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Mallorcas ungeschriebener Dresscode: Was Urlauber besser nicht tragen sollten – und was richtig gut ankommt

Wie kleidet man sich richtig auf einer Insel, auf der jeder macht, was er möchte? Gibt es so etwas wie einen Dresscode? Eine kleine Annährung, um das Kofferpacken zu erleichtern

Urlauber in den Straßen von Palma.

Urlauber in den Straßen von Palma. / B. RAMON

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Patrick Schirmer Sastre

Patrick Schirmer Sastre

Kürzlich waren meine Tante und mein Onkel zum Mittagessen bei uns. Ein Sonntag im Sommer. Wahrscheinlich war Hitzewelle. Sie waren durchaus angemessen gekleidet für den Anlass, die Außentemperaturen und die Location. Er in Dunkelblau mit Poloshirt und Bermudas. Sie in einem roten, geblümten Sommerkleid. So kann man beim Patenkind ohne Weiteres vorstellig werden. Als wir saßen, sagte meine Tante plötzlich: „Schau mal, Miquel, wenn wir vor 25 Jahren bei Patrick zum Mittagessen gewesen wären, hätten wir uns richtig fein gemacht. Und jetzt erscheinen wir in diesem Aufzug.“

Auch wenn die Bedenken meiner Tante in dem Fall übertrieben waren: Mallorca ist heutzutage keine besonders elegante Insel. Die einzigen Männer – das ist nicht empirisch belegt, aber als These kaum anfechtbar –, die sich fast ohne Ausnahme stilvoll gekleidet durch Palma bewegen, sind die Pferdekutscher. Die Hitze im Sommer lädt den Rest der Bevölkerung kaum dazu ein, besonders auf Eleganz zu setzen. Und ein Großteil der Urlauber setzt beim Kofferpacken verständlicherweise eher auf Bequemlichkeit denn auf Stil.

Das ist nicht unbedingt eine schlechte Nachricht. Der amerikanische Soziologe Randall Collins schrieb einst, dass informelle Kleidung und Umgangsformen die zunehmende Gleichheit der Menschen zum Ausdruck bringt. Anders gesagt: Je demokratischer eine Gesellschaft, desto legerer ihre Bürger.

Mit langem Kleid in die Kirche

Meine Tante erzählt, wie sie in ihrer Kindheit – in dunkelster Franco-Diktatur – auch im Sommer mit langem Kleid und Schleier sonntags in der Kirche schwitzte. Einzig der Fächer brachte ein wenig Abkühlung. Heute hängt am Eingang der kleinen Kapelle in der Nähe ihres Heimatdorfes in der Inselmitte ein Schild, in dem die Besucher aufgefordert werden, doch bitte nicht oben ohne oder im Bikini hineinzutreten.

Viele Gotteshäuser haben mittlerweile solche Regeln aufgestellt, weil es anscheinend nicht anders geht. Die Kathedrale von Palma schreibt etwa vor, dass die Schultern bedeckt sein müssen und Röcke sowie Hosen mindestens bis zur Mitte der Oberschenkel reichen. Verboten sind zudem durchsichtige Kleidung, Badekleidung sowie bestimmte auffällige Kleidungsstücke oder Accessoires, die etwa zu Feiern getragen werden.

„Mallorca steht für einen mediterranen, entspannten und angenehmen Lebensstil. Das bedeutet aber nicht, dass die gesamte Insel wie ein Strand funktioniert“, sagt die Stilberaterin Xisca Bosch. Viele Urlauber machten den Fehler, Bequemlichkeit mit Nachlässigkeit gleichzusetzen. „Eleganz bedeutet auf Mallorca nicht, mehr anzuziehen, sondern sich besser anzuziehen.“ Entscheidend sei immer der Anlass.

Was der Anlass erfordert

Doch was der Anlass erfordert, ist für Außenstehende nicht immer leicht zu kalibrieren. Zum einen, weil es längst nicht nur die Urlauber sind, die sich nicht an vermeintliche Konventionen handeln. Ein mallorquinischer Schulleiter erzählte kürzlich, er sei schockiert gewesen, wie manche Gäste bei der Totenwache (tanatori) einer verstorbenen Kollegin erschienen seien. „Manche wirkten so, als würden sie eben vom Strand vorbeischauen.“

Zum anderen liegt das an den unterschiedlichen Kommunikationsformen der Mallorquiner und anderen Nationen, wie beispielsweise den Deutschen. Die Menschen hier sagen in der Regel nur sehr selten laut, wenn ihnen etwas nicht passt. Erst recht werden sie also kaum jemanden darauf ansprechen, wenn er nicht angemessen gekleidet ist.

Die Situation liefert die Antwort

Für Xisca Bosch gibt es nur eine Lösung: „Die Situation selbst liefert häufig die Antwort. Wer ein Restaurant, ein Museum oder eine Kultureinrichtung betritt und sieht, wie die anderen Gäste gekleidet sind, merkt normalerweise sehr schnell, ob das eigene Erscheinungsbild zur Umgebung passt.“ Zum Glück sei Mallorca eine sehr gastfreundliche Insel. „Niemand erwartet von Besuchern, jederzeit elegant gekleidet zu sein.“

Die Clubs der Insel etwa geben sich gerne locker, was den Dresscode angeht. Recardo Patrick vom Amøk in der Nähe der Playa de Palma erklärt: „Wir erwarten von unseren Gästen, dass sie sich so kleiden, dass sie sich wohlfühlen. Gleichzeitig sollte die Kleidung natürlich zum Erscheinungsbild des Clubs passen – also beispielsweise keine Baseballkappen.“ Was angemessen ist, hänge auch davon ab, welcher DJ oder Künstler auftritt beziehungsweise um welchen Abend es sich handelt, so Recardo Patrick.

Manu Sánchez, der künstlerische Leiter des Over Club in Palma, sieht das ähnlich. Es sei allgemein wichtiger, gepflegt zu sein, als ein bestimmtes Kleidungsstück oder gar eine Marke zu tragen.

Was geht und was geht nicht?

Wie soll man sich also anziehen auf einer Insel, auf der ohnehin anscheinend jeder macht, was er möchte und die Hinweise auf einen Dresscode kaum über „Es kommt halt drauf an“ hinausgehen? Xisca Bosch sagt, dass sich Urlauber beim Kofferpacken keine Sorgen machen müssen. „Mit wenigen, gut ausgewählten Kleidungsstücken kann man sich auf Mallorca nahezu jedem Anlass anpassen.“

Für Frauen dürfen „luftige Kleider aus Leinen oder Baumwolle, gut geschnittene Bermudashorts, ein Leinenhemd, flache Sandalen und Stoffschuhe nicht fehlen.“ Für Männer eigneten sich Bermudashorts aus Leinen oder Baumwolle – die auch beim Mittagessen in einem Restaurant am Meer getragen werden können. „Dazu eine lange Leinenhose oder leichte Chino sowie ein Leinenhemd oder ein hochwertiges Poloshirt. Zusammen mit Stoffschuhen oder Espadrilles ist man damit für praktisch jede Situation gerüstet.“

Wer außerdem neutrale Farben wie Weiß, Sand, Beige, Marineblau oder Olivgrün wählt, könne alle Kleidungsstücke miteinander kombinieren und zahlreiche Outfits zusammenstellen, ohne einen großen Koffer zu benötigen. „Das ist letztlich der Schlüssel zu stilvollem Reisen.“

Vermeiden sollten Männer Tanktops oder nackte Oberkörper außerhalb von Strand und Sport. Auch lässige Strandbekleidung für Altstadt, Museum, Konzert oder Abendessen sei tabu. Frauen empfiehlt Xisca Bosch ebenfalls, reine Strandbekleidung nicht in ein städtisches oder festliches Umfeld zu übertragen

Auffallen, aber richtig

Ich habe meine Tante gefragt, was sie denn anders gemacht hätte bei einem hypothetischen Mittagessen vor 25 Jahren. „Ich hätte mein Sommerkleid vielleicht tragen können. Aber dein Onkel hätte bestimmt eine lange Hose angezogen, dazu ein Hemd und geschlossene Schuhe. Eventuell sogar ein Jackett.“ Letztlich sei alles gar nicht so dramatisch. „Ich erwarte ja auch nicht von dir, dass du bei der Hitze eine lange Hose anziehst, wenn du zu mir kommst.“

Wann es angefangen habe, dass sich die Leute anders auf Mallorca kleiden, wisse sie nicht. Es sei ein schleichender Prozess gewesen. Zu strikten Dresscodes ihrer Kindheit im mallorquinischen Dorf möchte sie nicht mehr zurück. Aber sie sei doch erstaunt, wie manche Leute heutzutage einkaufen gehen. „Ich denke: Es ist immer noch besser, aufzufallen, weil man schick gekleidet ist, als weil man sonst wie daherkommt.“

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