Mein größter Kulturschock: Wie mich Kindergeburtstage auf Mallorca das Gruseln lehrten
Wenn es um Kindergeburtstage geht, tun sich aus deutscher Perspektive bei Spaniern Abgründe auf. Doch wer Kinder hat, kommt um den Fiesta-Wahnsinn nicht ganz herum. MZ-Redakteurin Sophie Mono hat gemerkt: Irgendwann stumpft man ab...

Eine KI-generierte Aufnahme einer spanischen Kindergeburtstagsfeier. In echt geht es dabei noch viel wilder zu. / OpenartIA
Sechs Jahre, sechs Gäste. So lautete früher, bei uns im Sauerland, immer die goldene Geburtstagsregel. Es gab einen Kuchen mit Smarties und Kerzen, wir spielten Blindekuh, Topfschlagen und Verkleiden im Wohnzimmer meiner Eltern oder machten – bei gutem Wetter – eine Schnitzeljagd im Wald. Per Flaschendrehen wurden die Geschenke übergeben, zur Feier des Tages gab es neben Gemüsesticks auch Fanta und Backofenpommes, und nach drei Stunden wurden alle Gäste wieder nach Hause gebracht. Einfach, lustig, unvergesslich.
Konsumterror und Reizüberflutung
Rund 20 Jahre später, Februar 2016, in Porto Cristo: Der Lärm, der mir entgegenschlägt, als ich die Tür zum Chiquipark öffne, ist ohrenbetäubend. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen jener Spieleparks betrete, den Spanier für gewöhnlich für die Geburtstage ihrer Kinder mieten. Wir brauchen mehrere Minuten, bis wir in dem Gewusel aus Kindern, Plastikbällen, Eltern und Essen das Geburtstagskind entdecken – die Cousine meines Partners. Das verschwitzte Mädchen hat kaum einen Blick für uns. Erst als ihre Mutter sie zwingt, uns zu begrüßen, presst die Fünfjährige ein „Hola“ hervor, dann ist sie schon wieder auf einem der Trampoline verschwunden, auf denen Dutzende ihrer Freunde sich gerade eine Bälleschlacht liefern.
Derweil haben es sich die ebenfalls in Scharen gekommenen Eltern, Verwandten und sonstigen erwachsenen Gäste auf Plastikstühlen bequem gemacht. Auch sie langen kräftig zu, von Coca Mallorquina über Tortilla, bis hin zu jeglicher Art von Knabber- und Süßkram, Kuchen und Muffins. Alles in Massen vorhanden. Und natürlich kühles Bier.
Fasziniert sehe ich zu, wie kleine Geschwisterkinder im Gedränge verloren gehen und wie der helle Fliesenboden bald ein interessantes Muster festgetretener Essensreste aufweist, das sich auch in den Socken der Kinder manifestiert. Mit großen Augen beobachte ich, wie eine Angestellte des Lokals das Geburtstagskind auf einen Thron setzt, ihm eine „Frozen“-Verkleidung samt Krone verpasst – auch alle Plastikbecher, -teller, -tischdecken und -girlanden blieben an jenem Tag dem Motto des Disneyfilms treu – und dann voll aufgedreht die spanische Version von „Happy Birthday“ über die Lautsprecherboxen anmacht.
Als dem Geburtstagskind dann noch eine riesige „Frozen“-Torte vors Gesicht gehalten wird, und alle das Kind mit Sprechchören anfeuern, die Kerze auszupusten, bricht es zum wiederholten Mal an diesem Tag in Tränen aus. Die Hälfte der Geschenkemassen, die sich neben dem Thron in Tüten stapeln, macht die Kleine gar nicht auf. Ich gucke, staune und grusele mich. Reizüberflutung hat für mich in diesem Moment eine ganz neue Bedeutung bekommen. Und Konsumterror auch. Dabei dachte ich, dass ich nach Mallorca ausgewandert sei und nicht in die USA. Mein seither größter Kulturschock.
Mehr oder weniger unfreiwillig zum Profi geworden
Weitere neun Jahre später, im Jahr 2025: Heute kann mich (fast) nichts mehr schockieren. Ich bin – mehr oder weniger unfreiwillig – selbst Profi geworden, wenn es um spanische Kindergeburtstage geht. Mittlerweile habe ich zwei eigene Kinder. Phasenweise verbringen wir jedes Wochenende in einem Chiquipark, manchmal sogar den Samstag UND den Sonntag. Denn in der Klasse meines Erstgeborenen (er ist fünf) ist es üblich, immer alle 22 Kinder einzuladen. Auch seine Fußballfreunde stehen auf Massenpartys. Und dann sind da noch weitere Freunde, aus der Parallelklasse und dem Bekanntenkreis. 40 Geburtstagseinladungen pro Jahr sind keine Seltenheit – und das allein für meinen Großen.
Das pappige Essen, den schlechten Geruch und den Geräuschpegel im Chiquipark, wo gut und gerne um die 100 Leute zusammenkommen, nehme ich kaum noch wahr. Im Sommerhalbjahr finden die Feiern oft alternativ auf Spielplätzen statt, doch der Ablauf ist immer derselbe: Man geht hin, die Kinder spielen mal mehr, mal weniger friedlich, aber immer schweißtreibend wild auf hinter Netzen gesicherten Trampolins und in Bällebädern (indoor) oder verteilen sich über den Spielplatz (outdoor), stopfen sich am Buffet ungebremst mit Süßkram voll und schreien aus vollem Hals „que los abra“, wenn es Zeit ist, die Geschenke auszupacken. Mit etwas Glück gibt es auch noch eine Piñata (eine bunte Kiste, auf die die Kinder mit einem Stock schlagen, bis Süßigkeiten herausfallen), in ganz besonderen Fällen sogar einen gebuchten Animationsact à la Disneyland. Nachdem die Torte besungen, verteilt und vertilgt wurde, darf man gehen. Damit der Zuckerpegel auch noch auf dem Rückweg gehalten werden kann, bekommt man beim Abschied eine Süßigkeitentüte in die Hand gedrückt.
Mit der Zeit stumpft man ab. Einmal rief mich eine Freundin aus Deutschland auf dem Handy an, während ich in einem Chiquipark saß – sie war schier entsetzt von der Lautstärke um mich herum. Ähnlich wie meine Eltern, als sie das erste Mal eine der Supersausen mitbekamen. „Ach, die Deutschen“, denke ich dann – und frage mich, wie ich es eigentlich finden soll, dass ich mich schon so an die hiesigen Gepflogenheiten gewöhnt habe. Und auch, warum ich überhaupt mitmache bei diesem Zirkus, der zudem richtig ins Geld geht. Denn tief in mir drin lehne ich ihn noch immer genauso ab wie damals in Porto Cristo.
Schluss mit dem Fiesta-Zwang? Vielleicht
Die Antwort ist einfach: Weil ich als Erstlingsmutter anfangs nicht wollte, dass mein Großer sich ausgeschlossen fühlt. Weil ich mich selbst nicht ausschließen wollte. Weil da ja auch noch der spanische Vater und meine spanische Schwiegerfamilie sind, die reinreden. Und vor allem, weil ich oft das Gefühl hatte, dass mein Sohn Spaß am bunten Treiben hat – trotz allem.
Aber man wird reifer, standhafter. Bei meinem zweiten Sohn will ich mich nicht mitreißen lassen vom spanischen Fiesta-Zwang. Das habe ich zumindest fest vor. Seinen zweiten Geburtstag feiern wir in wenigen Wochen im ganz kleinen Kreis bei uns im Garten.
Und auch mein Großer scheint seinen Enthusiasmus für Massenevents langsam zu überwinden. Das scheint typisch zu sein: Ich habe mir sagen lassen, dass in Spanien bei steigendem Alter des Kindes die Anzahl der Gäste sinkt. Auch eine Herangehensweise. Im fortschreitenden Grundschulalter endet die Chiquipark-Zeit.
Vielleicht ist mein Sohn seiner Zeit voraus. Einige Einladungen haben wir in den vergangenen Monaten bereits ausgeschlagen, weil er keine Lust hatte, hinzugehen. Und seinen sechsten Geburtstag werden wir auf seinen Wunsch hin nicht in Spanien feiern, sondern bei Oma und Opa in Deutschland. Ohne Gäste und Riesentorte, dafür mit Schnitzeljagd im Wald und Blindekuh im Wohnzimmer. Mag sein, dass er sich das wegen meiner Erzählungen cooler vorstellt, als es ist – und dass er sich letztlich langweilt. Aber es liegen ja noch genug Jahre vor uns, in denen wir wieder richtig fiesta machen können – wenn’s denn sein muss.
Abonnieren, um zu lesen
- Reifen bei der Landung verloren: Flugzeug blockiert Landebahn am Flughafen Mallorca
- Wird in diesen Restaurants im Norden Mallorcas gezielt Urlauberabzocke betrieben?
- Spontan Warnstufe Gelb ausgegeben: Das Wetter auf Mallorca wird nochmal ungemütlich
- Mallorca vor dem Feiertags-Marathon: So wappnet sich Cala Ratjada vor Saufurlaubern
- Die große Übersicht über die verschiedenen Gemeinden: So viel kosten 2026 die Strandliegen und Sonnenschirme auf Mallorca
- Nach dem Regenguss auf Mallorca: Jetzt startet der Frühsommer
- So einfach kann man in den meisten Mallorca-Gemeinden jetzt ein Taxi per WhatsApp bestellen
- Feueralarm um 3.15 Uhr morgens: 110 Mallorca-Urlauber aus Hotel in Sicherheit gebracht
