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19. Juli 1936: Warum der Militärputsch auf Mallorca so leichtes Spiel hatte

Am 19. Juli vor 90 Jahren übernahmen auf der Insel die Putschisten die Macht. Es war der Auftakt zu Repression, Bürgerkrieg und Franco-Diktatur. Was genau geschah und warum die Republiktreuen unterlagen

Soldaten des Cuartel del Carmen – die Kaserne befand sich direkt an den Ramblas – besetzten das strategisch wichtige Telefónica-Gebäude am Born-Boulevard, heute Sitz von Luxusläden.

Soldaten des Cuartel del Carmen – die Kaserne befand sich direkt an den Ramblas – besetzten das strategisch wichtige Telefónica-Gebäude am Born-Boulevard, heute Sitz von Luxusläden. / Archiv Vidal

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Frank Feldmeier

Frank Feldmeier

Mit Gewehren und Pistolen versammelten sie sich am frühen Morgen des 19. Juli 1936. Treffpunkt der Mitglieder der faschistischen Falange-Bewegung war das Haus ihres Milizenführers Mateu Palmer im Zentrum von Palma. Von dort ging es in zwei Lkw zur Kaserne nahe dem Almudaina-Palast, um sich mit dem aufständischen Militär zusammenzutun.

Der Staatsstreich konnte beginnen.

Das Ziel: alle strategisch wichtigen Punkte der Stadt unter Kontrolle bringen. Ein Militärkonvoi brach in Richtung Plaça Cort auf, um Palmas Rathaus einzunehmen. Ein zweiter Konvoi nahm Kurs auf den Sitz der damaligen Zivilregierung im Gebäude der heutigen Delegation der Zentralregierung nahe dem Borne-Boulevard. Im Anschluss sollte es zur Casa del Poble gehen, dem „Haus des Volkes“ und Zentrum der Arbeiterbewegung. Vor der damaligen Kommandozentrale im Almudaina-Palast verkündete um 7.30 Uhr Kapitän Ramon Fortuny offiziell den Kriegszustand. Regierung, Rathaus, Post, Telegrafenamt – innerhalb von zwei Stunden hatten die Aufständischen die Balearen-Hauptstadt unter ihrer Kontrolle.

Fast schon trivial wirken die ersten Stunden des Putsches in Palma angesichts der weiteren Geschehnisse und der dramatischen Tragweite. Was vor genau 90 Jahren zwischen dem 17. und 19. Juli (siehe Kasten) überall in Spanien seinen Lauf nahm, mündete in einen dreijährigen Bürgerkrieg, in dem mehr als eine halbe Million Spanier ums Leben kommen sollte, und in eine jahrzehntelange Diktatur. Die gesellschaftliche Spaltung wirkt noch heute massiv nach. Aus europäischer und globaler Perspektive war der Konflikt zwischen Faschismus, Kommunismus und liberaler Demokratie in Spanien ein Vorspiel und gleichzeitig auch ein Übungsfeld für den Zweiten Weltkrieg.

„Der 17. Juli ist ein zutiefst trauriges Datum“, sagt David Ginard, einer der zentralen Bürgerkriegsforscher auf den Balearen. „Es steht für das Ende des ersten demokratischen und reformorientierten Aufbruchs im 20. Jahrhundert und markiert den Beginn eines der blutigsten Bürgerkriege der europäischen Moderne.“ Warum aber hatten die Putschisten auf Mallorca Erfolg, im Gegensatz etwa zu Madrid und Barcelona? Und hätten die Anhänger der Republik den Aufstand verhindern können?

Seinen Anfang hatte der Militärputsch am 17. Juli im Kolonialgebiet in Nordafrika genommen. Der Staatsstreich war eine präzise geplante, aber überstürzt gestartete Aktion unzufriedener Generäle, unter ihnen d

Kommandant Goded (Mi.) bricht nach dem Putsch auf Mallorca zur Front in Barcelona auf.

Kommandant Goded (Mi.) bricht nach dem Putsch auf Mallorca zur Front in Barcelona auf.

er spätere Diktator Francisco Franco, gegen die demokratisch gewählte linksgerichtete Regierung der Volksfront (Frente Popular) vor dem Hintergrund der politischen Radikalisierung in der Zweiten Republik. In der Garnison von Melilla übernahmen Fremdenlegion und Kolonialtruppen die Kontrolle über das Protektorat.

Die Ruhe vor dem Sturm

Am 18. Juli herrschte auf Mallorca trügerische Ruhe, auch infolge der Zensur der spanischen Regierung, die den Aufstand als lokalen Zwischenfall herunterspielte. Eine Eskalation sollte verhindert werden. „Sie können versichert sein, dass in Spanien nichts passiert und die Lage vollkommen ruhig ist“, erklärte Antonio Espina, Zivilgouverneur und damit oberste politische Autorität der Balearen, gegenüber der Zeitung „Última Hora“.

Andere trauten dem Braten nicht. Die Kommunistin Aurora Picornell etwa, die eigentlich mit einer Delegation zur Volksolympiade nach Barcelona reisen wollte – einer Gegenveranstaltung zur offiziellen Olympiade im faschistischen Berlin –, blieb zusammen mit weiteren Republiktreuen auf der Insel. Wie auch anderswo in Spanien, verweigerte Espina die Herausgabe von Waffen an die Anhänger der Volksfront. Historiker Antoni Vidal erzählt die Anekdote von zwei Arbeiterführern, die in einem Waffengeschäft 2.000 Stück Munition kaufen wollten, was der Eigentümer aber mit Verweis auf die Order des Zivilgouverneurs verweigerte. „Espina befolgte dabei schlicht die Anweisungen aus Madrid“, so Vidal.

Der oberste Vertreter der Zweiten Republik auf den Balearen machte allerdings generell keine gute Figur. Der Intellektuelle aus Madrid war erst wenige Tage im Amt und militärisch unerfahren. Bei einem Treffen mit dem balearischen Militärkommandanten Manuel Goded am 18. Juli ließ er sich bezüglich dessen Loyalität zur Republik belügen. Dabei war der General kein unbeschriebenes Blatt. Bekannt für seine rechte Gesinnung und seinen Hang zu Verschwörungen, hatte ihn die Volksfront-Regierung erst im Mai auf die Balearen versetzt, wo er nun den Putsch mitorganisierte. Auch sein Auftreten beim Treffen mit Espina, zu dem er offensichtlich misstrauisch mit bewaffneter Eskorte erschien, hätte Verdacht wecken können.

Und dann war da ein Zwischenfall in der Nacht auf den 18. Juli: Eine größere Gruppe junger Falangisten traf sich nach dem Durchsickern von Gerüchten einen Tag zu früh an strategischen Orten in Palma, um mit dem Putsch loszuschlagen – und musste zurückgepfiffen werden, um das noch geheime Unterfangen nicht zu gefährden. „Wie stand es um die Republik, dass man angesichts dieser ungewöhnlichen Aktivitäten von rund 300 Personen, die zum Teil im Auto angefahren kamen, nicht stutzig wurde?“, fragt Historiker Vidal.

Im Visier der Maschinengewehre

Und dennoch liegt die Antwort auf die Frage, warum die Putschisten auf Mallorca Erfolg hatten, weniger bei den Verteidigern der Republik als bei ihren Gegnern. Im Gegensatz zu anderen Regionen Spaniens – in Katalonien blieben „los Rojos de la Guardia Civil“ (die „roten Polizeibeamten“) der Republik treu – stand auf der Insel praktisch das gesamte Militär hinter dem Staatsstreich. Und die wenigen Vertreter, die den Plänen misstrauten, verhielten sich abwartend, so im Fall der Carabineros, der paramilitärischen Zoll- und Grenzpolizei.

„Damit ein Putsch scheitert, braucht es tiefgreifende Spaltungen innerhalb der Armee selbst – kombiniert mit dem entschlossenen Widerstand der Arbeiterbewegung“, sagt Ginard mit Verweis auf Katalonien. Der Historiker spricht zwar von Zögern und Skepsis in Teilen des Militärs auf Mallorca. Ein aktiver Widerstand sei jedoch ausgeblieben. „Selbst wenn der Zivilgouverneur die Arbeiter bewaffnet hätte, wäre ein Sieg über den Aufstand unrealistisch gewesen.“ Zwar hätten sich womöglich Guerillagruppen in Mallorcas Bergen gebildet, was letztendlich eine noch brutalere Repression nach sich gezogen hätte. Doch der Staatsstreich hätte am Ende triumphiert.

Gegen die Maschinengewehre, die sie in Palma in Stellung brachten, hatten die Republiktreuen praktisch keine Chance, auch wenn ein im Vorfeld in der Lokalpresse veröffentlichtes Manifest den Kampfeswillen unterstrichen hatte. Alle Linksgruppierungen versicherten darin ihre unerschütterliche Treue zur Republik und riefen die Arbeiter auf, diese, wenn nötig, mit aller Energie zu verteidigen.

Als es dann so weit war, hatten die Aufständischen leichtes Spiel. Der Zivilgouverneur wurde festgenommen. Die Arbeiter, die die Nacht auf den 19. Juli in der Casa del Poble verbracht hatten, räumten angesichts der dort in Stellung gebrachten Maschinengewehre das Feld. Zwar gab es zwei Todesopfer und mehrere Verletzte auf dem Rathausplatz. Doch diese waren die Folge der schlechten Koordination zwischen Militärs und Falangisten – fatale Verwechslungen zwischen den Waffenbrüdern.

Die Putschisten stellten die gesamte öffentliche Verwaltung unter Aufsicht des Militärs. Historiker Vidal zählt 473 für diese Aufgabe abgestellte Soldaten in Palma. Der neue Zivilgouverneur, Oberstleutnant Luis García Ruiz, ersetzte mehrere linke Bürgermeister auf der Insel durch Vertrauensleute. Im Rathaus von Palma wurde mit Emili Darder ein Arzt und Intellektueller festgenommen, aus dessen Amtszeit vor allem der Ausbau des öffentlichen Schulwesens in Erinnerung geblieben ist.

Generalstreik und Widerstand

Mangels Waffengewalt sahen die Anhänger der Volksfront nun kein anderes Mittel mehr, als zum Generalstreik aufzurufen. Zwar kam in den ersten Tagen tatsächlich der Betrieb der Straßenbahn zum Erliegen, Geschäfte wie auch Betriebe blieben zu. Doch viele Menschen harrten ohnehin zu Hause dem Gang der Dinge, statt mit erhobenen Händen die wachhabenden Soldaten zu passieren und Gefahr zu laufen, sich nach verdächtigen Dokumenten wie Flugblättern durchsuchen zu lassen. Einige Streikführer wurden festgenommen.

Besonders misstrauisch beobachteten die Putschisten das Verhalten in den Arbeitervierteln Palmas, wo einige Arbeitsplätze weiterhin verwaist blieben und im Kleinen der Widerstand nicht aufgegeben wurde. So etwa bei einer Gruppe von Steinbrucharbeitern in Arenal. Sie plante, das strategisch wichtige Fort d’Enderrocat in der Bucht von Palma einzunehmen. Eine solche Operation hätte das Tor für eine Landung republikanischer Truppen zur Rückeroberung Mallorcas von den Putschisten weit geöffnet. Zwar verfügten einige der Beteiligten dank ihres Militärdienstes in dem Fort über Ortskenntnisse und einige Waffen, die sie versteckt hatten. Doch der Plan zur Einnahme sollte schon im Ansatz scheitern. Die Widerständler wurden ab Ende Juli von den Putschisten buchstäblich einzeln gejagt und verhaftet – die Repression nahm ihren Anfang.

Die neuen Machthaber verstärkten die Gewalt Stufe um Stufe. Zu Beginn des Putsches wurden zunächst nur die Anführer der Republik festgesetzt. „Als man sah, dass der Staatsstreich andernorts in Spanien keinen Erfolg hatte, kam es zu weiteren Festnahmen“, sagt Vidal. Und dann, als schließlich im August republikanische Milizionäre an der Ostküste landeten und in einer mehrwöchigen Schlacht mit Hilfe der italienischen Faschisten zurückgeschlagen wurden, begann jenes dunkle Kapitel des Bürgerkriegs, das auch 90 Jahre später die Menschen auf Mallorca aufwühlt. Widerständler wurden von nächtlichen Erschießungskommandos hingerichtet und anonym verscharrt. Politische Vertreter der Republik wurden nach Schauprozessen erschossen, so auch Emili Darder im Februar 1937 auf Palmas Friedhof.

Während die zum Teil auch heute noch ungeklärten Schicksale der Todesopfer auf Mallorca – ihre Zahl wird mit mehr als 1.500 angegeben – weiter die Menschen bewegen, ist der Putsch selbst gut erforscht, wie Ginard sagt. Es gebe jedoch keine umfassende Gesamtdarstellung der Ereignisse vom 17. bis 19. Juli auf den Balearen. Eine solche könnte noch interessante Details ans Licht bringen, etwa zum Netzwerk außerhalb des Militärs, auf das sich die Putschisten stützten – Gruppierungen wie die Falangisten, die vor 90 Jahren vorneweg gegen die Republik zu Felde gezogen waren.

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