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Noch größer und eindrucksvoller: Passionsspiele in Felanitx trumpfen zum Jubiläum auf

Die Passionsspiele in Felanitx gelten als die sehenswertesten Mallorcas. Zur 50. Ausgabe des „Davallament“ soll nun alles noch imposanter werden. Schon der Besuch der Proben im Vorfeld lohnt sich

Leiden am Kreuz: Jesus-Darsteller Carles Oliver während der Probe am vergangenen Freitag (4.4.).

Leiden am Kreuz: Jesus-Darsteller Carles Oliver während der Probe am vergangenen Freitag (4.4.). / Nele Bendgens

Sophie Mono

Sophie Mono

Peng, peng. Die Hammerschläge sind kurz, doch sie gehen durch Mark und Bein. Metall trifft auf Metall. „Kürzer, prägnanter“, befiehlt Marta Obrador. Peng, peng. Zwei Schläge an der linken Hand, zwei Schläge an der rechten Hand, zwei Schläge an den zusammengedrückten Füßen. Dann Stille. Marta Obrador nickt. Fast andächtig schauen alle nach oben zum Gekreuzigten. Die Kirchenfassade hinter ihm glüht in der Abendsonne. Der Kontrast zum dunklen Holzkreuz wirkt grotesk. Der Mann, der daran hängt, hat die Augen geschlossen. Sein Kopf sinkt auf die Brust. Als die Wachen später mit Leitern zu ihm hinaufklettern, ihn langsam vom Kreuz nehmen und dann fast zärtlich zu Boden gleiten lassen, ist er bereits tot.

160 Statisten

„Gut“, sagt Joan Toni Sunyer, der neben Marta Obrador getreten ist. Die beiden Regisseure wirken zufrieden. Llorenç Vadell, der Organisator, kommt hinzu: „Jetzt machen wir eine Pause und gegen 20.30 Uhr dann einen kompletten Durchlauf“, sagt er. Es ist Freitagabend (4.4.), etwa 19.30 Uhr, und noch sind es nur gut ein Dutzend Menschen, die sich vor der Sant-Miquel-Kirche im Zentrum von Felanitx zusammengefunden haben, um die wohl eindrucksvollsten Passionsspiele Mallorcas zu proben. „Gleich werden wir hier gut 160 Leute sein“, prophezeit Llorenç Vadell.

Leiden am Kreuz: Jesus-Darsteller Carles Oliver während der Probe am vergangenen Freitag (4.4.).    | FOTOS: NELE BENDGENS

Rund 160 Leute wirken in diesem Jahr am Davallament mit / Nele Bendgens

Seit vielen Jahren ist er für die Organisation des Spektakels verantwortlich, das 1975 erstmals im Freien vor der Kirche aufgeführt wurde. Im Laufe der Jahrzehnte hat es sich zu einem Passionsspiel entwickelt, das vor allem die Dorfbewohner mit Inbrunst erleben. „Dieses Jahr haben sich so viele Menschen gemeldet, die als Schauspieler und Komparsen dabei sein wollen, dass wir eine Warteliste aufstellen mussten“, sagt Vadell. Nicht, dass die Bewohner von Felanitx religiöser seien als die in anderen Orten der Insel. Es sei vielmehr lokales Brauchtum, das sich hier manifestiere , erklärt der Organisator. „Es hat weniger mit Religion zu tun als mit Heimatgefühl, Kultur und Tradition. Ähnlich wie in anderen Orten zu Sant Antoni.“

Jedes Jahr Menschenmassen

„Davallament“ nennen die Mallorquiner diese Passionsspiele. Davallament, das bedeutet Kreuzabnahme. Carles Oliver ist jedes Mal froh, wenn er endlich vom Kreuz gelassen wird. Auch im vergangenen Jahr spielte der 31-Jährige den Jesus. Für ihn gehört das Davallament seit Kindheitstagen zur Karwoche in seinem Heimatstädtchen dazu. Dass er selbst die Hauptrolle innehat, ist für ihn eine Ehre, erfordert aber auch Mut. „Es ist ganz schön hoch, da oben zu hängen“, sagt der Mallorquiner und deutet auf das Holzkreuz an der Kirche. Angst habe er aber nicht. „Ich vertraue der Gruppe blind.“

Rund 160 Menschen nehmen in diesem Jahr an den Passionsspielen in Felanitx teil. Viele von ihnen sind Jugendliche oder junge Erwachsene.  | FOTO: SIERRA

Das letzte Abendmahl. Erstmals bricht Jesus beim Davallament in Felanitx abseits des Kirchgeländes das Brot. / Nele Bendgens

So beschaulich Felanitx sich an diesem Probenabend zeigt, so voll wird es bei der Aufführung am Karfreitag. „Dann stehen die Menschen dicht an dicht, um sich das Davallament anzuschauen“, berichtet Carles Oliver. Sitzplätze und Anweiser gebe es nicht, wer zuerst kommt, steht vorne. Wer Platzangst hat, bleibt besser fern. Ein echter Schauspieler ist Carles Oliver nicht. „Das sind wir alle nicht“, sagt der Jesus-Darsteller mit Blick auf die Komparsen, die sich nun nach und nach zur Probe auf den Kirchenstufen versammeln.

Hohe Erwartungen

Nur die zwei Regisseure sind Profis. „Dieses Jahr inszenieren sie vieles anders. Sie haben hohe Erwartungen geweckt. Hoffentlich nicht zu hohe“, sagt Oliver und grinst schief. Größer, gewaltiger, imposanter als je zuvor soll es werden, dieses Mal, zur 50. Ausgabe der Kreuzabnahme in Felanitx. Die Inszenierung hat es in sich. Auf einem Klapptisch am Fuß der steilen Treppe haben sich die Regisseure über einen Laptop gebeugt. Von hier aus steuern sie den Sound – einen elementaren Bestandteil der diesjährigen Aufführung. Riesige Boxen sind aufgebaut, sie beschallen den ganzen Platz.

So sah das Resultat bei einer vergangenen Ausgabe aus.  |

Keine Gnade: Peitschenhiebe für den Heiland. / Nele Bendgens

„Wir wollen, dass es dieses Mal etwas ganz Besonderes wird“, bestätigt Marta Obrador, die sich kurz losreißen kann, um mit der MZ zu reden. Die 39-Jährige stammt selbst aus Felanitx, Regisseur-Kollege Joan Toni Sunyer aus der Nachbargemeinde Manacor. Beide hatten in den vergangenen Jahren abwechselnd die künstlerische Leitung des Davallament in Felanitx inne. Für die Jubiläumsausgabe agieren sie nun erstmals im Team. „Anders wäre es kaum möglich, die Masse an Darstellern zu koordinieren“, so Obrador.

Eigener Soundtrack

Die bedeutendste Neuheit in diesem Jahr: „Zum ersten Mal wird es für jede Szene einen anderen Schauplatz geben, über den gesamten Platz verteilt und nicht nur direkt vor der Kirche“, erklärt Obrador. Mal vor dem alten Brunnen an der Plaça Font de Santa Margalida gegenüber der Kirche, mal an der Straßenecke Carrer Major/Carrer Jaume I, mal auf dem Balkon eines angrenzenden Hauses werden die letzten Stunden vor Christis Ableben nachgestellt. Deshalb sei die Rolle des Jesus diesmal an drei junge Männer verteilt worden, die sich abwechseln. „Nur so können wir schnell von einem zum anderen Standort switchen“, sagt die Regisseurin.

Gut festmachen: Kreuzigung will geübt sein. |

Gut festmachen: Kreuzigung will geübt sein. / Nele Bendgens

Vor allem aber: Alles dreht sich dieses Jahr um die Musik. „Sonst haben wir immer auf bereits existierende Werke bekannter Komponisten gesetzt, um alles zu untermalen. Diesmal wurde extra ein Soundtrack für uns komponiert“, so Obrador. „Das ist natürlich toll, aber es erschwert die Koordination. Alles ist auf die Musik abgestimmt.“ Wenn etwas schiefläuft, gerät das gesamte Stück aus den Fugen.

Es ist fast 21 Uhr, als Joan Toni Sunyer per Mikrofon die Anwesenden begrüßt. Mittlerweile ist es dunkel geworden. Obwohl es nur eine Probe ist, liegt ein wenig Aufregung in der Luft. Tatsächlich sind mehr als 100 Menschen gekommen, die als Statisten mitspielen. Viele von ihnen sind erstaunlich jung. „Klar machen wir mit, wir sind doch von hier, das ist cool“, raunt eine Teenagerin, die eine Bewohnerin Jerusalems darstellt, der MZ zu.

Schnelle Schnittfolge

Als die ersten Töne der Musik über den Platz schallen, geht sie schnell in Stellung. Schon in der ersten Szene sind die Statisten gefragt: Palmdonnerstag, alle huldigen Jesus, der aus der Kirche tritt und die Stufen hinuntersteigt. Schnitt. Jesus steht gemeinsam mit seinen Jüngern hinter einer langen Tafel und bricht zum letzten Mal das Brot. Schnitt. Oben auf den Treppenstufen kassiert Judas 30 Silberlinge und tütet damit den Verrat an Jesus ein.

Die Regisseure Joan Toni Sunyer und Marta Obrador.

Das Resultat mit Verkleidungen in einer der vorherigen Ausgaben / Sierra

Und so geht es weiter. Eine Szene folgt auf die nächste, die monumentale Musik erzeugt Gänsehaut und treibt die Handlung voran. Die darauf abgestimmte Tonaufnahme der Erzähler ist im Vergleich zum Originalwortlaut der Bibel erfrischend sarkastisch. Doch auch, wer kein Mallorquinisch versteht, wird von dem Geräuscherlebnis gefesselt. Schnell vergisst man, dass die Schauspieler in dieser Probe noch gar keine Kostüme tragen, dass man sich mitten auf Mallorca befindet und nicht im Nahen Osten und dass die Peitschenhiebe, die auf Jesus herunterprasseln, nicht echt sind. Man leidet mit, als er unter der Last des Kreuzes fast zusammenbricht und als das Volk, das ihn zuvor noch bejubelte, im Blutrausch auf seine Kreuzigung besteht.

„Wow“, sagt eine deutsche Passantin, die eigentlich nur eine kurze Abendrunde mit dem Hund drehen wollte, dann aber doch stehen geblieben ist, um zuzuschauen. „Die Proben sind fast noch eindrucksvoller als die Aufführung. Da ist es mir immer viel zu voll.“ Auch Organisator Vadell wirkt zufrieden – und erschöpft. „Das Timing der Musik einzuhalten, ist wirklich herausfordernd“, stöhnt er. Das Ergebnis dafür überwältigend.

So können Sie dabei sein

Die Aufführung des Davallament startet am Karfreitag (18.4.) um 21 Uhr an der Plaça de sa Font de Santa Margalida. Direkt im Anschluss zieht die Karfreitags-Prozession los. TV-Sender IB3 überträgt live aus Felanitx.

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