"Für diese Stiefel geh ich meilenweit" - die Marke Tony Mora auf Mallorca setzt auf Maßanfertigung statt Massenware
Slow Fashion auf Mallorca: Die Traditionsmarke Tony Mora steht seit Jahrzehnten für hochwertige, handgefertigte Cowboystiefel. Ein Besuch in der Fabrik in Alaró

Ein Teil des Tony-Mora-Teams v. li. n. re.: Óscar Andrés, Carmen Liliana, Xisco Cardell, Miguel Llabrés, Carmen Hidalgo und Audrey Gairot. / Nele Bendgens
„Nicht die Amerikaner haben die Cowboystiefel erfunden, sondern wir Spanier! Denn schon die spanische Armee und die spanischen Freibeuter trugen hohe Stiefel bei der Conquista. Das waren sozusagen die Vorläufer der Cowboystiefel“, sagt Xisco Cardell sichtlich stolz. Der 34-jährige Mallorquiner hat mit seinem 39-jährigen Bruder Lorenzo die Schuhfabrik Tony Mora in Alaró in zweiter Generation übernommen. Ihr Vater Bartolomé Cardell arbeitete hier zuvor als Geschäftsführer.
Traditionsmarke mit über hundertjähriger Geschichte
Gegründet hatte das Unternehmen einst 1918 der Schuhfabrikant Antonio Mora. Er konzentrierte sich zunächst auf traditionelles, klassisches Schuhwerk. Ab 1960 begann man dann in der Vorgängerfabrik in Lloseta mit der Produktion von Cowboystiefeln für einen US-amerikanischen Hersteller. Die Gewinnspanne war groß: Die Firma der Familie Mora produzierte in Peseten und verkaufte in US-Dollars. Damals galt Spanien noch als Billiglohnland.

Verschiedene Damenmodelle im Fabrikladen. / Nele Bendgens
Nach dem Ende der Franco-Diktatur wanderten die US-Amerikaner mit ihrer Produktion weiter nach Indien. Die Familie Mora jedoch blieb bei der Herstellung von Cowboystiefeln. Mitte der Achtziger verkaufte sie die Marke mitsamt der Fabrik an Tolo Cardell. Einige der heutigen Maschinen stammen noch aus der ursprünglichen Produktion und funktionieren weiterhin – nach über 100 Jahren. Überhaupt arbeitet die Familie Cardell mit ihren nur acht Mitarbeitern ganz nach dem, was man heute als „Slow Fashion“ bezeichnen würde.
Der Familienbetrieb setzt auf „Slow Fashion“ und lebenslange Pflegegarantie
Ihre Kunden erhalten eine lebenslange Pflegegarantie auf das Produkt. Xisco Cardell zeigt beim Rundgang durch die Fabrik den bereits 60 Jahre alten Stiefel eines deutschen Kunden, der hier gerade wieder aufpoliert wird. Die Mitarbeiter fertigen alle Teile der Tony-Mora-Stiefel in Handarbeit an und nähen sie zusammen. „Wer genau auf die Nähte schaut, der kann das erkennen, denn ab und zu gibt es eine Unregelmäßigkeit, wenn der Arbeiter zum Beispiel mal eben hoch zur Uhr schaute“, sagt Xisco Cardell, während er durch die Halle führt. Er kann alle Produktionsschritte erklären, schließlich arbeitet er hier seit seinem 14. Lebensjahr mit.

Xisco Cardell zeigt einen aufwendig verarbeiteten Schaft. / Nele Bendgens / Nele Bendgens
Jeder Stiefel wird in Handarbeit zum Unikat
Auch sonst geht es in der Schuhfabrik in Alaró geruhsam zu. Anstatt wie erwartet auf ohrenbetäubenden Lärm zu treffen, stehen viele Maschinen still. Nur drei Personen sind heute in der Produktion tätig und arbeiten an verschiedenen Handgriffen der Stiefelproduktion. Da ist Carmen Liliana, die gerade Lederstücke für die Stiefelschächte zuschneidet. Je nach Design besteht ein Stiefelschacht aus unterschiedlich vielen Teilen. Als Basis gibt es immer die beiden Schaftseiten, die zusammengenäht werden. „Wir haben hierbei mindestens zwei Lederschichten, das Außenleder und das Innenleder. Bei Mustern verkompliziert sich die Herstellung. Dann werden mehrere Schichten übereinander geklebt und genäht“, erklärt Xisco Cardell.
Bequem bis in die Spitzen
Auch die Sohlen bestehen aus mehreren Schichten. Eine kleine, eingearbeitete Metallplatte in der Mitte, das cambrillón, sorgt dabei für die orthopädisch natürliche Wölbung des Fußes beim Gehen. „Ohne sie kann ein Schuh mit Absatz sehr unbequem sein. Aber so läuft man perfekt. Absätze sind für den Rücken nachgewiesenermaßen sogar besser als völlig flache Schuhe“, sagt Cardell. Die Innenseite der Sohle hat unter der Lederschicht eine Korkeinlage. „Das ist, was unsere Stiefel jeden Tag komfortabler macht: Die Sohle nimmt die Form des Fußes an und passt sich dem Gang an“, meint Cardell. Dass die Zehen bei Cowboystiefeln die Spitze mit ausfüllen und dadurch zusammengedrückt würden, sei hingegen ein vielfacher Irrglaube. „Vorne bleibt viel freier Raum“, sagt er.
„Das ist, was unsere Stiefel jeden Tag komfortabler macht: Die Sohle nimmt die Form des Fußes an und passt sich dem Gang an.“

Ein Herrenmodell mit einem Fußteil aus farbigem Pythonleder von Tony Mora. / Nele Bendgens
Maßanfertigungen für jeden Fuß und Geschmack
Die ganze Fabrikhalle steht voller Stiefel im Werden. Da sie handgefertigt sind, ist die Auswahl nicht schier unendlich. „Wir stellen etwa 50 Stiefel desselben Modells her, davon jeweils mehrere in den Standardgrößen. Das sind für Frauen die Größen 36 bis 42 und bei Männern die Größen 40 bis 47“, sagt Cardell.
Ein Paar Stiefel von Tony Mora kostet ab 300 Euro. Außer der jährlichen Standardkollektion sind auch Maßanfertigungen für Kunden mit Sondergrößen oder speziellen Wünschen möglich. Cardell zeigt die ausführlichen Bestellzettel von Kunden aus ganz Europa. Gut Ding will dabei Weile haben – die Herstellungszeit für Maßanfertigungen beträgt etwa zwölf Wochen. Große Lagerbestände für einen Onlineshop gibt es nicht. Alle Stiefel sind auf die fünf inselweiten Läden und ein weiteres Geschäft in Marbella verteilt und werden bei einer Bestellung von dort aus verschickt. Auch eine erste Filiale in Deutschland ist geplant, wo, darf aber noch nicht verraten werden.
Informationen
Tony Mora
Schuhfabrik und Store, Ctra. Alaró, km 4, Alaró
Mo. bis Fr. 10–19 Uhr, Sa. 10–14 Uhr
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