Nacktbaden auf Mallorca: Was aus der FKK-Kultur geworden ist
Ein Besuch an den FKK-Stränden der Insel zeigt: Urlauber, Handykameras und neue Regeln machen der Szene zu schaffen

Oben: Ein Nackedei geht baden.Mitte: Die Playa del Mago ist einer der bekanntesten FKK-Strände Mallorcas. / MEDINA/PERE MORELL
Ich hätte nicht damit gerechnet, mich als Journalist einmal buchstäblich nackt zu machen für eine Reportage. Aber so kam’s. Am FKK-Strand Playa del Mago in Calvià angekommen, zog ich mich schnell aus, saß dann aber erst einmal zehn Minuten wie versteinert und mit den Knien vor der Brust auf meinem Handtuch. Ich musterte die Menschen am Strand, suchte in den Fettröllchen, haarigen Torsos und der einen oder anderen operierten Brust den Mut. Dann stand ich auf, um meiner Frage nachzugehen: Wie viel FKK-Kultur gibt es auf Mallorca noch?
Die Playa del Mago war einer der ersten Nacktstrände der Insel. An einem Freitagnachmittag sind dort aber nur 30 bis 40 Prozent der Besucher nackt. Der durchschnittliche FKK-Anhänger: zwischen 45 und 60 Jahre alt und männlich. Und wie an vielen Stränden mehr Urlauber als Einheimische.
Anderes Selbstbild und Komplexe fallen lassen
Doch nur weil jemand nackt sei, sei er oder sie noch lange kein echter Anhänger der FKK-Kultur, findet Begoña. Die Katalanin geht seit rund 30 Jahren nackt baden. „Die haben ja alle den Bikinistreifen. Die machen sich nur im Urlaub nackt“, sagt sie. Anfangs sei es auch ihr schwergefallen, sich auszuziehen. Heute würde sie es jedem ans Herz legen. „Man baut eine ganz andere Beziehung zum Körper auf “, sagt sie. Ihr Mann David ergänzt: „Man verändert sein Selbstbild und lässt alle Komplexe fallen.“
Schlechte Erfahrungen machten die beiden vor allem mit Smartphone-Kameras. „Ich musste schon Menschen darauf aufmerksam machen, dass sie uns nicht fotografieren sollen“, erzählt David. Auch an der Playa del Mago weisen Schilder auf das Fotoverbot hin.
Mehr über den Wandel der FKK-Kultur können Xisca* und Tomeu* erzählen. Sie haben erst vor zwei Jahren mit dem Nacktbaden angefangen. „Wir haben uns gegenseitig ermutigt“, erzählt Xisca. Wenn möglich, gehen sie nur noch an FKK-Strände. „Es ist so bequem, man trocknet schnell und fühlt sich frei“, sagt Tomeu.
Gleichzeitig trauern die Mallorquiner den FKK-Stränden nach, wie sie einmal waren. Heute seien viele mit bekleideten Urlaubern überfüllt. „Wir waren vor ein paar Wochen in Es Caragol die einzigen Nackten“, erzählt Xisca. Dass selbst an Buchten wie Cala Varques kaum noch jemand nackt sei, findet sie schade. Doch früh am Morgen eroberten die nudistas ihre Buchten zurück: „An einem Morgen im Juni waren alle an der Playa del Mago nackt“, erinnert sich Tomeu.

Die einst als Geheimtipp gehandelte Hippie-Bucht Cala Varques an der Ostküste Mallorcas wird seit Jahren von Menschenmassen geradezu überrannt. Mittlerweile praktiziert dort kaum mehr einer FKK. / Obrador
Auch Jüngere sehe man hin und wieder. Sven aus Malta ist einer von ihnen. Der 24-Jährige steuert während seines Mallorca-Aufenthalts jeden Tag eine andere FKK-Bucht an. Mit 19 begann er, den einzigen und inoffiziellen FKK-Strand seiner Heimatinsel zu besuchen. „Dort sind alle um die 60“, erzählt er. Auch auf Mallorca habe er nur wenige Gleichaltrige nackt baden sehen.
Ist Nacktbaden überall legal?
„Eigentlich ist jeder Strand der Insel streng genommen ein FKK-Strand“, sagt Tomeu – und hat damit zum Teil recht. Denn durch die Ley Orgánica 5/1988 gibt es in Spanien kein generelles strafrechtliches Verbot des Nacktseins mehr. Nacktbaden ist grundsätzlich erlaubt, sofern dem keine andere Regelung entgegensteht.
Auf Mallorca gibt es allerdings Gemeinden, die die FKK-Kultur ausdrücklich einschränken. In Palma untersagt die seit 2025 geltende Bürgerverordnung vollständige Nacktheit im öffentlichen Raum. Verstöße können mit bis zu 750 Euro geahndet werden. Auch Sóller verbietet seit der am 2. Mai 2026 veröffentlichten Strandordnung „integralen Nudismus“. Für Verwirrung sorgte Ses Salines: Die Gemeinde veröffentlichte 2023 eine Strandordnung, die FKK zunächst ohne Einschränkung verbot. Zwei Tage später erklärte der damalige Bürgermeister, das Verbot gelte nur für die Strände Es Port und Cala Galiota.
Eine wenig organisierte Szene
Der spanische FKK-Verband verweist auf seiner Website auf zwölf Strände auf Mallorca. Doch einige der früher ruhigen Buchten sind längst keine Geheimtipps mehr. Soziale Medien und virale Videos bringen heute mehr bekleidete Urlauber an die Strände, die früher fast nur von Nacktbadern besucht wurden.
„Ich bin etwas enttäuscht von Mallorca“, sagt David. Der Katalane ist Mitglied eines FKK-Verbands auf dem Festland und lebt seit einigen Monaten auf der Insel. Eine wirkliche Community habe er hier nicht gefunden. Auch bei unserer Recherche zeigt sich: Organisiert scheint die Szene kaum zu sein. Einen aktiven FKK-Verband konnten wir nicht finden. In einer der wenigen Facebook-Gruppen wurden im vergangenen Jahr nur zwei Beiträge veröffentlicht – von Zugezogenen auf der Suche nach Gleichgesinnten. Andere Facebook-Seiten werden seit Jahren nicht mehr bespielt.
Auch beim FKK-Tourismus sieht es mau aus. Das Hotel Sa Punta de s’Estanyol im Nordosten Mallorcas bot ab 2013 textilfreien Urlaub an. 2018 wurde daraus das Hotel Es Blau des Nord – ein Hotel für bekleidete Gäste.
*Name von der Redaktion geändert
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