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Wie die "Erfinder des Ballermanns" auch im Rentenalter noch Karneval an der Playa de Palma feiern

Seit über einem halben Jahrhundert feiert der FC Merowinger an der Playa de Palma Karneval. Man möchte fast sagen:bis zum Umfallen. Am Mittwoch war es wieder so weit

Die Merowinger an der Playa de Palma.

Die Merowinger an der Playa de Palma. / Ingo Wohlfeil

Ingo Wohlfeil

Ingo Wohlfeil

Vor 52 Jahren schlug erstmals auf Mallorca eine Thekentruppe aus Hobbyfußballern auf, deren Ruf heute Ballermann-Legende ist. Sie gelten als Erfinder der Kölschen Woche. Außerdem prägte ihre Neu-Wortschöpfung des spanischen „Balneario“ ganze Generationen von Urlaubern und machte aus der bis dahin recht verschlafenen Playa de Palma einen Ort, an dem sich heute die Geister scheiden. Am Mittwoch (18.9.) feierte der FC Merowinger im Restaurant Münchner Kindl seine mittlerweile 52. Karnevalsparty. Doch bereits vorher war die Truppe aus Köln verhaltensauffällig.

Es muss am Kölsch liegen

Merowinger-Karneval an der Play de Palma. / Ingo Wohlfeil

Werner Dive steht mit einer Büchse San Miguel an der Strandpromenade in einer Traube betagter Herrschaften und lächelt. Hinter dem 79-Jährigen weht eine große Fahne in den Farben Rot und Weiß im Wind. Darunter steht ein Rollator. Senioren mit vielen großen Tattoos auf Brust, Rücken und Bein (Motive Kölner Dom, FC-Köln-Wappen, FC-Maskottchen usw.) sitzen unter Sonnenschirmen und trinken Bier. Es läuft Karnevalsmusik in moderater Lautstärke.

Mülltonnen mit Bier gefüllt

Neben Werner Dive stehen zwei Mülltonnen an der Mauer. Beide sind prall gefüllt mit Bier. Die Tonnen sind geliehen. Eine kommt aus dem Hotel, dem Dunas Blancas, in dem die Merowinger seit 1972 absteigen. „Da kriegen wir immer Rabatt.“ Die andere Tonne stammt aus dem Strand-Kiosk, in dem der ehemalige Gastronom ein paar Hundert Büchsen Bier geordert hat. „Nicht ein Mal ist die Polizei gekommen“, sagt der Ehrenpräsident des FC Merowinger. Allerdings habe man auch Rücksicht auf die neuen Gepflogenheiten am Ballermann genommen und sich nach langer Diskussion erstmalig auf Bierdosen geeinigt statt auf Glasflaschen.

Als die Merowinger 1972 auf der Insel ankamen (mit der Airline Spantax), brachten sie gar ihr eigenes Bier mit. Zehn-Liter-Fässchen Kölsch im Handgepäck. Irgendwie schafften es die Burschen, den Zoll zu überzeugen, dass das völlig okay sei. Und so wurde in Arenal gefeiert wie in Köln. „Die Kellner damals haben bei allem mitgemacht: Wir haben geschunkelt und gesoffen.“ Heutzutage sei das Personal diesbezüglich nicht mehr ganz so offen, bedauert Werner Dive. Er war es, der damals Balneario nicht richtig aussprechen konnte. Also machte er daraus Ballermann. Dass sich Jahrzehnte später ein anderer die Markenrechte an dem Namen sicherte und damit viel Geld verdiente, scheint ihm egal. Hauptsache gesund und in der Lage, noch jede Menge Kölsch zu trinken. Darauf kommt es an.

Die Karnevalsfeier

Höhepunkt des Merowingischen Wirkens damals wie heute: die Karnevalsfeier. Vor Corona fand die immer im Stammhotel Dunas Blancas statt, aber die neuen Betreiber meinten, diese Gepflogenheiten seien anderen Gästen nicht mehr vermittelbar. Jetzt also seit drei Jahren im Münchner Kindl.

Kurz nach 11.11 Uhr. Bewölkter Himmel über Mallorca. Das Kindl platzt aus allen Nähten, Jung und Alt vermischen sich in feucht-fiebriger Erwartung dessen, was kommt. Annemie Herren, Schwester von Willi Herrren, wird als Sängerin angekündigt, ebenso Ramon, der singende Türsteher, der sich „Kölsche Kraat“ nennt, und Marita Köllner. Aus dem bayrischen Blau-Weiß wird kölsches Rot-Weiß. Für 40 Euro gibt es eine Kölsch-Flat-rate plus Schinkenplatte und Karnevalsstimmung. Einmarsch des FC Merowinger. Durch die Boxen schallt „Es war einmal ein treuer Husar“. Werner Dive führt den Zug singend an, in einem Regenbogen-Jackett und buntem Hut. Er ist Zirkusdirektor und Dompteur in einem. Die Merowinger sagen, er sei der Kitt, der die Truppe zusammenhält. Im Oktober wird Werner Dive 80 Jahre alt. Und er plant nicht nur seinen Geburtstag, sondern auch den nächsten Ausflug an seinen Ballermann. Vielleicht ist er das beste Beispiel dafür, dass Kölsch konserviert.

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