Ich klebe, also bin ich? Was hinter dem Sticker-Wahn deutscher Mallorca-Urlauber steckt
Mallorca ist vollgepappt mit Stickern deutscher Urlauber. Was soll das? Eine Spurensuche mit Tätern, Geschädigten und Erklärern

Säulen, Bänke, Laternen, Kacheln: An der Playa de Palma sind so gut wie alle öffentlichen Elemente mit Urlauber-Stickern beklebt. / Nele Bendgens
Einfach ein kleines Papierchen abziehen, einmal drücken – und schon hat man sich auf der Insel verewigt. Keine fünf Sekunden mag dieser Akt des Aufklebens dauern, dafür hält der Sticker oft jahrelang. Geringer Aufwand, große Wirkung. Zumindest, wenn man das Gesamtbild sieht. Denn sie sind auf Mallorca so gut wie überall zu finden: Die Aufkleber, oft mit deutschen Trinksprüchen oder Fußball-Slogans bedruckt, prangen auf Laternen, Verkehrsschildern, Bushaltestellen, Bürgersteigen und Geländern. In einschlägigen Partyorten, klar. Aber auch in abgelegenen Naturschutzgebieten. Für die einen kommt das Phänomen einer Plage gleich. Für die anderen bedeutet es – ja, was eigentlich? Kunst? Reviermarkierung? Provokation?

Auch an abgelegenen Orten wie dem Cap de Ses Salines sind die Schilder voll mit Stickern / Thomas Fitzner
Wir begeben uns auf Spurensuche und stoßen auf Tobi, der selbst so recht keine Antwort weiß. Dabei ist er einer derjenigen, die schon mehrfach selbst geklebt haben. Mal am „Ballermann“, mal in Cala Ratjada, bestimmt auch mal irgendwo dazwischen, sagt er. Seinen ganzen Namen will er nicht nennen. „Ist ja wahrscheinlich gar nicht so ganz legal, oder?“, fragt er im MZ-Gespräch. Nein, ist es nicht. 750 bis 1.500 Euro Bußgeld werden beispielsweise im Raum Palma für die Ordnungswidrigkeit fällig. Wer Verkehrszeichen oder denkmalgeschützte Gebäude beklebt, muss sogar mit multas von 1.500 bis 3.000 Euro rechnen.
Nett, dass der deutsche Guerilla-Kleber trotzdem auskunftsbereit ist. Allzu schwer ist seine Spur nicht zu nachzuverfolgen. Denn wenn er den öffentlichen Raum mit Stickern übersät, dann vor allem mit Aufklebern seines heimischen Fußballklubs, einem kleinen Dorfverein aus NRW. Die sozialen Netzwerke erleichtern die Kontaktaufnahme zusätzlich. „Wir bestellen die Sticker in Hunderterpacks im Internet“, sagt Tobi. Zu der jährlichen Mannschaftsfahrt nach „Malle“, immer im Frühsommer, gehörten einige Lagen Aufkleber einfach dazu. „Es steckt nicht viel dahinter. Es ist einfach ein lustiger Gag“, so der Hobbyfußballer. Auch in der Heimat klebe er ab und an, meist bei Auswärtsspielen – wenn auch nicht so geballt wie im Urlaub. „Ein bisschen ist es dann auch so eine Gruppendynamik, man will zeigen, dass man da ist, dass man präsent ist“, überlegt der Westfale weiter. „Vielleicht ist es für die Leute, die es dann wegmachen müssen, auch gar nicht so lustig, das stimmt schon“, räumt er ein.
Mühsames Friemeln
Lustig, das ist tatsächlich nicht das Wort, das beispielsweise die Emaya-Mitarbeiter in den Mund nehmen würden, um die Stickerflut zu beschreiben, die ihnen im Stadtgebiet Palma immer wieder aufs neue Arbeit beschert. Das kommunale Versorgungsunternehmen ist für die Reinigung der innerstädtischen Straßen, Gehwege, Müllcontainer und Papierkörbe zuständig. Das Rathaus kommt für die Entfernung der Sticker an Laternen, Straßen- und Werbeschildern auf. Erst im April hatte ein neuer Trend den Emaya-Mitarbeitern besonders zu schaffen gemacht: An der Promenade nahe des Balneario 6, also in unmittelbarer Nähe zur Partymeile, hatten Urlauber eine Stickermeile auf dem Boden entworfen. Zahlreiche deutschsprachige Aufkleber auf den grauen Bodenfliesen. Im Netz gab es Diskussionen, Anwohner empörten sich – und die Reinigungstrupps mussten anrücken.
„Es ist ein Problem, das in den letzten Jahren stark zugenommen hat, vor allem in den Urlaubsgegenden während der Sommersaison“, bestätigt Emaya-Sprecher Antoni Bennasar Pol. Teilweise müssten die Sticker mühsam mit der Hand abgefriemelt werden, manchmal kämen auch Hochdruckreiniger zum Einsatz. „In bestimmten oder problematischen Fällen steht ein Team zur Entfernung von Graffiti und Klebern zur Verfügung, das sowohl chemische Produkte als auch Spezialwerkzeuge einsetzen kann“, so Bennasar weiter. All das bedeute nicht nur zusätzliche Arbeit – sondern teilweise auch Gefahr. „Wenn Verkehrsschilder, Ampeln oder Straßenlaternen beklebt werden, kann das Sicherheitsprobleme verursachen“, mahnt er.
Happy End in Cala Ratjada

Auch die Skulptur "Der Tourist" des Künstlers Gustavo in Cala Ratjada wurde beklebt / Facebook / Cala Ratjada Insider
Der Ballermann ist bei Weitem kein Einzelfall. Auch in Cala Ratjada hat vor Kurzem ein kleiner Stickerskandal für Wirbel gesorgt. Zwar wurde hier nicht der Straßenverkehr beeinträchtigt – wohl aber eines der Aushängeschilder des Orts: Vor wenigen Wochen pflasterten Unbekannte die als Fotomotiv beliebte Skulptur „Der Tourist“ von Künstler Gustavo an der Meerespromenade mit Stickern zu. Entsprechende Fotos in den sozialen Netzwerken erzürnten Anwohner und Stammurlauber. Besonders bitter stieß die Aktion beim zuständigen Rathaus von Capdepera auf. Schließlich versucht es seit Jahren mit Sensibilisierungskampagnen und Reinigungstrupps gegen das Stickerkleben vorzugehen. Vergeblich.
Immerhin: Auch hier sind die Verursacher, zumindest theoretisch, recht schnell auszumachen: „Schlebusch ist Schmutz! Nur der SV Bergfried Leverkusen“ war auf den meisten der Aufkleber an der Gustavo-Statue zu lesen. Letztlich gab es ein Happy End: die deutschen Administratoren der Facebook-Gruppe Cala-Ratjada-Insider spielten den Vermittler, kontaktierten den SV Bergfried Leverkusen, leiteten dann dessen Entschuldigung an die Bürgermeisterin von Capdepera weiter. „Wir bedauern den entstandenen Schaden sehr und können den Ärger nachvollziehen“, heißt es in dem Schreiben des Vereins. Zwar habe sich zum fraglichen Zeitpunkt „keine Mannschaft und keine offizielle Gruppe unseres Vereins in Cala Ratjada aufgehalten“, so der Vorstand in der Mail. Man wolle aber „vereinsinterne Ermittlungen einleiten, um den Sachverhalt aufzuklären“.
Ein bisschen wie Hunde-Pipi
Rückschlüsse auf die Täter – aber nur indirekt. Öffentliche Selbstdarstellung – aber ohne sich selbst darzustellen. Nachrichten senden – ohne dass klar ist, wer eigentlich der Empfänger ist. Ein bisschen sind die Stickerkleber so, wie ein Hund, der immer wieder das Beinchen hebt und dann in seiner Hundehütte verschwindet. Hier bin ich, hier war ich, sucht mich doch!
„Im Falle von Mallorca steckt hier sicherlich ein bisschen Revierkampf drin“, glaubt auch Tomy Brautschek, Dozent am Institut füMedien- und Kulturwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. „Die Gruppen, die die meisten Sticker verkleben, denen gehört die Insel. Zumindest symbolisch. Das ist bei der Vielzahl an deutschen Vereinen oder deren Fans, die die Insel besuchen, nicht ungewöhnlich“, findet er.
Dabei sei die Stickermode aber keineswegs auf Mallorca beschränkt. Auch in vielen anderen Orten sei dieser Trend zu verzeichnen, vor allem im inner- und großstädtischen Milieu. Vor dem Fußballstadion, im Stadtzentrum, an Bahnhöfen. „Kulturtheoretisch sind Sticker eine spannende Sache. In den meisten Fällen werden durch Aufkleber eher neutrale Flächen zu Kommunikationsmedien“, so Brautschek weiter. Kommunikationsmedien, die analoger kaum sein könnten. Für den Experten ist das auch in Zeiten von Social Media nicht ungewöhnlich. „Ich beobachte viele Trends, die sich dem digitalen Raum entziehen wollen. Es scheint dabei um die Rückgewinnung eines Verlustes zu gehen. Eines Verlusts von Authentizität, etwas Echtem, einer realen Erfahrung.“ Oder etwas Greifbarem. Etwas, das nicht so schnell gelöscht wird, das kleben bleibt. „Es steckt also auch ein wenig Retro-Kult darin“, sagt Brautschek.
Tatsächlich schwappte die Sticker-Klebe-Mode im öffentlichen Raum im großen Stil mit der Hiphop- und Streetart-Bewegung um die Jahrtausendwende von den USA nach Europa. Zuvor hatten die Aufkleber, die in Deutschland in den 50er-Jahren bereits von einer Wuppertaler Firma perfektioniert und patentiert worden waren, hauptsächlich die Funktion als Etiketten auf Waren oder – dank der italienischen Brüder Panini – als die Herzstücke von Sammelalben.
Gemeinschaft und Protest
Dass neben der Streetart-Kultur heute auch politische Milieus und Fußballfans auf die Sticker zurückgreifen, liege auch an dem besonderen Reiz der Provokation, glaubt Tomy Brautschek. Einerseits würden Laternen, Straßenschilder, Ampeln oder Mülleimer dadurch zu Trägern und Vermittlern von Botschaften. Andererseits werde das Kleben von Stickern nicht so scharf verfolgt wie etwa das Sprühen eines Graffitis. „Dennoch ist es nicht ganz legal und versprüht deshalb einen besonderen ‚subversiven‘ Reiz. Es ist eine Form des Protestes, sich gegen vorgegebene Regeln aufzulehnen.“ Gegen den Mainstream, gegen die politischen Gegner – oder eben gegen die Rivalen der Fußballwelt.
Warum aber, fragt sich der Naturliebhaber auf Mallorca, findet dieser Protest auch an abgelegenen oder nur schwer zugänglichen Orten auf einer Mittelmeerinsel statt? Auch dafür findet der Kommunikationsexperte eine Erklärung. Man müsse sich nur einmal das Identifikationspotential eines Aufklebers – zum Beispiel des Lieblingsvereins – bewusst machen, den man weit weg von seiner Heimat im Urlaub entdeckt. „Plötzlich erlebt man ein Gemeinschaftsgefühl durch den Aufkleber, mit dem Verein, mit der Heimat. Und das an einem entlegenen Strand oder anderen ungewöhnlichen oder attraktiven Orten.“
Tobi, der Stickerkleber aus Nordrhein-Westfalen, der sich nicht ganz outen will, bestätigt das. „Wenn ich darüber nachdenke, dass wir so weit von hier entfernt auf Mallorca Spuren unseres Vereinslogos hinterlassen haben, und die vielleicht jeden Tag Leute sehen, dann ist das schon cool“, sagt er. Vielleicht wolle er aber in Zukunft darauf achten, nicht allzu viel Schaden anzurichten. „Es gibt ja auch Flächen, da tut es wirklich niemandem weh, wenn sie von uns ein bisschen aufgehübscht werden“, findet er. Ansichtssache.
„Sticker-Walls“ kehren zurück
Am Flughafen Palma ist man sich schon lange darüber bewusst, dass viele so denken wie Tobi. Die Flughafenbetreiberfirma Aena hatte extra „Sticker-Walls“ im Terminal aufgebaut, um die Klebesucht einiger Reisender wenigstens etwas zu kanalisieren. Wegen der Bauarbeiten müssen sich die Mitteilungsbedürftigen derzeit mit den Wänden im Gang zufriedengeben, der das Parkhaus mit dem Terminal verbindet. „Die 'Sticker-Walls' im Terminal werden aber wieder angebracht, sobald die Bauarbeiten abgeschlossen sind“, versichert eine Aena-Sprecherin. Denn ein Ende der Kleberei ist nicht in Sicht.
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