Dieser fast vergessene Deutsche ebnete den Weg für Mallorcas berühmten Urlauber-Magneten Coves del Drach
Ein deutscher Leutnant a. D. vermaß als Erster die Coves del Drach. Dabei hatte es Friedrich Will im Jahr 1880 eigentlich nur auf die Insekten der Insel abgesehen

Die Drachenhöhlen sind heute eine der meistbesuchten Attraktionen auf Mallorca / Coves del Drach
Als Friedrich Will im Jahr 1880 nach Mallorca reiste, galt sein Interesse in erster Linie den Wasserkäfern, Nestkäfern, Schwarzkäfern, Laufkäfern oder Schwammkugelkäfern. Der passionierte Insektenkundler versprach sich von der Inselfauna nicht nur reiche Beute, sondern auch die ruhmreiche Entdeckung der einen oder anderen bislang unentdeckten Art. Es sollte anders kommen.
Weg für Urlauber-Magnet geebnet
Die damalige Mallorca-Expedition böte Stoff für das Drehbuch eines Historien-Abenteuers: Ein Leutnant außer Dienst reist auf die Mittelmeerinsel – Kulturclash garantiert –, wo er von einer schicksalhaften Begegnung in die nächste stolpert, dabei den exzentrischen Erzherzog Ludwig Salvator von Österreich-Toskana kennenlernt und praktisch nebenbei in der Drachenhöhle den Weg bereitet für die Erschließung einer der wichtigsten Besuchermagnete der Insel – ohne freilich das Finale je selbst zu sehen oder auch nur zu erahnen.
Das alles lässt sich aus der wohlformulierten Briefkorrespondenz eines Forschers lesen, von dem weder ein Geburtsdatum, noch ein Porträt überliefert sind. Im Detail aufgearbeitet hat die Briefe die Historikerin Brigitta Mader. Laut ihrer Veröffentlichung „Reiseskizzen von den Balearen – der Entomologe Friedrich Will und Erzherzog Ludwig Salvator“ hatte offenbar das Werk des Botanikers Moritz Willkomm das Interesse an Mallorca ausgelöst. Unterstützung fand der Leutnant a. D. bei namhaften Entomologen und dem Institut Linnaea in Frankfurt am Main.
Käferfreunde unter sich
Nach seiner Ankunft in Palma im Februar 1880 begann er sofort mit dem Sammeln von Insekten. Sein Erkundungsradius erweiterte sich, und eine Notiz im Fremdenbuch des Landguts Raixa bei Bunyola führte ihn zu Don Francisco Manuel de los Herreros Schwager. Der Direktor des Instituto Balear in Palma entpuppte sich als enger Vertrauter von Ludwig Salvator. So wurde Will schon bald seiner kaiserlichen Hoheit vorgestellt, „wohl einer der liebenwürdigsten und interessantesten Persönlichkeiten, die ich während meines bisherigen Lebens kennenlernte“.
Der Erzherzog, berühmt für sein siebenbändiges Monumentalwerk „Die Balearen in Wort und Bild“ über Flora, Fauna, Geologie, Kultur, Sprache, Bräuche und Geschichte der Inseln, hatte nach seiner ersten Ankunft auf Mallorca 1867 selbst eifrig Käfer dokumentiert und lud den Besucher auf sein Landgut Miramar bei Valldemossa ein. Hier lernte Will einen weiteren Insektensammler kennen, José Moragues, und schloss Freundschaft mit ihm. Auch von dem Mallorquiner wurde der Deutsche umgehend eingeladen, und zwar auf dessen Landgut Son Moro bei Manacor, wo sich eine Höhle befand – die Coves del Drach.
Der Besuch der Höhle im April 1880 im Schein der Petroleumlampe beeindruckte Will nachhaltig: „Eine eiserne Gitterthüre wurde sichtbar, und nachdem sie sich knarrend geöffnet, treten wir in die Vorhalle einer der größten bekannten Höhlen der Welt ein, wenigstens was deren noch lange nicht völlig erforschte Ausdehnung anlangt.“
Mit Kompass und Schilfrohr

Der erste Plan: Coves del Drach in „Die Balearen in Wort und Bild“ / Archiv
Obwohl sich kaum Insekten zeigten, weckte die Höhle das wissenschaftliche Interesse des Forschers. Auf eigene Initiative begann er tags darauf, den „Feenpalast“ zu vermessen, und zwar „mit einem einfachen Compass, Maasstab, Schnur und einigen Schilfrohren, jedes ca. 8 Meter lang“. Die Arbeit dauerte fünf Tage. Anschließend kam Will dem Wunsch des Erzherzogs nach, seine Ergebnisse in einem Höhlenplan festzuhalten, der in der zweiten Hälfte des fünften Bandes der Balearen-Prachtausgabe erscheinen sollte.
Der Entomologe blieb zwar als Autor unerwähnt, aber ein Vergleich mit dem Plan einer anderen Veröffentlichung, bei der Will sehr wohl genannt ist, lasse keine Zweifel zu, schreibt Historikerin Mader. „Ludwig Salvator hatte lediglich – offenbar aus Gründen einer möglichst authentischen Wiedergabe der ursprünglichen Benennungen einzelner Höhlenabschnitte, Gewässer und Tropfsteinfiguren – die ihm und seiner Mutter zu Ehren eingeführten Bezeichnungen Cueva de Luis Salvador und Lago de la Gran Duquesa de Toscana aus Wills Höhlenplan entfernt.“
Mit dem adligen Höhlenausflug begann auch die Öffnung für Besucher: „Aus diesem Anlass wurden die Säle mit 40 Lampen beleuchtet, und wenige Tage später – am 23. Mai – wurde die Höhle für öffentliche Besichtigungen eingeweiht“, schreiben die Höhlenforscher Joaquín und Angel Ginés in einem Fachbeitrag über die Coves del Drach. Man habe dafür die Wege genutzt, die für den Besuch des Erzherzogs hergerichtet worden waren.
Was bleibt von Friedrich Will?
Der Insektenforscher kehrte derweil mit rund 1.200 Käferarten nach Deutschland zurück. Sie sollten Will keinen Ruhm einbringen. Seinen Studien unter anderem zu den Laut- und Geschmacksorganen der Insekten werde in der modernen Entomologie keinerlei Bedeutung zugemessen, schreibt Mader. Vielmehr gelte Will als einer von vielen naturbegeisterten Sammlern.
Ganz anders die topografische Vermessung der Coves del Drach. Sie war nicht nur die erste ihrer Art, sondern sollte auch als Grundlage für die weitere wissenschaftliche Erforschung dienen. Zwar sei die Darstellung der Umrisse der Seen ziemlich fragwürdig, da diese miteinander verbunden wirkten, urteilen die Höhlenforscher Joaquín und Angel Ginés aus heutiger Sicht. Dennoch sei die Zeichnung einer großen Wassermasse jenseits des großen Sees gelungen.
Benannt ist dieser heute jedoch nach dem Franzosen Édouard-Alfred Martel. Der Begründer der modernen Speläologie erforschte die Höhle gemeinsam mit Louis Armand 16 Jahre nach Will. Ab den 1920ern wurden die Coves del Drach unter ihrem neuen Eigentümer Joan Servera Camps für große Besucherzahlen hergerichtet, ab den 1930ern dann spektakulär beleuchtet. Auch die Konzerte auf dem Martelsee begannen bereits.
Dass sich einmal Hunderttausende Besucher jährlich durch die Höhle schieben würden, konnte Will nicht ahnen. In einem Brief an den Erzherzog im September 1881 schreibt er lediglich allgemein von „günstigen Eindrücken“ von der Insel, die andere interessierte Gelehrte bekommen dürften, und „so wird es keineswegs schwer fallen, den Besuch der Inseln gewissermaßen zur Mode zu machen, auch ohne dass gerade elegante Gasthöfe und reich ausgestattete Cafés entstehen, im Gegenteil gerade die primitiven Einrichtungen wie sie auf Mallorca bestehen haben für die ächten Touristen ja einen ganz besonderen Reiz.“
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