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Mallorca-Nachtmarsch Lluc a peu – das Drama und die Komödie

Mallorcas populärster Nachtmarsch hat in diesem Jahr 6.000 Menschen an ihre Grenzen geführt. Ein Erfahrungsbericht

Mühsam, aber es lohnt sich: So ist der Aufstieg von Palma nach Lluc

Thomas Fitzner

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Thomas Fitzner

Thomas Fitzner

Diese Fröhlichkeit. Dieser Optimismus. Diese Energie. Dieses Hüpfen und Rennen und Lachen. Am Start in Palmas Ausfallstraße Carrer Aragó am Samstag (1.8.) um 23 Uhr ist eine der inselweit wohl größten Ansammlungen exaltierter Menschen zu sehen, ohne dass Alkohol im Spiel ist. Mehr als 6.000 tatendurstige Teilnehmer möchten endlich losmarschieren und veranstalten ein wütendes Pfeifkonzert, weil die Politiker und Würdenträger so lange brauchen, bis sie zu Ende gequasselt und das Band durchschnitten haben. Viertelstunde Verspätung. Sie wollen endlich los. Und als es losgeht, brandet ein Jubel auf, als hätte Spanien ein zweites Mal die WM gewonnen.

Es hat etwas unfreiwillig Komisches, dieselben Personen 40 Kilometer später beim Aufstieg zum Kloster Lluc zu sehen. Oder wie sie am Straßenrand liegen und am Sinn der Existenz zweifeln. Am ersten August-Wochenende wird Jahr für Jahr die uralte immer gleiche Geschichte vom enthusiastischen Anfang und dem agonischen Ende erzählt. Ich war in diesem Jahr zum 11. Mal dabei und kann nur bestätigen: Man kann diesen populärsten Volksmarsch der Insel noch so oft gegangen sein, man ist jedesmal aufs Neue überrascht, in welche Dimensionen der physischen und mentalen Erschöpfung man als durchschnittlich sportlicher Mensch dabei eintaucht.

Schaufenster des Urmallorquinischen

Lluc a peu (nach Lluc zu Fuß), diese 1974 von einer kleinen Gruppe Barbesucher als spontaner Pilgerausflug angestoßene Tradition, sieht sich als Schaufenster des Urmallorquinischen, der „mallorquinitat“, die auf mich sympathisch wirkt, weil nicht als Ablehnung des Anderen sondern Zelebrieren des Eigenen aufgesetzt. Die großteils jungen Leute jedoch, denen ich in dieser Nacht begegne, sprechen alle Spanisch untereinander. Die erste Konversation auf Mallorquinisch erlebe ich drei Kilometer vor dem Ziel, und eine der Beteiligten ist die Tochter eines Briten und einer Französin. Zufällig eine Bekannte.

Zur Musik. Heikles Thema. In den vergangenen Jahren waren mir ambulante Diskotheken aufgestoßen, also Typen, die um drei Uhr nachts mit dröhnendem Reggaeton durch schlafende beziehungsweise rüde aus dem Schlaf gerissene Dörfer marschieren. In diesem Jahr nichts davon, jedenfalls nicht in „meinem Pulk“. Musik ja, aber in dezenter Lautstärke reproduzierte spanische Schlager aus den 60er und 70er Jahren, im Chor mitgesungen von Insulanern rund um die zwanzig. Nicht einmal deren Eltern waren geboren, als diese Lieder populär waren. Eine Mallorquinerin, die an meiner Seite marschiert, wähnt sich in einen mysteriösen Zeitstrudel geraten.

Professionell, freundlich, aufmunternd

In Selva gibt mir dieselbe Begleiterin zu verstehen, sie fühle sich nicht gut, gar nicht gut. In der Nähe zwei Ambulanzen, eine aufmerksame Sanitäterin erkennt sofort die Kollaps-Körpersprache, ruft ihr zu, ob sie in Ordnung sei. Sekunden bevor meine Mitmarschiererin tatsächlich zusammenklappt, sind drei Sanitäter bei uns, messen Blutdruck, nehmen Blutprobe, professionell, freundlich, aufmunternd, wir sind tief beeindruckt. Auch an dieser Stelle: Danke, Leute!

Selva ist der letzte Punkt, an dem man erkennen muss: Schaffe ich das noch bis Lluc? Mehr als 30 Kilometer in den Beinen, 12 Kilometer und einen ewig scheinenden Aufstieg vor sich, kommen viele zum Schluss: Ende. Geht nicht mehr. Und schlurfen wie besiegte Krieger zu den Bussen nach Inca, an diesem Ort bereitgestellt von Organisatoren, die ihre Pappenheimer kennen. Es ist jedes Jahr dasselbe: In Selva findet die ultimative Auslese statt, ein Heerlager von Marschierern, die in sich hineinhorchen, sitzend, liegend, manche schlafen ein, viele kommen über Selva nicht mehr hinaus.

Merkwürdig, denkt man sich als Außenstehender, dachte auch ich, vor meinem ersten Mal. Man geht doch nur. Wie bei einem Spaziergang, nur länger. Na dann probiert ihn mal, den Spaziergang. Bei Caimari ist der vormals enthusiastische, kompakte Pulk von 6.000 Teilnehmern (minus Abgänge) ein weit in die Länge gezogenes Feld, manchmal ist man auf der Straße ganz allein. Einigen sehe ich am Gehstil an, dass sie fürchterliche Blasen an den Füßen haben müssen, und frage mich, wie sie die restlichen Kilometer bewältigen wollen. Andere kauern am Straßenrand, um Kraft zu schöpfen. Wieder anderen sieht man deutlich an: Das wird nix mehr.

Vertrauensgesellschaft

Ankunft in Lluc. Die Sonne knallt bereits, eine riesige Schlange bildet sich vor den Tischen, wo die Urkunden ausgestellt werden, die das Bestehen dieser Willensprobe zertifizieren. Hier wird die Vertrauensgesellschaft gelebt: Wann bist du angekommen? fragt die Zertifiziererin, und trägt die genannte Uhrzeit ohne Rückfragen ein. Wie immer muss ich meinen Guïri-Nachnamen buchstabieren, es kostet mich mehr Kraft als der letzte Kilometer. Eine weitere unendlich scheinende Schlange vor den Bussen nach Inca. Das summierte Schlangestehen dauerte gefühlt länger als der Aufstieg ab Caimari.

Erschöpft, aber glücklich: Ankunft in Lluc.

Erschöpft, aber glücklich: Ankunft in Lluc. / Thomas Fitzner

Die Fahrt mit dem Bus führt über Pollença, weil die Straße nach Lluc gesperrt ist. Am Busterminal von Inca sitzt eine ältere Frau auf einer Bank und betrachtet mit amüsierter Miene die Ankommenden. Wie sich herausstellt, wartet sie hier nicht auf den Bus. Nein, jedes Jahr steht sie am Morgen des Lluc-a-peu-Sonntags früh auf und sitzt hier stundenlang mit dem einzigen Ziel, sich über die Elendsgestalten kaputtzulachen, die aus den Lluc-a-peu-Bussen steigen, ein Laufsteg für die unterschiedlichsten Ich-bin-sowas-von-kaputt-Gehstile, aber die meisten der „Performer“ bereits in der Lage, über sich selbst zu lachen. Weil es vorbei ist. Und mehr als einer schwört: Nie wieder. Das war mein letztes Mal. Und mehr als einer von denen bricht den Eid.

Lluc a peu ist wie eine Droge. Mit dem Unterschied: Der Kater ist es, der den emotionalen Höhepunkt beschert. Wenn man zu Hause ankommt und sich stöhnend für einen langen Schlaf ins Bett sinken lässt und sich gerade noch daran erinnert, wer man ist.

Alleine das ... Dann bis nächstes Jahr.

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