auswandern, kämen häufig mit der Intention, hier vor allem Spaß und eine schöne Zeit zu haben. Doch bis man das herausfindet, können schon einmal ein paar Dates vergehen. „Single-Sein geht auf Mallorca als Mann auch schnell ins Geld“, findet Fleischmann, der seinen Dates gerne mal etwas ausgibt und auch schon Geld in kostenpflichtige Zusatzangebote wie etwa Tinder Plus investiert hat.
Er habe auch schon schöne Dates auf der Insel gehabt, bleibe positiv, sagt er. Ganz vom Virtuellen auf Bekanntschaften im echten Leben umschwingen, will er dennoch nicht. Denn auch da läuft es bei ihm auf Mallorca nicht unbedingt besser. „Im BCM in Magaluf hab ich mir mal ein Herz gefasst, bin auf zwei Mädels zugegangen und habe sie angesprochen. Sie haben mich angeschaut, als wär ich ein 70 Jahre alter Pädophiler.“
Seit diesem Doppelkorb tritt Fleischmann nur noch in Aktion, wenn die Frauen vorab aktiv Interesse zeigen, durch Blicke oder ein Lächeln. „Bei der Gesetzeslage in Spanien sind Annäherungsversuche für uns Männer ohnehin eine heikle Angelegenheit. Erst kürzlich hat sich ein Kumpel von mir von einer Frau distanziert, weil er Angst hatte, dass sie ihm etwas ankreidet, was er nie getan hat.“ Dating-Apps wie Bumble, bei denen nur die Frauen eine Konversation initiieren können, spielen ihm da eher in die Hände. „Da gibt es dann auch wirkliches Interesse“, findet er. Zumindest am Anfang. Auch auf Mallorca seien Praktiken wie Ghosting (einfaches Verschwinden ohne Ansage) gängig. „Die Insel ist klein, man trifft sich ganz sicher wieder. Ich kann daher jedem nur raten, sich zu benehmen“, sagt Fleischmann. Eine kurze Nachricht, dass man kein Interesse an einem weiteren Kennenlernen hat, et voilà. In anderen Fällen, auch das hat Fleischmann schon erlebt, hätten die Frauen aufgrund stressiger Saisonjobs keine Zeit gehabt, sich zu treffen. „Einmal war der elfte eines Monats und die Frau konnte mir bis zum nächsten Monat keinen einzigen Tag anbieten.“
Keine Zeit für eine Beziehung
Dass Saisonjobs und instabile Jobsituationen das Beziehungsleben erschweren können, weiß auch die Italienerin Elisabetta Forino* (Name von der Redaktion geändert). „Mein Ex-Freund hat lange in einem Restaurant gearbeitet, oft abends, nachts und fast jedes Wochenende. Gemeinsame Zeit hatten wir kaum.“ Küchenchefs und Co. sind bei ihr nun direkt raus. Bei Menschen ohne Papiere, die es auf Mallorca zuhauf gibt, spitze sich die Lage oft noch zusätzlich zu. „Sie sind nahezu besessen davon, immer noch mehr Geld zu verdienen, um es an die Familie in der Heimat zu schicken. Was das für gemeinsame Paarzeit bedeutet, kann man sich ausmalen. Oft spielen sie zudem mit dem Gedanken, die Insel zu verlassen, um anderswo mehr Geld zu verdienen“, weiß die Residentin, die seit sieben Jahren auf der Insel lebt, aus Erfahrung.
Als Italienerin käme sie bei den Menschen hier zwar oft gut an, oft bliebe das aber an der Oberfläche. „Oh, du bist Italienerin. ‚Ciao, ragazza‘“, den Satz etwa höre sie oft. „Sie mögen meinen Akzent und fühlen sich angezogen, weil ich anders bin. Dennoch behandeln sie mich als Ausländerin anders, haben womöglich Bedenken, dass ich wieder wegziehe“, sagt Forino. Dabei hat die 31-Jährige beste Voraussetzungen, langfristig auf der Insel bleiben zu können. 2023 hat sie sich eine Wohnung hier gekauft, seit über sechs Jahren hat sie eine festen Job, sie liebt Mallorca. „Wenn ich von meiner Eigentumswohnung erzähle, horchen die Männer auf“, sagt sie.
Hemmung Sprachbarriere
Dass Beziehungen in einer internationalen Region wie Mallorca oft an der Sprachbarriere scheitern, ist auch Naja M. schon aufgefallen. „Viele hier sprechen kein Englisch. Wenn du noch dabei bist, Spanisch zu lernen, kann man kaum miteinander kommunizieren. Ein Mann, den ich hier mal gedatet habe, konnte kaum Englisch, hat mir aber Spanisch beigebracht. Aber reicht das für eine tiefgründige Bindung?“, so die als Lifecoach arbeitende Deutsch-Kanadierin.
Auch die Überschaubarkeit der Insel sei ein Problem. „Man sieht in den Apps irgendwann immer wieder dieselben Gesichter. Wenn man jemanden von den Männern kennenlernt, kann man davon ausgehen, dass eine Bekannte oder Freundin womöglich schon etwas mit ihm hatte“, so die 34-Jährige. Auch deswegen hat sich die Re-mote-Arbeiterin mittlerweile aufs spanische Festland umorientiert und den Standort in der App Hinge entsprechend eingestellt. „Auf Mallorca ist für mich kein Mann dabei gewesen. Ich bin neugierig, welche Menschen mir auf dem Festland angezeigt werden und worum sich die Gespräche drehen.“
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