„Jeder erhielt seine Dividende“: So wurde Mallorca nach der Eroberung durch Jaume I. aufgeteilt
Spekulation, Steuervorteile, Sicherung der Handelsketten, eine Art Proto-Globalisierung im Mittelmeer: Ein vorwiegend ökonomischer Blick auf die Rückeroberung Mallorcas 1229 aus Anlass des 750. Todestags von König Jaume I.

Das Altarbild von Santa Úrsula (Kirche Sant Francesc in Palma) zeigt, wie die Ruder- und Segelschiffe der Flotte von Jaume I. aussahen / Archiv
Der Todestag der wichtigen historischen Figur Mallorcas jährt sich am Montag (27.7.) zum 750. Mal: König Jaume I. von Aragón eroberte mit seinen Truppen im Jahr 1229 die Insel von den Mauren zurück, er starb am 27. Juli 1276. Die Reconquista mit mehr als 150 Schiffen ging als machtpolitischer Schachzug und religiöser Kreuzzug in die Geschichte ein, war aber nicht zuletzt auch ein wirtschaftliches Unterfangen, wie Antonio Ortega Villoslada betont. Der Mittelalter-Experte ist Dozent an der Fernuni (UNED) und Mitglied der Mallorquinischen Königlichen Akademie für historische, genealogische und heraldische Studien.
Waren die religiösen Argumente letztendlich ein Alibi für die wirtschaftliche Mission?
Hinter Eroberungen stehen immer ökonomische Gründe. Die Expansion der Krone von Aragón wurde im Norden durch Frankreich begrenzt, und im Süden lag Kastilien. Es blieb nur ein Ausweg: das Meer. Ohnehin expandierte im Spätmittelalter der Handel, er war die Hauptquelle des Reichtums. Man muss sich nur die Karte anschauen: Mallorca liegt genau in der Mitte des westlichen Mittelmeers, hier führten alle Handelswege vorbei.
Wie war die Situation des Seehandels vor der Rückeroberung Mallorcas?
Warum schlugen die Portugiesen den Weg nach Südafrika ein, um nach Indien zu gelangen? Weil die Muslime die traditionelle Seidenstraße unterbrachen. Mit ihrer Herrschaft über Mallorca waren auch die Handelsschiffe aus Barcelona oder Tarragona gefährdet. Zwar gab es Absprachen zwischen Christen und Muslimen. Aber zu jener Zeit hatten vor allem Genueser wirklich gute Kontakte zu Abu Yahya, dem letzten Wali von Mallorca. Schon seit Ende des 12. Jahrhunderts legten sie die Route durch die Straße von Gibraltar zurück, und die Balearen dienten ihnen als Zwischenhalt.
Wie fiel 1229 die Entscheidung zur Invasion?
Der Zeitpunkt war günstig, denn auf Mallorca herrschte ein Machtkampf zwischen den Almoraviden und den Almohaden. Gerade als die Flotte zur Eroberung zusammengestellt wurde, ließ Abu Yahya Adelige aus seinem Umfeld, sogar aus seiner Familie hinrichten, um die Kontrolle über die Insel zu behalten. Dass die christliche Armee Palma monatelang belagerte, ist nur dadurch zu erklären, dass sie auf die Unterstützung muslimischer Gruppen außerhalb der Stadtmauern zählen konnte. Hinzu kommt: Der noch junge Jaume I. benötigte Siege, um seine Führungsposition zu festigen. Er hatte beim Angriff auf die maurische Festung Peñíscola bei Valencia eine Niederlage erlitten, die sich auch als wirtschaftliches Fiasko erwies. Krieg ist nun mal die teuerste Erfindung des Menschen. Mit Mallorca schlug man zwei Fliegen mit einer Klappe: den Handel beherrschen und nebenbei das eroberte Gebiet unter den Adeligen aufteilen.
Die Insel als breit angelegtes Investment?
So in etwa. Nach dem Sieg verteilte der König die Erträge entsprechend der Beteiligung: Jeder erhielt seine Dividende gemäß seiner Investition – so könnte man es nach heutigen Maßstäben sagen. Einen Teil der Insel behielt Jaume I. für sich und übertrug die Herrschaft seinem Onkel Pere de Portugal, den anderen Teil vertraute er seinem Onkel Nunyo Sanç an. Dieser verteilte das Land unter den Adeligen.
War die Eroberung Mallorcas eher eine riskante Anlage oder eine Art sicherer Fonds?
Man kann davon ausgehen, dass es im Vorfeld bereits Kontakte gab, um die Lage auf Mallorca auszuloten. Eigentlich sollte die Operation zu Beginn des Sommers stattfinden, doch dann verzögerte sie sich bis September, und die Flotte geriet in einen Sturm. Aber abgesehen von diesen meteorologischen Fragen wusste man recht gut, was einen erwartete.
Jaume I. sprach später von Mallorca als einem „regne dins la mar“, einem maritimen Königreich. Was war wertvoller, das eroberte Land oder die geostrategische Lage der Insel?
Aus jener Zeit ist der Satz überliefert, wonach ein Königreich auf dem Meer mehr wert sei als zwei an Land. La tierra stand für Land- und Viehwirtschaft – das alte Modell. Zu jener Zeit war die Haupteinnahmequelle aber zunehmend der Seehandel. Dennoch spielt auch die Landverteilung Mallorcas eine zentrale Rolle. Ich sage immer im Scherz, dass uns hier die Spekulation im Blut liegt. Soldaten aus ganz Europa, aus Flandern, versuchten ihr Glück. Schnell wurden zugeteilte Gebiete auch weiterverkauft oder übertragen, um sich Einkünfte zu sichern. Das lässt sich aber wegen der dürftigen Quellenlage nicht quantifizieren.
Waren auch Glücksritter aus dem Gebiet des heutigen Deutschlands beteiligt?
Das ist wahrscheinlich. Bereits Papst Innozenz III. hatte die Erlaubnis für einen Kreuzzug gegen die Mauren erteilt: Auf Mallorca zu kämpfen war wie für Jerusalem zu kämpfen. Wir wissen, dass viele Adelige aus Nordeuropa auf die spanische Halbinsel kamen, um in Kastilien zu kämpfen. Mallorca wurde nur wenige Monate nach der Extremadura zurückerobert.
Die Carta de Franqueses i Privilegis del Regne de Mallorca – die erste Verfassung des Königreichs von 1230 – sicherte Eigentumsrechte, Gleichheit vor dem Gesetz und Steuerfreiheit. Die Insel als frühes Steuerparadies?
Das kann man ein bisschen mit dem Wilden Westen vergleichen: Im Gegenzug für das Risiko, an einen Ort zu ziehen, an dem man gewissermaßen um seinen Skalp fürchten muss, erhält man bestimmte Vergünstigungen. Die wirtschaftlichen, steuerlichen und sonstigen Vorteile für die neuen Siedler mussten größer sein als das Risiko, das man einging.
Wie wurden die Handelsrouten abgesichert?
Schon zwei Monate nach der Eroberung organisierte Nunyo Sanç eine Flotte und machte sich als Freibeuter auf den Weg nach Nordafrika. Es war recht einfach, man segelte einfach nach Süden weiter. Die Mallorquiner hatten in Folge schon vor dem 14. Jahrhundert eine Handelskolonie in Arcila, sie befuhren bald die gesamte dortige Atlantikküste.
Welche Waren waren besonders wichtig für die Handelsketten jener Zeit?
An der afrikanischen Küste wurde vor allem Weizen verladen. Nach und nach entstanden Seidenmanufakturen im Mittelmeerraum. Es wurde auch ein Mineral namens Alaun transportiert, ein Beizmittel, um Farben auf Stoffen zu fixieren. Man gewann es in Phokäa in Griechenland, und die Schiffe brachten es bis nach England. In der Gegend der Champagne fanden bedeutende Messen statt, die Webereien von Arras oder Tournai genossen einen sehr guten Ruf. Das war die Haute Couture jener Zeit. Und auf dem Rückweg luden die Schiffe englische Wolle auf. Sie gelangte bis nach Florenz für deren Textilindustrie.
Abonnieren, um zu lesen
- Dramatischer Vorfall in Palma: Mann springt von Hochhaus und fällt auf Gäste einer Caféterrasse
- Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez: Wie der Mallorca-Muffel hier früher Herzen brach
- Gleich zwei Waldbrände auf Mallorca - zwischenzeitlich auch Menschen in Gefahr
- Weil mitten im Sommer die Strandliegen fehlen: Balearen-Regierung feuert oberste Küstenchefin
- Nach Palma jetzt Sóller: Erneut großer Protest gegen Massentourismus auf Mallorca
- Angst vor Chaos zur Sonnenfinsternis auf Mallorca: Warum ab Montag (10.8.) auch Soldaten zum Einsatz kommen
- Nach Überfall mit Pistole: Wie die Polizei Lübeck einem Mallorca-Urlauber half, sein Portemonnaie an der Playa de Palma zurückzubekommen
- Zahl der Kontrollen von Autos mit ausländischen Kennzeichen spürbar erhöht': Veranstalter streicht Oldtimertreffen Mallorca Car Week
