Einmal noch ein Star sein: Generation Ü50 macht den Ballermann unsicher
DJ Uli, Koma Oma und Pia Sangria zeigen, dass es für eine neue Karriere gar nicht mal so viel braucht. Sie denken gar nicht in erster Linie ans Geld, sondern an ein neues Lebensgefühl

Koma Oma hat acht Enkel. / Privat
Wer einen Ballermann-Song hört, denkt sich oft: Das könnte ich doch auch. Döpdöpdöp als Melodie, gute Laune, ein wenig Rumhüpfen auf der Bühne und ein Text, der entweder Komasaufen über den grünen Klee lobt oder so schmalzig Mallorca besingt, dass sich selbst Rosamunde Pilcher ein wenig fremdschämen würde. Dass es für den Einstieg in das Partygeschäft zudem kein Alterslimit gibt, beweisen „DJ Uli“, „Koma Oma“ und „Pia Sangria“. Alle drei kamen eher zufällig auf den Geschmack und sonnen sich jetzt im Erfolg.
DJ Uli: die Hörner sind der Burner
DJ Uli heißt eigentlich Harald Ulsamer und kommt aus Ravensburg. „Mit 52 Jahren habe ich meinem Boss den legendären Satz gesagt: Statt länger in der Firma zu arbeiten, dann doch lieber DJ am Ballermann“, sagt der 72-Jährige, der das Wort „legendär“ genauso oft benutzt wie Barney Stinson in der Serie „How I Met Your Mother“. Er arbeitete als Bezirksleiter bei der Allianz-Versicherung. Mallorca kannte er nur aus dem Fernsehen. „Das Unternehmen schenkte mir eine Reise zum Abschied. Eigentlich wollte ich nach Kreta, dort gab es aber kein gescheites Hotel“, sagt er. 2010 war das. Von Friedrichshafen aus war die Mallorca-Anbindung günstig. „Das mit dem DJ war eigentlich nur Blödsinn, den ich mir ausgedacht hatte. Dann überlegte ich: Warum denn eigentlich nicht?“
Der Rentner zog in den Bierkönig. Schließlich war zu der Zeit auch Fußball-WM. „Das Ambiente hat mich sofort angesprochen.“ Harald Ulsamer ging auf DJ Düse zu, der zu dem Zeitpunkt für die Musik sorgte. „Ich fragte, ob ich ihm mal über die Schulter schauen kann.“ Er durfte, und der DJ stellte den Rentner auch im Ballermann-Künstlerkreis vor. „Da waren die ersten Kontakte geknüpft.“ Zurück in der Heimat versuchte sich der Ravensburger im Gärtnerverein selbst als Sänger. „Ich war schon immer ein Spaßvogel. Ich coverte Lieder der Tiroler Band Pfunds-Kerle.“
Vom Bierkönig zum Supertalent
Wie das Leben so spielt, befand sich ein Musikproduzent im Publikum, der den Rentner auf der Toilette ansprach und ermutigte, auf die DJ-Karriere zu setzen. 2013 nahm Ulsamer bei einem Newcomer-Contest im Bierkönig teil. „Ich war der Publikumsliebling und landete auf dem zweiten Platz“, sagt er. Erster wurde ein Michael Müller, der später unter seinem Künstlernamen Schürze mit „Layla“ einen Nummer-1-Hit landen sollte. Der Oldie hingegen schaffte über den Sprung ins Fernsehen den medialen Durchbruch. Nächste Station war die Castingshow „Supertalent“. „Ich war der erste Ballermann-Sänger dort. Gemeinsam mit Willi Wedel sangen wir ‚Scheiß drauf‘.“ Im Anschluss rief Ulsamer noch zur Polonaise mit Dieter Bohlen und Bruce Darnell auf. „Die ist bis heute legendär!“ Über die Jahre trat DJ Uli immer wieder mal im Bierkönig auf. „Wer hat die größten Hörner? DJ Uli ist der Burner“, singt er im bunten Party-Outfit.

DJ Uli auf Mallorca. / Privat
2018 wechselte er zur Konkurrenz und gewann im Megapark einen Newcomer-Wettbewerb. Dennoch blieb es auf der Insel bei sporadischen Auftritten. „In Deutschland bekomme ich ab und an Geld, wenn ich bei Hochzeiten oder Geburtstagen auftrete. Damit bezahle ich dann meine Mallorca-Reisen“, sagt er. Sprich seine Ballermann-Konzerte finanziert er aus eigener Tasche. „Ich mache es nicht für das Geld, sondern weil es mir Spaß macht.“ In der Familie ist die Meinung über den Party-Opa gespalten. „Mein Schwiegersohn mag die Musik gar nicht. Mein dreijähriger Enkel sagt aber immer: ‚Alexa, spiel DJ Uli.‘ Dann mache ich eine Polonaise mit ihm.“ Am 7. April wird der Rentner um 22 Uhr im Münchner Kindl auftreten und in seinen 73. Geburtstag hineinfeiern.
Pia Sangria: alkoholfreie Alkoholikerin
Wäre der Menorca-Urlaub vor zehn Jahren nicht so stinklangweilig gewesen, gebe es Pia Sangria heute wohl gar nicht. „Ich war mit einer Freundin und meinen Söhnen dort. Abends gab es keine Bar, in der man abhängen konnte“, erzählt Petra Nievelstein. Blöd, dabei hatte die Single-Mutter so lange für den Urlaub gespart. „Ich überlegte mit meiner Freundin, was wir tun können, um uns mehr Ferien leisten zu können. Für OnlyFans war ich zu alt. Warum denn nicht Ballermann-Star werden, dann bin ich auf Mallorca?“

Pia Sangria. / Privat
Um sich die Schnapsidee durch den Kopf gehen zu lassen, brauchte sie ein Getränk. „Alkohol trinke ich nicht. ‚Ich hol mir ne Cola‘, sagte ich zu meiner Freundin. Sie antwortete: ‚Bitte mit Bacardi‘.“ Es war die Geburtsstunde ihres ersten Ballermann-Songs. Noch am Abend schrieb sie den Text und dachte sich eine Melodie dazu aus. „Hola, hola, hol mir mal ne Cola. Am besten mit Bacardi, dann gehen wir auf ne Party.“ Das Projekt verschwand dann erst einmal in der Schublade. Bis eines Tages ihre vier Söhne die Mama baten, das Lied aufzunehmen. „Sie meinten, das sei der totale Ohrwurm.“ Petra Nievelstein ging zum örtlichen Tonstudio und stellte sich ehrlich vor. „Ich kann zwar absolut nicht singen, will aber einen Song aufnehmen.“ Das war im Februar 2024. Ballermann-Musik habe sie bis dahin nie gehört. Sie wäre auch nie auf eine Mallorca-Party gegangen, sagt sie. Als sie im Tonstudio fragte, ob sie denn mit dem Lied an der Playa auftreten könne, waren die Betreiber denn auch skeptisch.
Für ihre neue Musikkarriere brauchte sie noch einen Namen. „Pia war schon immer mein Spitzname. Colada war die erste Idee, der war an der Playa aber schon vergeben. Dann eben Sangria.“ Die 52-Jährige schickte ihre Aufnahme an einen befreundeten Radiomoderator, der sie prompt einlud, ihren Song in einer Sendung zu singen. Im Anschluss performte sie bei kleineren Events. Durch eine RTL-Reportage ergatterte sie landesweite Aufmerksamkeit.
Plötzlich mit Oliver Pocher auf der Bühne
Und dann kam Oliver Pocher. „Ich war mit meiner Schwiegertochter in seiner Show. Wir saßen in der letzten Reihe. Oli fragte, wer denn Tinder nutze und meine Schwiegertochter zeigte auf mich.“ Pocher holte Pia Sangria auf die Bühne und bat um ihr Smartphone. „Er schloss es an einen Bildschirm an und scrollte durch meine Apps. Ich zeigte ihm meine Aufnahme aus dem Tonstudio und performte die ‚Cola‘ live.“
Als dann im Mai noch ihr Heimat-Fußballclub Alemannia Aachen aufstieg und bekannt wurde, dass die Mannschaft nach jedem Sieg Pia Sangria hörte, war sie plötzlich berühmt. „Kreisligalegende fragte an, ob ich nicht das Cola-Lied mit ihm ein zweites Mal aufnehmen wolle. Wenig später wollte auch Lorenz Büffel, aber da waren die Verträge schon unterschrieben“, sagt Petra Nievelstein. Für den Videodreh reiste sie das erste Mal in ihrem Leben an den Ballermann. „Die Leute haben mich schon im Flieger erkannt und angefangen, mein Lied zu singen.“ Kreisligalegende lud sie ein, mit ihm im Bierkönig auf der Bühne zu stehen. Bammel vor einem so großen Publikum zu stehen? „Ich hatte noch nie Hemmungen.“
Mittlerweile wird Pia Sangria regelmäßig in Deutschland gebucht, im Oberbayern singt sie am 26. April um 23 Uhr zum Opening. „Ich verdiene damit schon ordentlich Geld.“ Ihren Job als Teamleiterin in einem Marketingunternehmen hat sie schon heruntergefahren. „Ich will aber noch abwarten, ob der Erfolg nur eine Phase ist oder ob ich komplett auf die Künstlerkarriere setzen kann“, sagt sie. Dafür will sie bald auch die ersten Gesangsstunden nehmen. „Besonders die Atmung ist schwierig. Ich habe zudem mit Sport angefangen, weil das Rumhüpfen auf der Bühne doch ziemlich viel Kondition braucht.“
Auf die „Cola“ folgte mittlerweile ein Hymne auf „Wodka-O“ und nun „Bierchen“. „Ich werde noch zur richtigen Alkoholikerin“, sagt sie. In den Dating-Apps hat sie übrigens ihr Profil gelöscht. „Obwohl ich noch Single bin. Ich will aber keinen Typen, der nur wegen meiner Bekanntheit mit mir zusammen ist.“
Koma Oma: mehr Enkel als Lieder
Die Geschichte der „Koma Oma“ Bianca Adolphs geht ähnlich. „Ich habe mein ganzes Leben gerne gesungen, obwohl meine Stimme nicht besonders ist. Beim Karaokespiel Singstar war ich aber immer vorne dabei“, sagt die 52-Jährige. Zum 50. Geburtstag schenkte ihr Mann ihr eine Aufnahme im Tonstudio, um sich mal als echte Sängerin zu fühlen. Der Gatte buchte Ballermann-Hitproduzent Oliver deVille. „Der bekommt so viele Anfragen von Möchtegern-Stars. Mich hat er nur angenommen, weil mein Mann geradeaus gesagt hat, dass ich nicht singen kann“, erzählt Bianca Adolphs. Die Schlagermusik der Playa de Palma war schon immer die Welt der achtfachen Oma („Im Alter von 25 war ich schon vierfache Mutter“), die als Piercerin in einem Tattoo-Studio arbeitete. „Ich war 15 Jahre lang Fußballtrainerin. Da liefen die Songs in der Kabine rauf und runter. Mein Mann findet die schrecklich“, sagt die 52-Jährige.

Koma Oma auf der Bühne. / Privat
Der Produzent lud die Aufnahme „Wenn wir feiern, gibt’s keinen Sandmann“ im September 2022 bei Youtube hoch. In der darauffolgenden Saison trat Bianca Adolphs erstmals in der MK Arena auf. Der Weg war kurz, die Koma Oma lebte zwei Jahre lang auf der Insel. „Nach dem ersten Song riefen die Zuschauer bereits ,Zugabe‘.“ Blöderweise hatte die selbsternannte Oldcomerin kein zweites Lied parat. „Ich hatte solches Herzrasen und war ehrlich gesagt auch froh, von der Bühne herunterzukommen.“
Videos der Oma mit den Rastalocken kursierten daraufhin im Internet. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Buchungsanfragen aus Deutschland kamen. „Mittlerweile singe ich jedes Wochenende in Deutschland auf Mallorca-Partys und alle zwei Monate auf der Insel“, sagt Adolphs. Das Haus in der Heimat bei Hennef ist bereits verkauft, die Ballermann-Sängerin will zurück an die Feiermeile ziehen. Finanziell reichen die Auftritte aber noch nicht zum Leben. Derzeit jobbt sie nebenbei in einem Restaurant, da das Tattoostudio bereits an ihre Kinder gegangen ist.
„Meinem 13-jährigen Enkel ist es mitunter peinlich, wenn er in der Schule ständig auf mich angesprochen wird. Aber meine Familie sieht, welchen Spaß ich habe, wenn ich vor 2.500 Zuschauern auftrete“, sagt Adolphs. Sie selbst ist stolz auf ihren Ruhm und ihren provokanten Namen. „Menschen laden meine Musik herunter und kaufen T-Shirts der Koma Oma. Das ist besonders, und ich liebe das einfach.“ Nach dem Softopening der MK Arena steht sie am 29. März das nächste Mal auf der Inselbühne (eine genaue Uhrzeit steht noch nicht fest). „Ich werde oft gefragt, ob ich mich für den Bierkönig oder Megapark entscheiden würde. Ich nehme den, der einer alten Frau wie mir die Plattform bietet.“
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