Zum Hauptinhalt springenZum Seitenende springen

Mehr als 1.000 Tote in einem Ort: Was hinter Mallorcas verheerender Pest von 1820 steckte

In Son Servera überlebte nur ein Drittel der Bevölkerung – zwei Forscher entschlüsseln die Epidemie von 1820 anhand moderner statistischer Methoden

Die Rätsel der letzten Pest auf Mallorca.

Die Rätsel der letzten Pest auf Mallorca. / Ana B. Muñoz

Folgen Sie uns bereits?Marken Sie uns als bevorzugte Medien
Hinzufügen zu Google

Über Jahrzehnte hinweg wurde die Pestepidemie, die 1820 den Osten Mallorcas (Llevant) heimsuchte, hauptsächlich als Ausbruch der Beulenpest beschrieben. Mehr als zwei Jahrhunderte später haben zwei Forscher diese Epidemie mathematisch rekonstruiert und kommen zu dem Schluss, dass sie wesentlich komplexer war: Die hohe Sterblichkeit deutet darauf hin, dass auch die per Tröpfcheninfektion, also über die Luft übertragene Lungenpest und die per Körperflüssigkeit übertragene septikämische Pest eine sehr wichtige Rolle spielten.

Das Ausmaß der Tragödie war enorm. Die Pest erreichte Son Servera, Artà, Capdepera und Sant Llorenç des Cardassar und forderte 2.434 Todesopfer unter insgesamt 7.564 Einwohnern. Son Servera war die am schwersten betroffene Gemeinde: Von den damals 1.684 Einwohnern starben 1.040.

Dennoch griff die Krankheit nicht auf den übrigen Teil Mallorcas über. Die Behörden richteten drei Sanitätskordons ein, mit militärischer Präsenz und Bewegungseinschränkungen, und trennten später Erkrankte und gesunde Bevölkerung in verschiedenen Lagern.

Gute Arbeit der Behörden

Die mallorquinische Demografin Joana Maria Pujadas-Mora und der Statistikprofessor Pere Puig zeichnen für die Studie „The 1820 Mallorca Plague Was Not a Classic Bubonic Outbreak“ verantwortlich, die in der renommierten wissenschaftlichen Fachzeitschrift PNAS veröffentlicht wurde. „Die damaligen Behörden mussten sehr gute Arbeit geleistet haben, damit sich die Pest nicht weiter ausbreitete“, betont Pujadas-Mora. Ihrer Ansicht nach vermittelt diese Erfahrung eine Lehre, die bis heute Gültigkeit besitzt: „Die erste Lehre ist, vorbereitet zu sein und die öffentliche Gesundheit gut zu organisieren. Das hilft dabei, eine Epidemie aufzuhalten.“ Die Studie deutet darauf hin, dass Capdepera möglicherweise davon profitierte, dass die Epidemie dort später eintraf – zu einem Zeitpunkt, als bereits Erfahrungen mit ihrer Eindämmung vorlagen. Dadurch konnten Infizierte früher isoliert und die Übertragung begrenzt werden.

Die Untersuchung ermöglicht zudem eine Neubewertung einer weiteren historischen Darstellung. Obwohl die Pest von Marseille von 1720 lange Zeit als letzte große Pestepidemie Europas galt, kam es auch danach noch zu Ausbrüchen. Die Epidemie auf Mallorca von 1820 war eine der letzten großen Pestepidemien in Westeuropa.

Die Rätsel der letzten Pest auf Mallorca

Die Rätsel der letzten Pest auf Mallorca

Für ihre Schlussfolgerungen kombinierten die beiden Wissenschaftler historische Forschungen mit epidemiologischen Modellen und Bayesscher Statistik. Grundlage war eine außergewöhnliche Quelle: die täglichen Berichte der Gesundheitsbehörden, in denen Erkrankte, Verstorbene, Genesende und bereits Genesene erfasst wurden.

Sterblichkeit bei etwa 78 Prozent

„Diese Berichte zeigen eine für die damalige Zeit extreme Modernität“, erklärt Pujadas-Mora. Mitten im Jahr 1820 sammelten die Behörden täglich Daten, um den Verlauf der Krankheit zu verfolgen. Zwei Jahrhunderte später ermöglichen diese Aufzeichnungen, die Entwicklung der Epidemie mithilfe moderner statistischer Instrumente zu rekonstruieren.

Die Ergebnisse stellen die traditionelle Interpretation eines im Wesentlichen durch Beulenpest verursachten Ausbruchs infrage. In Son Servera und Capdepera lag die Sterblichkeit bei etwa 78 Prozent, ein für die Beulenpest sehr hoher Wert, der eher den unbehandelten anderen Formen entspricht.

Puig betont, dass sich aus den historischen Aufzeichnungen heute mithilfe statistischer Methoden Informationen gewinnen lassen, die damals nicht erfasst oder verstanden werden konnten: „Wir verfügen über tägliche Daten darüber, wie sich die Epidemie entwickelte, und konnten Modelle anwenden, die heute in der Epidemiologie eingesetzt werden.“

Abonnieren, um zu lesen

Tracking Pixel Contents