„Moment der Ekstase“: So hat Mallorca die totale Sonnenfinsternis erlebt
Seit Jahren fieberte Mallorca auf die Sonnenfinsternis hin. So ist sie abgelaufen
Es ist also vollbracht: Mallorca hat die erste totale Sonnenfinsternis seit 121 Jahren offenbar ohne größere Katastrophen hinter sich gebracht. Bis Redaktionsschluss gegen 22 Uhr waren keine gravierenden Zwischenfälle bekannt. Die Landesregierung schickte kurz nach 21 Uhr eine vorläufige Bilanz, nach der es 36 Einsätze gegeben hat, darunter einen Verkehrsunfall, mehrere medizinische Notfälle wegen Hitzschlag oder Sonnenstich sowie ein Brand auf einem Boot in Cala Pi.
Seit dem Nachmittag postierten sich die MZ-Redakteure Brigitte Rohm, Klaus Späne, Alexandra Bosse und Chefredakteur Thomas Fitzner an verschiedenen Punkten auf der Insel, um live von dem Himmelsereignis zu berichten. In diesem Bericht fließen ihre Beobachtungen und Interviews genauso ein wie die von den Kollegen der MZ-Schwesterzeitung „Diario de Mallorca“.
Als der Moment um 20.31 Uhr gekommen war, wurde es schlagartig fast dunkel auf der Insel. Die Korona der Sonne während des Höhepunkts der totalen Phase war an vielen Orten der Insel bestens zu sehen, Wolken waren zum Glück für die Hunderttausenden Neugierigen auf der Insel nicht aufgezogen. „Magische Stimmung“, beschreibt Brigitte Rohm ihre Eindrücke von der Playa de Palma. So habe sie die Partygegend selbst noch kaum erlebt. Auffällig war vor allem das Publikum: weniger Partyvolk und Betrunkene als erwartet, dafür eine sehr gemischte Menge. Als die Sonne schließlich vollständig verschwand, gab es einen regelrechten „Moment der Ekstase“. Die Menschen jubelten und klatschten.

Brigitte Rohm
Die Anreise der Menschen an die geeigneten Beobachtungsposten auf der Insel verlief nach ersten Informationen an den meisten Orten relativ geordnet. Das „Diario de Mallorca“ berichtete allerdings aus der Serra de Tramuntana von teilweise chaotischen Szenen. Dort, im Gebirgszug im Westen der Insel, war der beste Blick auf die Sonnenfinsternis gegeben – vorausgesetzt man hatte freie Sicht auf das Meer in Richtung Westen. Sämtliche Straßenzufahrten in das Gebirge waren bereits seit dem frühen Nachmittag gesperrt. In Esporles bildeten sich Wartezeiten von bis zu 50 Minuten, dort richtete die Guardia Civil einen Kontrollpunkt ein.
Trotz der Einschränkungen versuchten zahlreiche Menschen, zu beliebten Aussichtspunkten zu gelangen. In der Nähe von La Granja (Gemeinde Esporles) stellten Besucher ihre Autos ab und machten sich zu Fuß auf den Weg nach Banyalbufar oder zum Port des Canonge. Einige legten dabei Strecken von mehr als sieben Kilometern zurück, darunter auch Menschen mit Krücken oder Kinderwagen.

Unglaublich, aber wahr: Mit Handtüchern reservieren Sonnenfinsternis-Freunde die besten Plätze in der Tramunta. / Joan Mora
Mietwagen ignorieren Verrbote
Auch auf anderen Straßen in der Tramuntana kam es zu problematischen Situationen. Menschen liefen teilweise mitten auf der Fahrbahn, während rund um das Hotel Continental bei Valldemossa zahlreiche Autos verbotswidrig abgestellt wurden. In Béns d’Avall (Gemeinde Sóller) ignorierten nach Angaben des Berichts zudem Dutzende Fahrer von Mietwagen ein Durchfahrtsverbot und fuhren trotz entsprechender Beschilderung weiter.
Andere Besucher hatten sich bereits frühzeitig Plätze entlang der Straßen gesichert. Rund 20 deutsche Urlauber hielten sich seit dem Morgen an der Straße Richtung Deià auf, spielten Karten und warteten auf die Sonnenfinsternis. Zwei Mallorquiner, Pol Capilla und Pau Martorell, passierten nach eigenen Angaben zwölf Minuten vor der Sperrung noch einen Kontrollpunkt und wollten das Ereignis von Llucalcari aus beobachten.

Redaktion MZ
Zwischen Llucalcari und dem Lochfelsen Sa Foradada bot sich entlang der gesperrten Straßen ein ungewöhnliches Bild: Menschen machten Picknick auf den Terrassenfeldern, andere hatten Stühle, Schwimmreifen, Teleskope und improvisierte Ausrüstung mitgebracht. Auch die Cala Banyalbufar war bereits am frühen Morgen stark besucht. Die Parkplätze dort sowie an der Cala Estellencs waren schon am Vortag vollständig belegt. Banyalbufar und Estellencs wurden wegen des hohen Verkehrsaufkommens weitgehend für Autos abgeriegelt.
An der Wohnsiedlung George Sand bei Valldemossa drängten sich ebenfalls zahlreiche Menschen. Später sorgten aufziehende Wolken für zusätzliche Unsicherheit darüber, ob die Sonnenfinsternis überhaupt gut zu sehen sein würde. Deutlich ruhiger blieb es dagegen in Puigpunyent und Bunyola.
Währenddessen herrscht auf der Dachterrasse des Hotels Indico Rock an der Playa de Palma entspannt-vorfreudige Stimmung bei Musik. Ein Eyecatcher am Pool war eine Gruppe mit Quietscheentchen-Hemden: eine Reisegruppe des Unternehmens CEX, das den Teilnehmern aus aller Welt den Eclipse-Urlaub gesponsert hatte. Die fünf packten spezielle Shirts mit Sonnenfinsternis- und Alien-Motiv aus, die sie unter die Enten-Garderobe zogen. „Dieses Erlebnis hier hat man nur einmal im Leben“, sagte Giorgia Rossi glücklich.

Quietscheentchen-Hemden: eine Reisegruppe des Unternehmens CEX, das den Teilnehmern aus aller Welt den Eclipse-Urlaub sponsert. / Brigitte Rohm
Die siebte Sonnenfinsternis
Am Strand von Santa Ponça stand kurz vor Beginn der Finsternis gemeinsam mit rund 3.000 anderen Neugierigen ein Deutscher, der extra für das Ereignis nach Mallorca gereist ist. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Bereits 1999 hatte er sich zu der Sonnenfinsternis frei genommen, stand aber im Stau von Nordrhein-Westfalen nach Hessen und verpasste deshalb und auch wegen des bewölkten Himmels das Ereignis. Deshalb habe er das noch einmal erleben müssen. „Meine Brille von damals habe ich wieder mitgebracht. Ich habe sie extra testen lassen, und sie ist noch bestens geeignet“, sagt er. Eigentlich wollte er die Sonnenfinsternis an der Playa de Palma beobachten, merkte dann aber, dass der Standort nicht optimal war und fuhr noch schnell noch mit dem Bus nach Santa Ponça. Von den öffentlichen Verkehrsmitteln zeigte er sich begeistert.

Guardia Civil
Auf dem Sportplatz von Pina, einem der offiziellen Beobachtungspunkte des Abends, kamen die Neugierigen nur sehr langsam dazu. Am Nachmittag verteilten sich rund 20 Menschen auf dem Areal und suchten Schatten. Der Ascheplatz wirkte nicht besonders einladend, die Leute hatten sich kleine Sitzgelegenheiten mitgebracht. Gegen 20 Uhr waren dann deutlich mehr als 200 Menschen auf dem Platz. Die Polizei hatte Absperrungen angebracht, die aber niemanden interessierten. Als die Finsternis bereits losgegangen war, schaute kaum jemand die Sonne an, die meisten plapperten eher herum. Wahrscheinlich überfordert die Dauer der SoFi die Aufmerksamkeitsspanne des Modernlings. Oder sie interessieren sich nur für die 90 Sekunden Dunkelheit, vermutete Thomas Fitzner vor Ort.

Picknick auf dem ehemaligen Fußballplatz in Pina. / Thomas Fitzner
An der Playa de Palma traf die MZ auf eine echte Hardcore-Sonnenfinsternis-Bewunderin. Jill Carter, 50, aus Cardiff in Südwales war nur für die Sonnenfinsternis nach Mallorca gekommen. Sie landete am Mittwochmorgen auf der Insel und fliegt bereits am Donnerstag wieder zurück. Für Carter war es bereits die siebte totale Sonnenfinsternis. Besonders beeindrucke sie der Moment der Totalität: Dann werde die Korona sichtbar, und genau dieser Anblick sei für sie „absolut wunderschön“.

Für die 50-jährige Jill Carter aus Wales ist es die siebte Sonnenfinsternis. / Brigitte Rohm
Mitgebracht an die Playa de Palma hatte sie zwei Kameras. Mit einer Weitwinkelaufnahme wollte sie versuchen, den über die Landschaft ziehenden Schatten festzuhalten, mit einer zweiten Kamera die Korona. Während der eigentlichen Totalität wollte sie aber vor allem selbst hinschauen: Die rund eineinhalb Minuten seien zu kostbar, um sie hinter der Kamera zu verbringen.
60.000 an der Playa de Palma
Insgesamt war an der Playa de Palma aber deutlich weniger los als erwartet. Kurz vor Beginn der Totalität hielten sich rund 60.000 Menschen dort auf – spürbar weniger als die rund 70.000 Besucher, auf die der Einsatz von Polizei, Rettungsdiensten und Stadt vorbereitet worden war. Auffällig stark genutzt wurde der öffentliche Nahverkehr: Mehr als 15.000 Menschen waren bis 19 Uhr mit Bussen der EMT an die Playa de Palma gefahren. Die Busse waren nahezu voll und im Abstand von etwa fünf Minuten unterwegs.

Lange Schlange an der Haltestelle der Shuttle-Busse "00 Eclipsi". / Brigitte Rohm
Die Menschenmengen, die nach Einbruch der Dunkelheit wieder nach Hause wollten, waren dann aber doch mancherorts ein wenig zu viel für die Infrastruktur auf der Insel. An einigen Orten kamen zu wenige Busse, wie etwa an der Playa de Palma. Für viele von ihnen dürfte es eine längere Nacht geworden sein. An der Haltestelle der Shuttlebusse „00 Eclipsi“ hatte sich eine Hunderte Meter lange Schlange gebildet. Das Versprechen der Stadt, dass die Busse im Fünf-Minuten-Takt fahren würden, bewahrheitete sich zumindest in der ersten Zeit nach Einbruch der Dunkelheit nicht, etwas später kamen die Busse dann zuverlässiger. Die Schlangen an den Taxiständen waren etwa in Santa Ponça lang – und auch auf den Straßen bildeten sich nach 22 Uhr die ersten Staus.

Carla Beltrán
Chaos am Flughafen
Bereits Stunden zuvor hatte die Sonnenfinsternis auch am Flughafen Son Sant Joan für einen turbulenten Tag gesorgt. Viele Urlauber und auch einige Residenten kamen deutlich früher als üblich an den Flughafen, weil sie befürchteten, wegen der angekündigten Verkehrsbeschränkungen ihren Flug zu verpassen.
Schon am Eingang des Terminals waren nahezu alle Sitzplätze belegt. Dutzende Reisende standen herum oder saßen auf dem Boden – noch bevor sie überhaupt die Sicherheitskontrollen passiert hatten. Zahlreiche Hotels, Transferdienste und Busunternehmen hatten ihren Kunden empfohlen, besonders früh zum Flughafen zu fahren.

Großer Anfrag: Passagiere im Abflugbereich am Flughafen Mallorca am Mittwoch (12.8.) / S.F.
Álvaro, der am Nachmittag nach A Coruña fliegen wollte, war bereits fünf Stunden vor Abflug vor Ort. Sein Hotel habe die Gäste zwei Tage zuvor über die Verkehrsbeschränkungen informiert und geraten, entsprechend viel Zeit einzuplanen. Noch früher war Henning aus Düsseldorf am Flughafen: Sein Flug sollte um 16 Uhr starten, der Bus hatte ihn bereits um 9 Uhr am Airport abgesetzt. Auch andere Reisende berichteten, dass ihre Transferunternehmen ihnen zu mehreren Stunden Vorlauf geraten hätten. Nicht alle Urlauber waren jedoch direkt informiert worden. Luka aus Frankfurt erklärte, sein Hotel habe keinen Hinweis gegeben. Erst andere Gäste hätten ihn auf mögliche Probleme aufmerksam gemacht. Daraufhin sei er sechs Stunden vor seinem Abflug zum Flughafen gefahren.
Deutlich ruhiger präsentierte sich der Ankunftsbereich des Flughafens. Unter den ankommenden Gästen befanden sich auch Urlauber, die eigens wegen der Sonnenfinsternis nach Mallorca gereist waren. Einige andere erfuhren allerdings erst nach ihrer Landung von dem Ereignis.
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