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Wasserschlacht abgesagt, Flexas-Fest gestrichen: Warum Palma seine verrücktesten Partys verliert

In Palma werden Feste abgesagt, bei denen die Einheimischen seit Jahren zusammen feierten. Die Veranstalter fühlen sich gegängelt. Was sagt das über die Stadt aus? Und wie ist es um die Fiestas in den Dörfern bestellt? Ein Stimmungsbild

Bei der Wasserschlacht zwischen Canamunt (rot) und Canavall (gelb) wurde an ein blutiges Kapitel aus der Stadtgeschichte erinnert. Zumindest war das der Plan.   | FOTO: PERE JOAN OLIVER

Bei der Wasserschlacht zwischen Canamunt (rot) und Canavall (gelb) wurde an ein blutiges Kapitel aus der Stadtgeschichte erinnert. Zumindest war das der Plan. | FOTO: PERE JOAN OLIVER

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Patrick Schirmer Sastre

Patrick Schirmer Sastre

Wenn Tausende Menschen in roten und gelben T-Shirts unter lautem Gebrüll aufeinander zustürmen, wissen wasserscheue Bewohner Palmas: Den Parc de la Mar sollte man an diesem Tag besser meiden. Denn dort, direkt unterhalb der Kathedrale, liefern sich die Stadtteile Canamunt und Canavall traditionell ihre große Wasserschlacht. So war es zumindest in den vergangenen Jahren immer am ersten Septemberwochenende. In diesem Jahr jedoch bleibt der Parc de la Mar trocken.

Bei der Wasserschlacht handelt es sich um eine sogenannte neofiesta. Selbstironisch, satirisch, häufig mit einem Bezug zu Geschichte, Religion oder Tradition der Insel, sind in den vergangenen 25 Jahren überall auf Mallorca diese Feste entstanden, die ein wenig verrückt, vor allem aber selbst gemacht sind. Erfunden von Freundesgruppen oder kleinen Bürgerinitiativen. Nicht selten als Schnapsidee ins Leben gerufen. Und dann über die Jahre gewachsen, bekannter geworden, professionalisiert.

Einst eine blutige Fehde

Die Wasserschlacht zwischen Canamunt und Canavall fand erstmals 2016 statt. Erdacht hatte sie die Initiative Orgull Llonguet, die sich zur Aufgabe gemacht hat, in der Großstadt Palma für ein wenig mehr Miteinander und für ein wenig Geschichtsbewusstsein zu sorgen. Hinter dem heutigen Wasserspaß verbirgt sich ein düsteres Kapitel der Stadtgeschichte. Im 16. und 17. Jahrhundert lagen verfeindete Familien aus den beiden Stadtvierteln miteinander im Streit. Die Auseinandersetzungen waren äußerst blutig: Allein zwischen 1616 und 1619 sollen rund 400 Menschen ums Leben gekommen sein.

Als Orgull Llonguet Ende Juni das vorläufige Aus der Wasserparty bekannt gab, nannte die Initiative drei Gründe: fehlende Mitstreiter bei der Organisation, wirtschaftliche Schwierigkeiten und die fehlende Unterstützung durch die Institutionen. Gerade der mangelnde Rückhalt vom Rathaus Palma kam dabei wenig überraschend, denn es gab Präzedenzfälle.

Bereits Anfang Mai hatte der LGTBI+-Verband „Ben Amics“ angekündigt, ihr traditionelles Straßenfest zum Pride Day in diesem Jahr nach knapp 20 Jahren nicht stattfinden zu lassen. Der Verband warf der konservativ-rechtsextremen Stadtverwaltung vor, die Ausrichtung des Festes zu torpedieren. Schon im vergangenen Jahr hätten die Behörden den Organisatoren große Steine in den Weg gelegt. Deshalb habe man 2026 direkt darauf verzichtet.

Ende Mai verkündete dann die Bar Flexas, eine kleine Boheme-Kneipe in der Altstadt von Palma an, dass sie nach 21 Jahren diesen Juli auf ihr traditionelles Sommerfest verzichten werde. Auch diese Fiesta hatte in den vergangenen Jahren Zehntausende Feierfreudige in den Parc de la Mar gelockt. Und auch hier machten die Organisatoren das Rathaus Palma für das Aus verantwortlich. Demnach hätten die Behörden Anforderungen gestellt, die man nicht habe akzeptieren können.

Die Stadt hat in den vergangenen Wochen mehrfach bestritten, den Veranstaltern Steine in den Weg gelegt zu haben. Doch betroffen sind nicht nur diese drei Partys. Auch von Nachbarschaftsverbänden hört man Klagen, dass Subventionen für Stadtteilfeste monatelang nicht ausgezahlt werden. Und die dimonis, die Teufelsgruppen, die etwa zur Johannisnacht durch die Straßen ziehen, klagen über immer strenger werdende Auflagen.

An dieser Stelle lohnt ein Blick auf die Zahlen: Während alle Nachbarschaftsfeste rund 150.000 Euro an öffentlichen Geldern im Jahr an Subventionen zur Verfügung haben, steckt die Stadt allein in „La Patrona“ Mitte September 363.000 Euro. Bei der zweitägigen Elektroparty mit internationalen Künstlern handelt es sich möglicherweise um die erste neofiesta, die nicht von den Bürgern, sondern von der Verwaltung erfunden wurde. Austragungsort ist ... der Parc de la Mar.

Wobei die fehlende Unterstützung nur ein Faktor für die Absage der Wasserschlacht ist. „Das Fest repräsentiert uns nicht mehr“, schreibt Orgull Llonguet. Die Essenz der Fiesta sei verloren gegangen. „In den vergangenen Jahren gab es immer mehr Menschen, die die Party einfach nur als Wasserschlacht kennen“, erklärt eine Sprecherin gegenüber der MZ. „Sie sind nicht mehr wegen Canamunt gegen Canavall gekommen, sondern weil sie mit Wasser spritzen wollten. Wir erreichen die Menschen nicht mehr, um ihnen zu erklären, was wir mit der Party bezwecken. Das Fest ist zu groß geworden.“

Die Gesellschaft zerfasert. Sie wird individueller. Es wird immer schwieriger, etwas zu organisieren, einfach nur um Spaß zu haben. Weil die Menschen durch die Mieten aus den Stadtvierteln verdrängt werden. Weil Palma immer mehr zu einem Ort für Expats und Urlauber wird. Wie soll man da Gemeinschaft schaffen? In Palma, das dringt auch aus den Diskussionen um die abgesagten Feste durch, haben immer mehr Menschen dieses Gefühl. Oder hat es mittlerweile auch die Dörfer erfasst?

Stroh und Wasser

In Sencelles findet seit 2007 Anfang August die neofiesta Embala’t statt. Verkürzt erklärt, werden hier riesige Strohballen ins Dorf gerollt, die dann von der versammelten Dorfgemeinschaft aufgerissen werden. Dies mündet in eine Party, bei der mit Wasser gespritzt und mit Stroh geworfen wird. Martí Pascual ist seit diesem Jahr Teil des Organisationskomitees. Er sieht keine Gefahr, dass das Fest wegen Problemen mit dem Rathaus storniert werden könnte. „Natürlich gibt es immer wieder Diskussionen über bestimmte Aspekte des Festes. Da muss man eine Lösung finden. In diesem Jahr etwa gibt es auf der Strecke eine Baustelle. Da sucht man eben eine Alternative.“ Die Fiesta sei fest im Dorf verankert.

Wobei sich auch in Sencelles Veränderungen bemerkbar machen. „ In den vergangenen fünf oder sechs Jahren sind einige Leute ins Dorf gezogen, die keinen Kontakt zu den anderen Bewohnern suchen.“ Sie ins Dorfleben, etwa über das Embala’t zu integrieren, sei schwierig. „Es gab einige Versuche, sie zu kontaktieren, aber häufig wissen wir nicht einmal, wie sie heißen.“ Hätten früher „rund 90 Prozent“ der Dorfbewohner an der neofiesta teilgenommen, seien es jetzt deutlich weniger. Immerhin: „Es ist weiter ein Fest, das hauptsächlich von den Bewohnern des Dorfes zelebriert wird.“ Massifizierungsprobleme, die dann entstehen, wenn viele Bewohner aus Palma oder aus den anderen Dörfern über eine Fiesta einfallen, hätten sich hier noch nicht eingestellt.

Ein letztes Mal Festival

Auch Mariona Jaume sieht einen deutlichen Unterschied zwischen Palma und dem ländlichen Mallorca. Sie ist Teil des Teams, dass das Musikfestival Mobo Fest organisiert. Das ist keine klassische neofiesta, aber es ist ein Event, dass von einer Gruppe Freunde organisiert wird, von Mallorquinern für Mallorquiner. In diesem Jahr feiert das Festival seine zehnte und letzte Ausgabe. Die berühmte mallorquinische Band Antònia Font ist Headliner.

„Dass wir aufhören, hat aber nichts damit zu tun, dass wir Probleme mit den Behörden hätten“, so Jaume. „Wir wollten vielmehr in einem guten Moment aufhören. Damit wir stolz zurückblicken können.“ Als das erste Mobo Fest stattfand, waren viele der Organisatoren erst 18 Jahre alt. „Jetzt bewegen wir uns auf die 30 zu. Die Lebenssituation hat sich bei allen verändert. Und so ein Festival, das ehrenamtlich organisiert wird, nimmt für berufstätige Menschen viel Zeit in Anspruch.“

Gute Indie-Musik und lässige Stimmung beim Mobofest in Porreres

Gute Indie-Musik und lässige Stimmung beim Mobofest in Porreres / DM

Das Mobo Fest hat im Laufe der Jahre in drei verschiedenen Gemeinden stattgefunden: Sant Joan, Lloret de Vistalegre und Porreres. „Uns wurde immer das Gefühl gegeben, dass unser Festival willkommen ist“, sagt Jaume. Nur einmal habe es Probleme gegeben: Im Jahr 2020, als das Fest trotz strikter Einhaltung der Corona-Regeln in letzter Minute abgesagt wurde. „Ich glaube, in den Dörfern sind die Dienstwege kürzer als in Palma. Hier kennt man seine Ansprechpartner“, sagt Jaume. Sie selbst habe mit einer anderen Gruppe versucht, in Palma ein Event in der Öffentlichkeit zu organisieren und sei schnell auf Widerstände gestoßen. „Ich glaube, in Palmas Rathaus gibt es sehr viele Missverständnisse darüber, was die Funktion des öffentlichen Raums ist.“

Etablierter Teil des Sommers

Dass die Feste auf Mallorca vom Aussterben bedroht sind, davon geht Marcel Pich nicht aus. Der Anthropologe hat vor sieben Jahren ein Buch über die neofiestas der Insel geschrieben. „Ich würde eher von einer Phase der Konsolidierung sprechen“, erklärt er. „Es stimmt, dass einige verschwunden sind und andere zu Massenveranstaltungen mutiert sind. Aber die meisten sind mittlerweile ein fester Bestandteil des sommerlichen Terminkalenders.“

Die Feiern, die von den Menschen selbst geschaffen werden, hätten einen Vorteil, so Pich: Sie seien wandelbar. „Die Populärkultur kann die Hindernisse überwinden, die sich ihr in den Weg stellen, weil sie eine kreative Ausdrucksform ist.“ Sicherlich sei es im ländlichen Raum möglicherweise einfacher, eine Gemeinschaft zu bilden. Und das Rathaus von Palma, ergänzt Pich, könnte die Leute in der Stadt auch ruhig mal machen lassen. Aber das vorläufige Ende von Festen wie der Wasserschlacht oder der Flexas-Party bedeute nicht, dass die Populärkultur in der Stadt am Ende sei. „Ich bin fest davon überzeugt, dass all diese Initiativen neue Wege und Formeln finden werden, um dieser gesellschaftlichen Nachfrage Raum zu geben.“

Ähnlich sieht das Laura Velilla von Orgull Llonguet. „Wir müssen jetzt eine Pause machen, uns neu sortieren. Aber wir wissen, dass wir weitermachen wollen. Auch wenn Canamunt gegen Canavall nicht mehr machbar sein sollte, haben wir eine ganze Schublade voller Ideen. Vielleicht kommen wir mit einem anderen Fest zurück und sind dadurch wieder motivierter.“ Denn der Drang, in dieser Stadt mit all ihren Schwierigkeiten, ein Gemeinschaftsgefühl entstehen zu lassen, Menschen zusammenzubringen, der sei immer noch vorhanden. „Wir wollen so weitermachen: dass Feste aus der Geschichte Palmas heraus entstehen und in eine partizipative Form übertragen werden.“

Hoffnungsschimmer

Und tatsächlich gibt es bereits jetzt Anzeichen dafür, dass sich die Populärkultur in Palma neue Wege sucht. Am 1. Juli fand in Palma das erste „Sopar a la llesca“ des Jahres statt. Die Idee, auf einer Plaça der Stadt an einem Mittwochabend Tische aufzustellen, damit die Menschen hier gemeinsam ihr mitgebrachtes Abendessen teilen, hatte schon im vergangenen Jahr viel Anklang gefunden. Auch bei der neuen Ausgabe dieser neu geschaffenen Tradition – organisiert von einer Initiative namens Brunzit – fanden sich rund 500 Menschen auf der Plaça d’en Coll ein. Dort, wo sich normalerweise Urlauber an den dicht gedrängten Tischen der Restaurantterrassen speisen, wurde an einem Abend das Kartenspiel Truc gespielt, pa amb oli gegessen und wieder Mallorquinisch geredet.

Im vergangenen Jahr nahmen auch auf der Plaça Major zahlreiche Menschen am "sopar a la llesca" teil

Im vergangenen Jahr nahmen auch auf der Plaça Major zahlreiche Menschen am "sopar a la llesca" teil / B. Ramon

„Wir machen die Sopars a la llesca, weil wir es satt sind, dass die Plätze der Stadt von Privatunternehmen eingenommen werden. Wir werden die Plätze zurückerobern“, heißt es von der Organisation. Vielleicht sieht so die nächste Form der neofiesta in Palma aus. Weniger laut. Weniger aufwendig. Aber mit dem gleichen Drang, die Stadt nicht jenen zu überlassen, die darin nur ein Geschäft sehen.

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