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"Erste deutsche schwarze Sängerin am Ballermann": Malin Brown hofft auf den großen Durchbruch auf Mallorca

In der Welt der Partyschlager haben die Sängerinnen meist blonde Haare und weiße Haut. Nicht so Malin Brown: Sie will beweisen, dass auch andere Typen von Deutschen erfolgreich sein können

Bislang noch die kleineren Hallen: Schlagersängerin Malin Brown bei einem Auftritt im Sauerland.

Bislang noch die kleineren Hallen: Schlagersängerin Malin Brown bei einem Auftritt im Sauerland. / Philipp Schulte

Philipp Schulte

Malin Brown läuft mit einem Rollkoffer durch das Flughafenterminal in Zadar, Kroatien, trägt eine riesige Sonnenbrille. Sie will nicht erkannt werden. Am Gate angekommen, hat sie die Sonnenbrille nun oben. Malin Brown geht zwischen den voll besetzten Reihen mit Wartenden entlang und hält ein Plakat hoch, auf dem sie zu sehen ist. Es ist von ihrem Auftritt hier an der Adria, der ein paar Stunden her ist. Das Plakat hat sie als Erinnerung mitgenommen, gleich steht der Heimflug an. Den am Gate Wartenden ruft Malin Brown zu: „Ja, ich bin’s, Malin Brown, ich bin’s, das bin ich.“ Sie lächelt, zeigt auf das Plakat. Doch die Augen der Wartenden bleiben auf den Handys. Malin Brown hat noch viel zu tun, um erkannt zu werden.

Die Szene am Flughafen ist auf einem Video zu sehen und ein paar Monate her; Malin Brown lacht in einem Videogespräch immer noch darüber. „Das war maximal unangenehm, was man nicht alles tut. Das war so witzig, das musste ich posten.“ Die Kommentare unter dem Video: mega, stark, sehr geil, da gehört viel Mut dazu, Lachtränen-Emojis.

Sechzig etablierte Sänger gehören zur Szene

Malin Brown sagt, sie könne sehr gut über sich selbst lachen. Auch über ihre schwarze Hautfarbe darf man Witze machen, „aber nicht den ganzen Tag“. Ihr Künstlername ist „Brown“, dahinter hat sie bei Instagram eine Schokoladentafel gesetzt. Sie, 33 Jahre alt, bezeichnet sich als erste deutsche schwarze Partyschlagersängerin.

Partyschlager, das hat nichts mit Helene Fischer, Andrea Berg und Roland Kaiser zu tun. Die singen Schlager, salonfähigen Schlager, geben Konzerte in Stadien und treten bei Florian Silbereisen auf. Ikke Hüftgold, Peter Wackel, Kreisligalegende und Ingo ohne Flamingo – das ist der mit der Entenmaske – füllen zwar auch Arenen. Sie tingeln aber über Dörfer, von denen sie noch nie etwas gehört haben. Die Partysänger treten auf Schützenfesten, Oktoberfest-Ablegern und Feuerwehrfesten auf. Im Sommer fliegen sie jede Woche nach Mallorca, um mitten in der Nacht am sogenannten „Ballermann“ zu singen. Zur Szene gehören sechzig etablierte Sänger.

Wer vom Mainstream abweicht, hat es schwer

Doch wie schafft man es, sich in diesem umkämpften Geschäft zu etablieren? Nicht ausgebuht zu werden auf Mallorca, in Donaueschingen und auf der Zeltkirmes in Alsfeld-Schwabenrod, organisiert von einer Burschenschaft. Man wisse nie, welche Leute einen erwarten, sagt Malin Brown.

Geschafft hat es, wer ständig für eine halbe Stunde auf Mallorca auftreten darf. Der Partyschlager hat in den Diskotheken Bierkönig und Megapark sowie in den Kneipen an der sogenannten Schinken- und Bierstraße seine Heimat. Lieder, die wie „Layla“ oder „Olivia“ in Deutschland womöglich als asozial und sexistisch gelten, werden dort umso lauter gegrölt. „Zigeunerschnitzel“ heißt hier noch „Zigeunerschnitzel“. Und Homo- oder Transsexuelle haben die Bühnen an der Platja de Palma noch nicht erobert. Im Gegenteil: Wer sich in dem Genre nicht authentisch gibt, vom Mainstream abweicht, hat es schwer. Manche sagen, man müsse ein „Proll“ sein, Männer wie Frauen.

Im Partyschlager ist die Frauenquote so niedrig wie in Dax-Konzernen oder in der CSU. Die Frauen, die erfolgreich sind, haben blonde Haare, weiße Hautfarbe und keinen Migrationshintergrund, Isi Glück und Mia Julia zum Beispiel. Doch Malin Brown will beweisen, dass auch andere Typen von Deutschen erfolgreich sein können. Das ist ihr Traum. Seit eineinhalb Jahren singt sie hauptberuflich, kam vergangenes Jahr auf 140 Auftritte. Sie lebt gut von der Gage, 1.900 Euro für eine halbe Stunde Auftritt. Zusätzlich erhält sie Reisekosten in Höhe von 650 Euro, abgezogen werden rund vierzig Prozent Provision für die Plattenfirma. Bleiben 1.200 Euro vor Steuern.

Sucht das Scheinwerferlicht: Die 33-Jährige vor einem Auftritt.

Sucht das Scheinwerferlicht: Die 33-Jährige vor einem Auftritt. / Philipp Schulte

WG-Zimmer auf Mallorca

Malin Brown ist im niederrheinischen Viersen geboren und wohnt in Krefeld. Auf Mallorca hat sie ein WG-Zimmer. Um ganz groß herauszukommen, fehlt ihr noch der durchschlagende Hit. Ihr bekanntestes Lied ist „Mannschaftsfahrt“. Sie singt es zusammen mit Julian Benz und Kreisligalegende. Der Song wird noch längst nicht so oft gehört wie „Schatzi schenk mir ein Foto“, „Ich schwanke noch“ oder „Bumsbar“. Als Tophit zählt ein Lied, das im Jahr 20 Millionen Aufrufe hat, allein auf Spotify.

Malin Brown schaute als Kind die Hitparade, ihre Oma hörte Andrea Berg. Doch salonfähigen Schlager zu machen, erschien ihr zu professionell, deswegen fing sie an, Partyschlager-Lieder zu schreiben. Sie schickte ihrer heutigen Plattenfirma 2019 einfach mal ein paar Texte – wollte aber nie auftreten. „Ich hätte nie gedacht, dass da etwas zurückkommt.“ Die Firma kannte Malin Brown da bereits aus Auftritten im Reality-Fernsehen, von „Take Me Out“ und „Beauty & The Nerd“. In Erinnerung blieb sie als „die mit den Sprüchen“. Ein paar Monate später unterschrieb sie ihren ersten Vertrag und hatte 2022 erste Auftritte. Wenig später kündigte sie ihren eigentlichen Job, bei dem sie im Außendienst Arztpraxen mit Wundversorgungsmaterial belieferte.

Rassistische Kommentare in sozialen Netzwerken

Malin Browns Vater stammt aus Ghana. Sie war ein Jahr alt, als er verschwand, lernte ihn nie kennen. Wie sehr sie das beschäftigt, geht auch aus einem im November veröffentlichten Lied hervor, dass so gar kein Partyschlager ist: „Vater“. Ihre Mutter ist Deutsche. „Es ist offensichtlich, dass ich schwarz bin. Da die Leute sich nicht trauen, das zu sagen, muss ich ihnen das vorwegnehmen.“ Keiner müsse ihr sagen: „Aber Malin, du bist doch karamellfarben. Nein, ich bin schwarz.“ Wenn sie über sich sagt, dass sie ein Schokobon sei, dürfe man ruhig mitlachen.

Doch es gibt Dinge, die sie nicht akzeptiert. Fünf rassistische Kommentare erhielt sie in den sozialen Netzwerken. Zwei davon hat sie zur Anzeige gebracht. Jemand schrieb: „Warum darf die Baumwollpflückerin überhaupt frei sein und ist nicht in Ketten gelegt?“ Und: „Ich mag dich nicht besonders wegen deiner Hautfarbe. Mal sehen, wie lange du noch singst.“ Dahinter stand ein Messer-Emoji. „Das war für mich eine Drohung, da bekomme ich Panik, nachher steht der hier vor der Tür.“ Auch als „Neger“ wurde sie schon bezeichnet.

Malin Brown will solche Kommentare thematisieren – im Dienste aller Menschen mit Migrationshintergrund. „Wenn man den ganzen Tag nur Blödsinn macht, kann man auch mal was Gutes tun.“ Dafür will sie ihre Reichweite auf Instagram und Tiktok, insgesamt mehr als eine Million Follower, nutzen. Einer der Kommentatoren konnte ausfindig gemacht werden und wollte sich entschuldigen. Die Anzeige blieb. „Da ziehe ich meinetwegen vor Gericht. Da soll er blechen. Ich hoffe, dass er zur Rechenschaft gezogen wird, damit ich es erzählen kann und es andere abschreckt.“ Das Geld will Malin Brown an ein Tierheim spenden. Sie selbst hat einen Chihuahua.

Bei Ikke Hüftgold unter Vertrag

Einer, der bei seinem ersten Auftritt auf Mallorca den Mittelfinger entgegengestreckt bekam, heißt Ikke Hüftgold. 2010 war das. Ikke Hüftgold antwortete: „Jetzt bitte alle Mittelfinger in die Luft.“ Schon bei seinem nächsten Auftritt begrüßten ihn alle mit dem Mittelfinger. Die Geste wurde zu einem „Zeichen der Liebe und Anerkennung zu meinen Fans“. Weitere Markenzeichen von Ikke Hüftgold sind der Trainingsanzug und die glatte Perücke.

Heute, fünfzehn Jahre später, verdient Ikke Hüftgold, mit bürgerlichem Namen Matthias Distel, 20.000 Euro für fünfundvierzig Minuten Show. Außerdem ist er Chef einer Künstleragentur und Plattenfirma, die zur Summerfield Group gehören. Das Unternehmen ist einer der großen Player in dem Geschäft, hat 14 Sänger unter Vertrag, für die es Lieder schreibt und Auftritte organisiert. Malin Brown gehört als eine von nur zwei Frauen dazu. Matthias Distel setzt bei ihr bewusst auf die Hautfarbe. „Sie sieht anders aus als der Ur-Deutsche. Das muss in unserer Gesellschaft etwas Normales sein. Es geht auch immer darum, das Publikum zu überraschen.“ Im Schlager schaffte es etwa Roberto Blanco („Ein bisschen Spaß muss sein“), als Schwarzer ein Star zu werden.

Klare Rollenverteilung am Ballermann

Matthias Distel, 48 Jahre alt, weiß, dass Partysänger viel Geduld, einen Hit und ein „ganz dickes Fell“ benötigen. Er ist froh, dass Malin Brown bei Auftritten noch nicht angefeindet worden sei. „Wenn sie jemand mit etwas beworfen hätte, wäre das eine Katastrophe.“ Okay, ein Pizzakarton flog mal, da sagte Malin Brown: „Hättest du mir doch was drin gelassen.“ Jeden dritten Auftritt befinde sich jemand im Publikum, der „keinen Bock auf dich hat“, sagt sie. Die Leute hätten auch schon gerufen: „Verpiss dich von der Bühne, du kannst nichts.“ Das ist vorbei, für dieses Jahr ist Malin Brown wieder gut gebucht.

Neben einer schwarzen Sängerin könnte sich Matthias Distel auch vorstellen, einen homo- oder transsexuellen Sänger aufzubauen. Und das, obwohl es bisher mehrere Versuche von einzelnen Sängern gab, die gescheitert sind. „Diese Leute sind unbedarft auf die Bühne gegangen, wurden ausgebuht und waren wieder weg.“ Matthias Distel erinnert sich an einen Auftritt einer Mitarbeiterin der Dragqueen Olivia Jones, der zum Fiasko wurde.

Dahinter stecke ein strukturelles Problem: „Ich sehe am Ballermann eine klare Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Frauen ziehen T-Shirts an, auf denen steht Dicke Titten Kartoffelsalat.“ In den Songs gehe es viel um Körperteile von Männern und Frauen, es herrsche satirischer Sexismus. „Im Partyschlager ist es wichtig, authentisch wahrgenommen zu werden.“ Er ist gespannt, wann es jemand aus der queeren Szene schafft, mit Erfolg auf der Bühne zu stehen.

Malin Brown will nach drei Jahren den Status als Neuling ablegen – und endlich am Flughafen erkannt werden.

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