Palma im Fadenkreuz: Der verdrängte Luftterror im Spanischen Bürgerkrieg auf Mallorca
Erstmals widmet sich ein Buch umfassend den Opfern der Fliegerangriffe ab dem Sommer 1936

Porta de Sant Antoni in Palma, nach dem Angriff am 7. Dezember 1937. / Archiv Manuel Aguilera
Fast 90 Jahre mussten vergehen, bis sie zusammentrafen – Angehörige und Nachkommen der Opfer, die bei den Luftangriffen auf Mallorca im Spanischen Bürgerkrieg getötet wurden.
Da ist die Nichte von Alejandro Llinás Socías, der am 28. Juli 1936 auf der Plaça de l’Olivar tödlich verletzt wurde. Der 18-jährige Mechaniker stammte aus republiktreuer Familie. „Man hat nie darüber gesprochen“, erzählt die Nichte. „Aber eine Bombe von den eigenen Leuten – das muss qualvoll gewesen sein.“
Da ist eine Großnichte von Maria Massanet Vidal. Sie starb am 20. August 1936 im Bombenhagel, während sie Schutz im Bunker einer Strumpffabrik im Viertel Serralta suchte. Die 57-Jährige war nicht schnell genug: Sie hatte, je nach Version, einen Schuh verloren oder einer Frau mit Baby den Vortritt gelassen.
Auch zwei Nichten von Antonia, Magdalena und Mercedes Muñoz Martí sind gekommen. Die drei Schwestern im Alter von 23, 21 und 7 Jahren starben am 31. Mai 1937 auf der Plaça del Pes de la Palla in Palma, nachdem die jüngste beim Luftalarm zurückgeblieben war und die aufeinander wartenden Schwestern nicht rechtzeitig den Bunker erreichten.
Die Geschichten der Opfer
Anlass für das Treffen im Hostal Terminus in Palma war die Vorstellung eines Buches, das erstmals sämtliche Opfer der Luftangriffe auf der Insel dokumentiert. Der Journalist und Historiker Manuel Aguilera erzählt in „Mallorca en llamas“ (Mallorca in Flammen) die Geschichte der 97 Mallorquiner, die in den Bombardements des Bürgerkriegs (1936–1939) starben.

Der verdrängte Luftterror / Verlag Sargantana
„Noch vor Gernika erlebte Mallorca den Terror der Bombenangriffe“, so Aguilera. Palma sei neben Córdoba, Oviedo und Zaragoza die erste Stadt in der Geschichte gewesen, deren Zentren systematisch aus der Luft angegriffen, deren Zivilbevölkerung auf diese Weise terrorisiert worden sei. 36 der 57 Luftangriffe auf Mallorca entfielen auf die Stadt mit damals 94.000 Einwohnern. „Es war eine Übung für das, was später Madrid, Barcelona, London, Berlin und Tokio widerfahren sollte.“
Nach dem Putsch im Juli 1936, bei dem Mallorca – im Gegensatz zu Menorca – in die Hände der Aufständischen gefallen war, begannen die Angriffe. Barcelona gehörte dem republikanischen Lager an, von dort starteten die Flugzeuge. Die Insel hatte den Bomben anfangs wenig entgegenzusetzen. Erst später sollte sich das Blatt wenden, als deutsche und italienische Soldaten auf Seiten der Putschisten eingriffen und von Mallorca aus Barcelona bombardierten. Auf ihr Konto gehen auch 11 der 97 Todesopfer auf der Insel: Italienische Flieger bombardierten im August 1936 Artà, das sie fälschlicherweise in den Händen republikanischer Milizionäre glaubten.
Angriffswelle im August
Allein bis Ende August 1936 flog die republikanische Luftwaffe 46 Angriffe auf die Insel, um die Putschisten zum Aufgeben zu bewegen. Die Ziele waren militärischer Natur, aber „im gesamten Krieg, bei 57 Luftangriffen, wurde nur eines davon getroffen, der Almudaina-Palast, der Sitz des Militärkommandos“.
Der Bau von Bunkern war zwar schon vor Kriegsausbruch geplant gewesen, aber noch nicht begonnen worden, die Insel schutzlos. Im Sommer 1936 waren es 31 Tote und 58 Verletzte – statt Soldaten im Kampf starben Frauen, Kinder, Senioren, Bewohner von Arbeitervierteln, weit entfernt von der Kriegsfront. Die Botschaft: Niemand war mehr sicher.
Einerseits war die Zivilbevölkerung ein Kollateralschaden: Die Maschinen – unter anderem die russische Tupolew SB-2 oder die französische Potez – flogen sehr hoch, um der Luftabwehr zu entgehen, und trafen deswegen schlecht oder entledigten sich noch schnell restlicher Bomben beim eiligen Rückflug zum Festland. Andererseits wurden laut Aguilera von Anfang an auch Viertel ohne militärische Ziele angeflogen. Es folgte Schlag auf Gegenschlag, der Krieg eskalierte immer weiter. Bei den schwersten Luftattacken auf Mallorca im Mai 1937 kamen 45 Menschen ums Leben. Dann endlich boten die schnell erbauten Bunker den Menschen Schutz. Der letzte Luftangriff ist für den 30. Mai 1938 dokumentiert.
Blinder Fleck in der Vergangenheitsbewältigung
Gleichzeitig systematisierten die Putschisten Rache und Repression. Während deren Gräueltaten reichlich spät, aber seit einiger Zeit endlich systematisch erforscht werden, und ermordete Franco-Opfer exhumiert werden, blieben die Luftangriffe weiter ein blinder Fleck. Aguilera wirft der früheren Linksregierung auf den Balearen vor, die Opfer aus ideologischen Motiven ausgespart, das eigene Gesetz zur Vergangenheitsbewältigung von 2018 (Ley de Memoria) missachtet zu haben. Und das, nachdem bereits das Franco-Regime diese Zivilisten weitgehend ignoriert habe. Weder fanden sie Eingang in die Liste der „für Gott und Spanien“ Gefallenen, noch erhielten Angehörige eine Hinterbliebenenrente.
Mit der Detailtreue eines Historikers und dem Stil eines Journalisten füllt Aguilera diese Lücke in Mallorcas Erinnerungskultur. In Interviews und auf Fotos aus Familienalben bekommen die Opfer Stimme und Gesicht. Bei den Nachkommen ist Dankbarkeit spürbar. Sie wollen keine Schuldfrage stellen, sondern ein würdiges Gedenken. So wie es die derzeitige Restaurierung des Bunkers unter dem Hostal Terminus vorsieht, der nach der Buchvorstellung besichtigt werden konnte.
Auch wenn die Ley de Memoria vor Kurzem auf Druck der Rechtspartei Vox gekippt wurde, gibt es nun zumindest beim Thema Luftangriffe einen Konsens: Alle Parteien sprachen sich bei einer Abstimmung im Landesparlament vor drei Monaten dafür aus, am 27. Juli – 90 Jahre nach Beginn der Attacken – sämtlicher Opfer auf den Balearen zu gedenken.
Infos zum Buch
- Manuel Aguilera Povedano: „Mallorca en llamas“
- Editorial Sargantana
- 270 Seiten, Spanisch, 17 €
- Premio Mallorca de Ensayo (Literaturpreis des Inselrats)
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