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90 Jahre nach der Schlacht von Mallorca: Das geschah wirklich während dieser blutigen Tage

90 Jahre nach der Landung republikanischer Milizionäre bei Porto Cristo ordnet eine neue Studie die Fakten dieses kurzen, aber dramatischen Kapitels des Spanischen Bürgerkriegs

Sie waren auf Mallorca gelandet, um die Insel von den Putschisten zurückzuerobern: Bewaffnete republikanische Militzsoldaten bei der Überquerung des Riuet de Porto Cristo am 16. August 1936

Sie waren auf Mallorca gelandet, um die Insel von den Putschisten zurückzuerobern: Bewaffnete republikanische Militzsoldaten bei der Überquerung des Riuet de Porto Cristo am 16. August 1936 / Archiv

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Frank Feldmeier

Frank Feldmeier

„Mich überkam eine tiefe Entmutigung, die sich nur sehr schwer ausdrücken lässt“, schreibt Alberto Bayo in seinen Memoiren. „Ich wünschte mir tausendmal, dass eine feindliche Bombe auf meinen Kopf fallen und mich in ein formloses Stück Blut verwandeln würde. Wozu wollte ich das Leben unter diesen traurigen Umständen überhaupt noch?“

Überraschungsmoment

Alberto Bayo war der Kommandant der republikanischen Truppen, die im Sommer 1936, kurz nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs, Mallorca von den Putschisten zurückerobern wollten. Mit den drastischen Sätzen beschreibt er nicht etwa den Moment der Niederlage. Vielmehr ist es die Reaktion auf ein Funktelegramm der legitimen republikanischen Regierung, das Bayo am 3. September erhielt.

Zu diesem Zeitpunkt waren die an der Ostküste Mallorcas gelandeten Milizionäre rund sechs Kilometer ins Inselinnere eingedrungen. Die Truppen von Bayo standen zwischen Porto Cristo und den Hügeln oberhalb von Son Servera. Sie bildeten eine 15 Kilometer lange Front, die nicht mehr weit entfernt von Manacor war. Die Milizionäre hatten bei der Landung das Überraschungsmoment zu nutzen gewusst, waren auf kaum Widerstand gestoßen, ihre Moral war hoch – und dennoch sollte die Landung zu einem beispiellosen Desaster werden.

Ausschwärmen in Gefechtspositionen im hügeligen Gelände bei Sa Coma.  |

Ausschwärmen in Gefechtspositionen im hügeligen Gelände bei Sa Coma. / Archiv

Systematische Repression

Mit dramatischen Folgen: Die gescheiterte Operation erwies sich nicht nur als vergebene militärische Chance im gerade erst ausgebrochenen Bürgerkrieg (1936–1939). Sie markiert auch den Beginn einer systematischen Repression auf der Insel. Mallorca wurde letztendlich zum möglicherweise kriegsentscheidenden Stützpunkt der Putschisten.

Was vor genau 90 Jahren passierte, als Bayo am 16. August mit seinen Leuten an der Ostküste anlandete, fasst eine neue Studie des Historikers Gonzalo Berger zusammen. Sie zeigt, wie viel Klärungsbedarf es auch heute noch gibt und wie widersprüchlich der Umgang mit der traumatischen Vergangenheit ist.

Der wissenschaftliche Blick auf die Landung wird erschwert durch die jahrzehntelange Propaganda der Franco-Diktatur. Speziell der Bericht des Militärpfarrers Mateu Nebot von 1936 war Quelle für historische Fake News, die wieder und wieder zitiert wurden und sich in den Köpfen festsetzten. Andererseits sind auch Memoiren von Protagonisten oder Hommagen an ermordete Franco-Opfer ideologisch gefärbt.

Das beginnt schon beim Begriff: Die „Landung von Bayo“ spiegelt die Insel-Perspektive der Aufständischen wider, die ja keinen illegitimen Angreifer abwehrten, sondern das Regime der Putschisten verteidigten. Auch der in Katalonien verwendete Begriff der „Mallorca-Expedition“ sei unglücklich, so Berger. Inzwischen sprechen Historiker neutral meist von der „Schlacht von Mallorca“.

Wie viele waren es wirklich?

Problematisch sind auch die Truppenstärken. Aus Franco-Perspektive wurde die Zahl der republikanischen Milizionäre übertrieben, um den militärischen Triumph zu unterstreichen. Die Studie von Berger kommt heute auf eine Gesamtzahl von 5.279, darunter 4.236 zivile Freiwillige, die sich in Volksmilizen organisierten. Der Rest waren Ordnungskräfte etwa der Guardia Civil sowie Angehörige des Infanterieregiments Nr. 37 aus Maó und der Kriegsmarine. Ausgebildete Soldaten machten nur sechs Prozent aus. „Die Einsatzkräfte trafen auf den Balearen im Laufe des Monats August gestaffelt ein“, so Berger. „Viele schlossen sich der Expedition erst an, als das Gros der Streitkräfte bereits auf Mallorca kämpfte.“

Mit erhobenen Fäusten: Mitglieder der Bayo-Expedition vor ihrer Ankunft auf Mallorca.  |

Mit erhobenen Fäusten: Mitglieder der Bayo-Expedition vor ihrer Ankunft auf Mallorca. / Archiv

Die Truppen der Aufständischen wiederum, die an die Manacor-Front geschickt wurden, beliefen sich auf 3.414 Kämpfer. „Die Reservekräfte waren weitaus größer, eine weitere Option war die Mobilisierung unter der Bevölkerung.“ Die Armeen verfügten damit über ähnliche Truppenstärken. Den entscheidenden Unterschied machten die Artilleriekapazität der Aufständischen und das Eingreifen der italienischen Luftwaffe ab 28. August aus. Insgesamt war es eine „ruhige Front mit geringer Feuerkraft und geringer Truppenkonzentration“.

Rühmten Franco-Chronisten den Kampfesmut sowie die Strategie der nationalen Truppen und beschrieben die republikanischen Milizen als unorganisierte Plünderer, gingen die Initiativen und die militärischen Erfolge bei genauerem Hinsehen größtenteils auf das Konto der republikanischen Truppen – trotz schlechterer Bewaffnung, fehlender Ausbildung und mangelnder Erfahrung. Historiker Berger hebt drei Faktoren hervor, die für den Kriegsverlauf entscheidend waren. Da wäre das Gelände: Die Höhenlagen erschwerten Offensiven und erleichterten die Verteidigung. Da wäre die prekäre Ausgangslage der Landungstruppen, die mit dem Meer im Rücken taktieren mussten. Und da wäre der Befehl an Bayo, sich möglichst zu verschanzen und kein Risiko einzugehen.

Plötzlich ging es ganz schnell

Vor allem aber war da jenes Funktelegramm an Bayo vom 3. September. Die republikanische Regierung machte darin nicht nur klar, dass sie trotz der verzweifelten Bitten des Kommandanten kein zusätzliches Kriegsgerät und keine Verstärkung nach Mallorca schicken würde – just, als sich die Intervention Italiens aufseiten der Putschisten bemerkbar machte. Die politische Führung befehligte darüber hinaus den sofortigen Rückzug, da die Truppen an anderen Fronten gebraucht würden. Wie wichtig freilich die Insel als Stützpunkt der italienischen Luftwaffe im weiteren Kriegsverlauf werden würde, ließ sich zumindest schon erahnen.

Glaubt man den Memoiren von Bayo, zog er zumindest in Erwägung, sich dem Befehl zu widersetzen. Doch dann ging alles ganz schnell. Der Kommandant ordnete die Einschiffung an, verheimlichte dabei das wahre Ziel vor den eigenen Leuten – offenbar aus Furcht vor einer Meuterei – und führte stattdessen einen angeblich geplanten Angriff auf Palma an.

Die überstürzte Einschiffung ging in der Nacht vonstatten. Große Mengen an Kriegsmaterial und Vorräten, die eigentlich dringend gebraucht wurden, blieben zurück. Als Verlust dokumentiert sind unter anderem zwei gepanzerte Lastwagen, vier Gebirgshaubitzen, acht Feldkanonen, acht Mörser, 24 Maschinengewehre, 2.709 konventionelle Gewehre, 320 Kisten Munition und 1.638 Handgranaten. Und auch Milizionäre blieben zurück: 39 von ihnen – darunter fünf Frauen – sowie sechs Soldaten wurden gefangen genommen und hingerichtet, wie zuvor die anderen Kriegsgefangenen.

Lange Liste der Toten

Die Angaben zu den Opfern schwanken. Berger kommt auf eine Zahl von 372 Toten – davon gelten 223 offiziell vermisst – und knapp 600 Verletzten im republikanischen Lager. Dass die Zahl mehr als drei mal so hoch war wie im nationalen Lager, ist nicht zuletzt mit der mangelnden Sanitätslogistik zu erklären. Und die Liste ist eigentlich noch viel länger: Die gescheiterte Landung entfesselte die Repression im Hinterland, wo die Aufständischen Hunderte Zivilisten inhaftierten und ermordeten.

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