Mallorca Zeitung

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Im Elektro-Fischerboot vor Mallorca umherschippern: authentisch, nur ohne Lärm und Gestank

Llaüts sind die traditionellen Jollen der Fischer von Mallorca. Ein Start-up hat die Boote nun mit einem Elektromotor aufgepimpt und bietet Ausflüge rund um die Insel an. Die MZ ist einmal zugestiegen

Eine der Elektro-Llaüts vor der Kathedrale von Palma. MedVolt Marine

Gemächlich lenkt Guillem Nehring mit dem dunkelbraunen hölzernen Steuerruder das 7,70 Meter lange Boot „Silenci“ (Stille) vom Liegeplatz in die Hafenbucht von Palma. Beim Rückwärtsfahren ist noch ein leises Piepen zu hören. Sobald der Deutsch-Mallorquiner die llaüt aber mit dem Bug nach vorne richtet und beschleunigt, ist – Nomen est Omen – nur noch das Schreien der Möwen und das Plätschern der Wellen zu hören. Das Boot selbst gibt keine Töne von sich. „Wenn Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin damit rausfahren, müssen Sie sich gut verstehen und sich etwas zu erzählen haben“, sagt Alberto Vergés halb im Scherz, halb im Ernst.

Der Mallorquiner ist einer der Mitbegründer von MedVolt Marine, einer Firma, die ausschließlich elektrisch betriebene Llaüts – die traditionellen mallorquinischen Fischerboote – baut und vermarktet. Die MZ steigt auf und dreht eine Runde durch den Hafen. Für eine Fahrt aufs offene Meer hinaus ist der Wellengang an diesem Tag zu hoch.

Seit über 1.000 Jahren auf den Balearen im Einsatz

Alberto Vergés, der nach eigenen Angaben bereits von Kindesbeinen an mit den verschiedensten Bootstypen auf dem Meer unterwegs ist, entdeckte die Llaüt kurz nach Beginn der Corona-Pandemie als Geschäftsmodell neu. Der Marketing-Fachmann arbeitete mit seiner Agentur an einem Projekt zur Dekarbonisierung des Schiffsverkehrs. Die Idee, da selbst etwas vom Stapel zu lassen, lag nahe. Auch, dass es eine Llaüt werden sollte, stand schnell fest. „Die Boote sind klein und vergleichsweise leicht, man kommt mit einer Akkuladung recht weit. Außerdem sind sie sehr mallorquinisch.“ Bereits seit über 1.000 Jahren kommen die Jollen in den balearischen Gewässern zum Einsatz.

Alberto Vergés, einer der Initiatoren des Projekts. Nele Bendgens

„Der zweite Vorteil einer elektrischen Llaüt ist, dass der Antrieb nicht stinkt. Als Kind ist mir häufig schlecht geworden von dem widerlichen Diesel-Geruch“, sagt Vergés und schaut zufrieden in die Ferne. Nehring hält das Steuerruder, das Boot wackelt zumindest im Hafen so gut wie gar nicht.

Nachhaltige Materialien

Nachhaltig seien neben dem Antrieb auch die Materialien, aus denen die Boote von MedVolt Marine im Gewerbegebiet von Can Valero vor den Toren Palmas gebaut werden. Alles aus biologisch abbaubarem Material, sagt Vergés: das Holz für die Schale, das Segel, die Glasfaserkonstruktion. 15 Boote sind inzwischen fertiggestellt, theoretisch kann eines pro Monat gebaut werden. Zehn davon wurden verkauft, die anderen fünf stehen für Charterausflüge zur Verfügung, manche auch in der Obhut von Hotels. So sicherte sich das Fünf-Sterne-Hotel St. Regis Mardavall bereits 2021 eines der Boote und bietet seinen Gästen damit seither Touren an.

Vergés hatte schnell auch die Urlauber im Kopf, denen man ein solches Boot gut vermieten können würde. „Es ist doch viel origineller, mit so einer Llaüt mit vier, fünf Knoten auf dem Meer umherzuschippern als mit einer Motoryacht mit 300 PS“, sagt Vergés. Und eben nachhaltiger: Eine nächtliche Ladung an der herkömmlichen Steckdose im Hafen reiche, um das Boot komplett aufzuladen. Fahre man es mit vier Knoten, reiche das für einen zwölfstündigen Ausflug.

Die Teammitglieder (v. l.) Guillem Nehring, Alberto Vergés und Juanma Fernández. Nele Bendgens

Nicht ganz billig

So lange dauern die Touren allerdings nicht. „Nach sechs Stunden haben die Leute meistens genug. Wir bieten aber auch kürzere Fahrten an“, sagt Vergés. Ganz billig ist die „Stille“ nicht: Drei Stunden kosten 790 Euro, vier Stunden 950 Euro und sechs Stunden 1.250 Euro. Platz haben auf dem Boot sieben Personen, der Steuermann kommt noch hinzu. Die Ausflüge umfassen Stopps zum Schnorcheln, Stand-up-Paddle-Fahren und ein Picknick an Bord. Neben dem Hafen von Palma gibt es die Elektro-Llaüts auch in Port Adriano, Puerto Portals und Port d’Alcúdia.

Vergés sieht ein großes Geschäft am Horizont. „Mit den Niedrigemissionszonen, die die EU bis 2030 vorgibt, werden viel mehr Elektroboote benötigt. Andere Boote dürfen dann in manchen Häfen gar nicht mehr einfahren.“

www.medvoltmarine.com/de

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