Nach 52 Jahren: Kult-Boutique neben dem Megapark an der Playa de Palma schließt endgültig
Jahrzehntelang war ihr Geschäft ein Anker an der Playa de Palma – nun verabschiedet sich Antònia Santandreu in den Ruhestand.

Antònia Santandreu, die Betreiberin der Boutique "Isabel", weiß genau, wie die Deutschen ticken. / Simone Werner
Bevor Antònia Santandreu ihr Geschäft an der Playa de Palma im Sommer für Kunden öffnete, befüllte sie erst einmal einen Eimer mit Wasser und kippte lejía (Chlorbleiche) hinein. Damit wischte sie die Überreste der Party rund um ihre Boutique Isabel auf, die direkt neben dem Megapark liegt. Das wird sie nie wieder tun müssen. Nach 52 Jahren schließt die 82-Jährige ihr Modegeschäft Ende November endgültig. Und nicht im Groll über deutsche Radaubrüder, sondern in Dankbarkeit über viele gute Jahre.
Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie es während der Hochsaison rund um Santandreus Bekleidungsgeschäft zuging.„August war für uns schon seit einigen Jahren der schlechteste Monat“, erzählt die 82-Jährige. Wenn überwiegend Partytouristen an der Playa sind, gehe es nicht nur mit dem Umsatz bergab. Die Seniorin musste dann auch deutlich mehr Kunden zurechtweisen, die (halb)betrunken in ihr Geschäft taumeln. „So mancher Partyurlauber ist hier schon gegen einen der Spiegel gelaufen, hat aus Versehen die Schaufensterpuppen umgestoßen oder versucht, zu klauen“, erzählt Santandreu, die über die Jahrzehnte hautnah miterlebt hat, wie sich das Profil der Urlauber gewandelt hat.
Es tut mir leid, dass wir Mallorquiner den Tourismus so oft kritisieren. Nur dank der Urlauber haben viele von uns ein gutes Leben – auch ich“, betont sie im MZ-Interview immer wieder.
Dass die nette, gegenüber der MZ-Redakteurin aber auch vorsichtige Frau aus der Haut fahren könnte, mag man gar nicht glauben. Immerhin: „Wenn man deutschsprachige Kunden rügt, sind sie sofort einsichtig und entschuldigen sich – ganz im Gegensatz zu denen aus vielen anderen Ländern“, betont Santandreu.
Die Eröffnung des Megapark, der dieses Jahr sein 25. Bestehen feierte, hat ihr Geschäftsleben ganz schön umgekrempelt. Deutschsprachige Kunden hatte sie zwar schon immer, doch mit dem Partytempel nahmen Radau und Zwischenfälle stark zu. „Ich bin den Deutschen dennoch sehr dankbar. Es tut mir Leid, dass wir Mallorquiner den Tourismus so oft kritisieren. Nur dank der Urlauber haben viele von uns ein gutes Leben – auch ich“, betont sie im MZ-Interview immer wieder.

Die Boutique "Isabel" liegt direkt neben dem Megapark an der Promenade der Playa de Palma. / Simone Werner
Von Cala Millor an die Playa
Sie habe immer gewusst, dass sie Geschäftsfrau werden möchte, erzählt Santandreu. Zunächst probierte die aus Manacor stammende Frau mit gerade einmal 20 Jahren ihr Glück in Cala Millor. „Dort ging die Saison damals aber nur fünf Monate, von Mai bis September.“ Auf der Suche nach einem Standort, an dem sie ganzjährig geöffnet haben kann, kam sie auf die Playa de Palma. „Das Lokal wurde damals gerade erst gebaut. Noch nicht einmal die Türen waren drin“, erinnert sich die 82-Jährige. Dennoch wagte Santandreu den Schritt und gab ihr Geschäft an der Ostküste auf.
Um die Boutique Isabel aufzubauen, zogen Antònia Santandreu und ihr Mann zunächst alleine an die Playa. Ihre damals noch vier Kinder – es sollten noch zwei weitere hinzukommen - blieben zunächst bei ihren Großeltern in Manacor. Die Schnellstraße gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Mal schnell hin und her fahren, war also nicht. Erst einige Monate spáter wohnte die Familie vereint an der Playa.
Auch Santandreus ältester Sohn Joan erinnert sich noch genau daran, wie damals noch Straßenhändler mit ihren Eseln versuchten, ihre Keramik an Passanten und Strandgäste zu verkaufen. „Ich habe in den Sommerferien oft in dem Laden meiner Mutter mitgeholfen, ohne Vertrag versteht sich“, erzählt er. Der damals 10-Jährige nahm potenzielle Langfinger ins Visier. „Zwei spanische Schüler, die es versucht haben, haben wir sogar mal eine Weile hier eingesperrt - wobei ich das danach bereut habe“, erzählt er.

Das Meer hatte Santandreu in all den Jahren immer im Blick. / Simone Werner
Viel zu erzählen
Wenn Mutter und Sohn heute an die baldige Schließung des Traditionsgeschäfts denken, fallen ihnen jede Menge Anekdoten ein. „Ich erinnere mich zum Beispiel an Urlauberinnen, die Bikinis anprobiert haben, aber den Vorhang der Umkleidekabine nicht zugemacht haben“, lacht Santandreu, die an der Promenade vor über 30 Jahren sogar einmal eine Modenschau veranstaltete .
52 Jahre lang hatte sie ganzjährig geöffnet. In all den Jahren musste sie nur einmal länger schließen - und es war nicht in der Pandemie. Anfang der 90er Jahre brannte es in dem Geschäft wie auch in weiteren Läden in der Gegend. Damals verkaufte Antònia Santandreu noch Souvenirs und Kinderkleidung. Die gesamte Ware fiel den Flammen zum Opfer „Ich musste drei Monate lang zumachen“, erinnert sich die Seniorin.
Nach dem Brand wechselte Santandreu ihr Sortiment. Statt Urlaubsandenken verkaufte sie fortan Mode, auch von mallorquinischen Marken. Unter ihren Kunden seien auch viele Urlauberinnen gewesen, sagt Santandreu, die auch ein wenig Deutsch spricht. „Alles, was ich sagen kann, habe ich von ihnen gelernt“, erzählt sie. Einer der ersten Sätze, den sie immer wieder hörte, sei „Eine Flasche Wasser, bitte“ gewesen. Mit der Zeit sei ihr dann aber auch „Die Umkleidekabine ist besetzt“ gut über die Lippen gegangen.

Abschieds-"Party" mit Freunden, Kunden und Familienmitgliedern am Sonntag (16.11.). / Biel Salas
Über die Jahre hinweg habe sie teils auch enge Freundschaften zu deutschsprachigen Kunden geknüpft. Immer wieder besuchte sie ihre Freunde in deren Heimatländern. Viele von ihnen sind mittlerweile tot. „Ich bin auch viel zu Messen in Deutschland geflogen, etwa zur Modemesse nach Düsseldorf“, erzählt die 82-Jährige.
Was wird aus der Boutique?
Schon vor der Pandemie hatte sich Santandreu langsam aus dem Geschäft zurückgezogen und die drei Mitabeiterinnen machen lassen. „Ich wohne nicht weit entfernt und schaue immer mal wieder hier vorbei“, so die 82-Jährige. Vele Stammkunden hätten sie zuletzt gefragt, was aus „Isabel“ wird. „In ein paar Monaten werden wir es wissen. Ich würde mich freuen, wenn ein gutes Restaurant oder eine schöne Boutique hier einzieht“, sagt Santandreu. Ihr Vertag läuft Ende des Monats aus, damit geht das Lokal zurück an den Eigentümer. Dass jemand ihrer Kinder übernimmt, sei nicht in Frage gekommen.
Am Sonntag (16.11.) hat die Boutique-Betreiberin mit Freunden, Stammgästen und der Familie auf die 52 Jahre an der Playa, die Hälfte davon neben dem Megapark, angestoßen. Und nun? „Mache ich Dinge, die Rentner eben so machen: einkaufen, für meine Großfamilie kochen, Pilates, Spazierengehen.“

Freut sich auf ihren Renteneintritt: Antònia Santandreu. / Simone Werner
Die Verbindung zu den Deutschen wird, so hofft sie, trotz ihres Renteneintritts niemals abreißen. Im Dezember geht es erst einmal auf Reisen: Eine Flusskreuzfahrt von Düsseldorf aus steht an. Auch einige deutsche Weihnachtsmärkte will Santandreu dann besuchen.
Boutique Isabel: Carretera de l’Arenal, 53, Playa de Palma (direkt neben dem Megapark), noch bis 30. November täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet
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