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Seit 20 Jahren gab es die Prüfung zum offiziellen Mallorca-Guide nicht – ich habe sie gewagt

Blitzpauken und viel Bürokratie: An der ersten Prüfung des Inselrates zum offiziellen Fremdenführer seit 20 Jahren hat auch MZ-Reporter Frank Feldmeier teilgenommen. Ein Erfahrungsbericht

MZ-Reporter Frank Feldmeier ist jetzt offizieller Mallorca-Guide

MZ-Reporter Frank Feldmeier ist jetzt offizieller Mallorca-Guide / Redaktion MZ

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Frank Feldmeier

Frank Feldmeier

30. Mai, Tourismusschule Felipe Moreno in Palma. An den Tischen im Innenhof gehen einige der knapp zwei Dutzend Prüflinge ein letztes Mal ihre Skripte durch. Auch ein Kamera-Team vom Regionalsender IB3 ist da, interviewt Kandidaten und filmt den Gang zum Prüfungsraum. Das Medieninteresse ist verständlich, erstmals seit 20 Jahren bietet Mallorcas Inselrat wieder die Prüfung zum zertifizierten Fremdenführer an. Dann müssen Handys und Smartwatches abgegeben werden. Ein dicker Prüfungsbogen wird ausgeteilt, auf den ersten Seiten wimmelt es nur so von geologischen Fachbegriffen. 100 Fragen in 100 Minuten – los geht’s.

Die Situation ist ein wenig absurd. Einerseits gibt es regelmäßig Schlagzeilen über nicht offiziell anerkannte guias piratas, die Jahreszahlen verdrehen, historischen Figuren Märchen andichten und populäre Irrtümer weitertransportieren. Mit einem Wust von Angeboten auf Portalen wie TripAdvisor und Airbnb sowie mit dem Phänomen der Free Walking Tours – Trinkgeld statt Gebühr – haben sich Kritik und Kontrollverlust verschärft.

Frank Feldmeier bei einer Führung in S'Arenal

Frank Feldmeier bei einer Führung in S'Arenal / Nele Bendgens

Andererseits ist der Titel nur schwer zu bekommen. Option eins: ein Tourismusstudium an Uni oder Fachhochschule auf Mallorca. Option zwei: Man bringt einen Titel aus dem EU-Ausland mit auf die Insel. Option drei: Man legt die – seit dem Jahr 2006 ausgesetzte – Prüfung des Inselrats ab. Manch einer wich für das Examen nach Menorca oder Ibiza aus. Aber auch auf den Nachbarinseln gab es zuletzt keine Ausschreibungen mehr.

Dann halt erst mal ohne Titel, sage ich mir – zumal mein zusammen mit Ingrid Flohr (kunst-touren-mallorca.com) gestartetes Projekt über die Ursprünge von Arenal, über Steinbrüche, Eisenbahn-Erbe und Bürgerkrieg ohnehin nicht vom balearischen Tourismusgesetz von 2015 erfasst ist. Es verlangt den Guide-Titel nur für Touren an Orten, die unter Denkmal- oder Naturschutz stehen. Speziell für Palmas Altstadt gelten strenge Regeln.

Das plötzliche Zeitfenster

Doch dann erscheint im balearischen Amtsblatt (BOIB) vom 9. Februar dieses Jahres Resolution Nummer 2725. Sie kündigt proves per a l’habilitació com a guia oficial de turisme für den 30. Mai an. Dazu gehören neben dem Nachweis von B2-Kenntnissen in Katalanisch und Spanisch sowie in zwei weiteren Sprachen auch eine mündliche Prüfung und ein schriftliches Examen über das Natur- und Kulturerbe Mallorcas.

Laut dem BOIB reicht der Lernstoff für die 100 Multiple-Choice-Fragen von der geologischen Entstehung der Insel vor Jahrmillionen über geschützte Tier- und Pflanzenarten bis hin zu den aktuellen Wasserproblemen. Hinzu kommt Wissen von der Talaiotzeit über römische, arabische und christliche Eroberer bis hin zur heutigen Populärkultur. In einer mündlichen Prüfung wird aus 15 Themengebieten eines ausgelost: Abgefragt werden könnte Palmas Kathedrale genauso wie die Pilgerstätte Lluc oder Mallorcas Weinkultur.

Statt mit dem Lernen zu beginnen, geht es erst mal an die Anmeldung. Es ist ein wenig so, als hätte ich den Termin erahnen müssen: Schnell müssen eine beglaubigte Übersetzung des deutschen Hochschulzeugnisses her, ein Spanisch-Zertifikat aus meinem Erasmus-Jahr in Salamanca von 2000 und eine Signatur zum Hochladen der Unterlagen.

Der Dämpfer kommt eine Woche später: Das Hochschulzeugnis brauche man in homologierter Form. Dumm nur, dass so etwas viele Monate dauert. Ein Beamter aus der Rechtsabteilung rät kurzerhand, ich solle in einem separaten Schreiben darauf verweisen, dass mein Zeugnis aus einem EU-Land stamme, dann passe das schon. Und er legt mir ans Herz, die Chance nicht verstreichen zu lassen – man wisse derzeit nicht, wann es wieder Prüfungen geben werde.

Ich beginne mit Blitzpauken. Doch wo beginnen? Eine Liste mit Prüfungsliteratur gibt es nicht. Die Recherche sei Teil der Vorbereitung, heißt es. Zum Glück ermutigen mich Freunde – der Stoff sei ja ohnehin nützliches Allgemeinwissen. Und ich merke schnell, dass ich in 20 Jahren als MZ-Reporter so einiges gelernt habe. Wenn nur die vielen Jahreszahlen nicht wären. Um meine Englischkenntnisse aufzufrischen, müssen zwei Treffen mit einem Freund aus den USA reichen.

Der Tag der Prüfung

Alle Prüfungen finden an einem Tag statt. Die geologischen Fachfragen zur Entstehung Mallorcas verlieren auf den zweiten Blick ihren Schrecken: Die falschen Antworten lassen sich erkennen, wenn man weiß, dass die Urgeschichte der Insel ohne Vulkane, Gletscher oder Dinosaurier auskam. In die Falle tappe ich beim Namen des Kopf- und Schultertuchs der Inseltracht: Es heißt tatsächlich rebosillo.

Im Mündlichen lässt mich die Prüferin zwischen drei per Los gezogenen Themen wählen. Ich entscheide mich für Sóller und schieße los, erzähle von der Industrialisierung, die mich ohnehin interessiert, von der Saftorange canoneta, die ich bei Reportagen geerntet und probiert habe, vom Modernisme-Architekten der Kirchenfassade, der mir bei einem Artikel über die Església Nova von Son Servera unterkam, auch vom deutschen Ingenieur, den ich über die GPS-Technik im Roten Blitz interviewte, oder von der Bahnlinie, deren 27 Kilometer ich beim Trailevent Camí de Ferro abgelaufen bin. Noch Fragen?

Zwei Wochen später erscheint mein Name im BOIB – ich habe bestanden, mit guter Note. Inzwischen habe ich auch den Ausweis abgeholt. Er wird bei der nächsten Arenal-Führung am 24. September um meinen Hals baumeln.

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