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Vor 90 Jahren begann der spanische Bürgerkrieg: „Die demokratische Mitte war für immer verloren“

Paul Ingendaay, langjähriger Korrespondent der „FAZ“ in Madrid, erzählt in seinem neuen Buch die blutige Auseinandersetzung mithilfe der klugen Köpfe, die dabei waren

Ernest Hemingway an der Seite republikanischer Soldaten, auf einem Foto von Robert Capa.

Ernest Hemingway an der Seite republikanischer Soldaten, auf einem Foto von Robert Capa. / © ROBERT CAPA © 2001 BY CORNELL

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Ciro Krauthausen

Ciro Krauthausen

In „Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur (1936–1939)“ ist dem langjährigen Spanien-Korrespondenten der „FAZ“, Paul Ingendaay, eine überaus lesbare Geschichte des Spanischen Bürgerkrieges gelungen. Er erzählt ihn entlang der Erlebnisse und Berichte von Schriftstellern und Journalisten, die als Kämpfer oder Beobachter an ihm teilnahmen.

Wie erklärt es sich, dass einige der klügsten Köpfe ihrer Zeit in den Krieg zogen?

1936 waren Faschismus und Sowjetkommunismus noch nicht gänzlich diskreditiert. Nicht dass sie ihre Unschuld noch bewahrt hätten – beide großen Ideologien hatten schon eine Gewaltgeschichte hinter sich –, aber der deutsche Faschismus hatte noch keinen Genozid begangen und der Sowjetkommunismus noch keine stalinistischen Säuberungen, die erst zu dieser Zeit einsetzten. Die beiden großen Totalitarismen waren noch vergleichsweise jung. Es braute sich eine gesamteuropäische Konfliktlage zusammen, die auf den Kampf dieser beiden großen Systeme hinauslief. In dieser Situation hatte der spanische Konflikt eine enorme Symbolik. Hinzu kam: Viele Linke, exilierte Flüchtlinge und Abenteurer waren ja schon in Bewegung, weil Europa durch den Ersten Weltkrieg, chaotische Zustände, Revolutionen und Bürgerkriege in Unruhe war. Es war ein Kontinent im Aufruhr, der dann in Spanien diesen geradezu modellhaften Krieg produzierte.

Als roter Faden ziehen sich die Beobachtungen von Thomas Mann und seiner Familie durch das Buch. Was interessierte Sie daran?

Thomas Mann befand sich bei Ausbruch des Bürgerkriegs schon in seinem ersten Exil in der Schweiz. Er war ein politisches Opfer der Nazis, überschaute die gesamte intellektuelle Szene und erkannte die Bedeutung dieses Konflikts. Zudem fuhren seine beiden ältesten Kinder, Klaus und Erika, die 31 und 32 Jahre alt waren, 1938 im Sommer selbst nach Spanien, um das zu erleben. Es ist signifikant, wie sich diese klugen Autoren, Pazifisten und Linken, völlig verschätzten in dem, was der Krieg zu dem Zeitpunkt war. In ihren Essays lebten die Idealisierung und die Heroisierung dieses Kampfes weiter, obwohl die Lage damals praktisch aussichtslos war.

Der Autor Paul Ingendaay (Köln, 1961).   foto: tim Kölln

Der Autor Paul Ingendaay (Köln, 1961). / Tim Kölln

Bei anderen war die Idealisierung schnell vorbei, oder?

Ja, das war die grundsätzliche Erfahrung von vielen. Bei Hemingway hat sich das übersetzt in eine eher apolitische Betrachtung dessen, was ein moralisch empfindender Mensch tun soll, wie etwa in seinem Roman „Wem die Stunde schlägt“. Bei George Orwell ist es eine massive politische Beurteilung. Er erkennt als guter britischer Sozialist, dass die stalinistische Linke erbarmungslos die Konkurrenten auf der linken Seite ausschaltet. Das war für ihn eine tiefgreifende Erfahrung. Ohne dieses halbe Jahr Spanien und ohne die Todesgefahr, in der seine Frau und er am Ende gelebt haben, wären Werke wie „1984“und „Farm der Tiere“ schwer möglich gewesen.

Welcher Ihrer „Augenzeugen“ war für Sie eine Entdeckung?

Was sein Engagement und seine Hingabe betrifft, Miguel Hernández. Er ist ein für das spanische Publikum sehr wichtiger, großer Dichter. Das wusste ich vorher. Er war aber auch, auf Seiten der Verteidiger der Republik, ein eindrucksvoller Soldatendichter, der sich nicht geschont hat. Und da sind da noch zwei weitere Figuren. Einmal Simone Weil, die diesen Krieg trotz ihres sehr kurzen Aufenthalts – sie musste wegen einer Fußverletzung durch siedendes Öl sehr bald wieder weg – zum Anlass nahm, über Gewalt als solche nachzudenken. Ihre in den folgenden Jahren entstandenen Essays gehören für mich zu den bahnbrechenden Zeugnissen nicht nur über diesen Krieg, sondern über den Krieg im Allgemeinen, und das jenseits der Ideologien. Unbedingt erwähnen muss ich auch Manuel Chaves Nogales – der bedeutendste Journalist Spaniens im 20. Jahrhundert. Sein Werk ist erst in den vergangenen Jahren neu entdeckt worden. Er nennt sich selbst einen liberalen Kleinbürger und verurteilt sowohl die reaktionären Franco-Anhänger als auch die Revolutionäre. Er wird in der Mitte zerrieben. Seine Welt, die demokratische Mitte, war für immer verloren, er musste ins Exil. Für mich ist er eine Jahrhundertfigur, denn er steht für das dritte Spanien, das möglich gewesen wäre, wenn sich mehr Menschen auf diese Mitte verständigt hätten.

P. Ingendaay, „Entscheidung in Spanien“, 352 Seiten, 28 Euro, Verlag C.H. Beck.

P. Ingendaay, „Entscheidung in Spanien“, 352 Seiten, 28 Euro, Verlag C.H. Beck. / Verlag

In der Mitte blieb nur brutale Gewalt.

Seitens der Rechten war es eine Gewalt, die geradezu programmatisch war. General Mola rief, noch bevor es richtig los ging, dazu auf, mit „extremer Gewalttätigkeit“ den „Terror zu säen“, damit sich die Verteidiger der Republik gar nicht erst formieren konnten. Die Gewalt auf Seiten der Linken entstand aus einem völlig anderen Grund. Die öffentliche Ordnung ist zusammengebrochen, und der Putsch setzt eine soziale Revolution in Gang, die zum Krieg wird. Diese Revolution muss sich auch messen lassen an den Kriegszielen der Kommunisten, sie sind auf Seiten der Linken die großen Kriegsherren. Die Anarchisten und Sozialisten wollen zunächst nicht systematisch mitmachen und üben eher lokale Gewalt aus, in den Dörfern, wo sie die Macht haben. Die beiden Formen der Gewalt treten in Konkurrenz zueinander, und der Effekt ist absolut zerstörerisch. Auf beiden Seiten. Deswegen ist auch die Opferzahl in den ersten drei, vier Kriegsmonaten so unfassbar hoch, und zwar nicht so sehr an der Front als in den Dörfern, im Hinterland, in den Städten.

Was erschließt sich einem im heutigen Spanien nicht, wenn man die Geschichte des Bürgerkriegs nicht kennt?

Warum das Land politisch so grundsätzlich gespalten ist. Die Kluft ist tiefer als in anderen Ländern. Große Koalitionen wie in Deutschland sind in Spanien undenkbar, und das liegt auch daran, dass die Differenzen im Bürgerkrieg so gewalttätig ausgetragen wurden. Bis heute wird gestritten und gekämpft über das richtige Gedenken, bis hin zu der Frage, wie viel Exhumierung sein darf. Dabei ist historisch die Sache eigentlich klar. Die Zahlen liegen auf dem Tisch, zwischen Historikern gibt es kaum noch Streit. Für ein gemeinsames Gedenken aber müssen womöglich noch einmal 50 Jahre vergehen.

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