Die Gothic-Szene auf Mallorca: Comeback einer Pionierband – und eine Spurensuche bis zum Ursprung
Sie mag ein Schattendasein führen, doch auch auf Mallorca gibt es eine Gothic-Subkultur. Und eine Pionier-Band aus den 1990er-Jahren steht zum ersten Mal seit 25 Jahren wieder auf der Bühne

Gothic Virus Culture hat keinen eigenen Club mehr, ist aber als Partyreihe nicht totzukriegen. / Gothic Virus Culture (mit KI erstelltes Bild)
„Links, rechts, gradeaus, du kommst hier nicht mehr raus ...“ Aus den Boxen tönt der Song „Labyrinth“ der deutschen Darkrock-Band Oomph!. Eine feenhafte, androgyne Gestalt mit Korsett und schwindelerregenden 10-Zentimeter-Plateaustiefeln schwebt über die Tanzfläche des Sunset Club in Palma. Um sie herum tummelt sich eine Schar, die man trotz der dominierenden Schwärze bei den Outfits als „bunt gemischt“ bezeichnen kann. Denn die Schwarze Szene, die Gothic-Subkultur, ist extrem divers aufgestellt. Was die Anwesenden in dieser Nacht Ende Oktober eint, mag Außenstehende überraschen: Es ist die Freude. Sie ist deutlich spürbar und der Tatsache geschuldet, dass nach fast anderthalb Jahren – seit der Schließung des Tunnel Rock Clubs – erstmals wieder eine „Gothic Virus Party“ stattfindet.
Nun scheint eine Insel, auf der Sonne und Strand regieren, nicht wirklich das natürliche Habitat für Geschöpfe der Nacht zu sein. Und zu behaupten, es gebe hier eine florierende Szene, wäre leicht übertrieben – aber sie existiert, und zwar schon seit Langem. Wie überall in Spanien kamen auch auf Mallorca in der Zeit der „Transición“, dem Übergang zur Demokratie, seit etwa Mitte der 1980er-Jahre alternative Musikbewegungen auf. Darunter Post-Punk-Bands und ihre Hörer, die sich anfangs in Spanien selbst nicht als góticos bezeichneten, sondern als siniestros (zu Deutsch etwa: die Unheimlichen). Das änderte sich in den 90ern und zur Jahrtausendwende, als Deutschland sich zu einem Hotspot der Gothic-Szene entwickelte – mit Festivals wie dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig oder dem M’era Luna Festival in Hildesheim, die Besucher aus aller Welt anzogen. Der Boom färbte offenbar ab – schwarz natürlich.
Das Mallorca Gothic Festival
Von alledem erzählt eine Schlüsselfigur der Bewegung auf Mallorca – „der Pate“, wie er selbst sagt. Fernando López (52), der die heutigen Partys mitveranstaltet, ist ein freundlicher, humorvoller, beinahe unscheinbarer Mann. Einer, von dem man nicht unbedingt vermuten würde, dass er in den 1990er-Jahren mit Latexhosen und einer unchristlichen Menge Eyeliner unter dem Künstlernamen Caín Uriel auftrat – als Frontmann der Deathrock-Band Dementia 99, die sich zu einer der Referenz dieser Zeit in Spanien entwickelte. „Wir hatten einen besonderen Stil und waren underground“, sagt López. „Es gibt eine sehr coole Sache an der Gothic-Szene: Wenn eine Band von einem seltsamen Ort stammt und einen ebenso seltsamen und selten gehörten Stil spielt, dann erlangt sie normalerweise Bedeutung.“

Links: Fernando López (Künstlername: Caín Uriel) in den 90ern. Rechts: Braver und ohne Haar: López vor rund zehn Jahren. / Gothic Virus Culture
Die Geschichte dieser Gruppe ist aus vielerlei Gründen untrennbar mit der Gothic-Subkultur der Insel verknüpft. Denn ihre Mitglieder hatten Lust, etwas zu bewegen, die Szene zusammenzubringen. Zweimal, in den Jahren 1998 und 1999, organisierten sie ein „Mallorca Gothic Festival“ in Palma. Daran beteiligt waren auch mehrere Bands aus Deutschland, wie Sepulcrum Mentis aus Berlin, die gesammelt mit dem Van angereist waren. „Ich habe die deutschen Freunde, die gekommen sind, sehr lieb gewonnen“, erinnert sich López. Er brachte seine Schützlinge sogar für einen Live-Auftritt zum lokalen Fernsehsender Canal 37 – IB3 existierte damals noch nicht. „Plötzlich erschienen da diese zwei Meter großen Typen, mit hohen Absätzen und schwarz geschminkt. Das Gesicht des Moderators war ein Gedicht!“

Mallorquiner mit deutschen Musikern im Rahmen des Mallorca Gothic Festivals 1999. / Lorenzo/Archiv DM
Was es mit dem "Virus" auf sich hat
Als Liebeserklärung an die deutschen Gothics und als Spitze gegen die "gewöhnlichen" Urlauber schrieb Dementia 99 die kuriose Hymne „Goth Holidays In Mallorca“. Und nach dem zweiten Mallorca Gothic Festival begab sich die Band ins Studio, um ihr erstes Album aufzunehmen. Alles lief bestens. „Aber dann geschah die Tragödie“, sagt López. Ihr Gitarrist, der unter dem Künstlernamen Virus bekannt war, starb mit nur 21 Jahren. Ein schwerer Schlag, der das Ende der Gruppe als Live-Band bedeutete, und auch das Ende des Festivals.
Zwei Jahre später, 2001, eröffnete López dann den Club „Gothic Virus Culture“ an der Plaça Gomila, benannt in Gedenken an seinen verstorbenen Bandkollegen. Das schwarz-weiße Logo mit Virus im Profil war sowohl das Erkennungszeichen des Clubs als auch der Gruppe Dementia 99. „Es ist bis heute Teil der Identität der Gothic Virus Culture und ihrer Partys“, erklärt der Veranstalter. Der Club existierte bis 2005 und trieb bis dahin äußerst kreative Blüten. So lag dort beispielsweise ein Fanzine namens „Other Voices“ aus, in einem ähnlichen Format wie die Broschüre YouThing. „Darin sprachen wir über Neuigkeiten aus der Gothic-Szene, über Bands und Stile und druckten Gothic-Witze ab“, sagt López.

Das Logo der Gothic Virus Culture. / Gothic Virus Culture
Außerdem gab es ein „Gothic-Sorgentelefon“, das teléfono de atención al gótico – bestehend aus der Privatnummer des ehemaligen Clubbetreibers. Sie ist heute noch aktiv. Sinn und Zweck war vor allem, sich über diesen Weg zu informieren, wo man als Szene-Angehöriger auf Mallorca gerade feiern oder Gleichgesinnte finden konnte. „Einmal hat mich aber auch ein besorgter Vater angerufen, der nicht wusste, wo seine Gothic-Tochter steckte“, erzählt López amüsiert. „Ich bat ihn, sie mir zu beschreiben, und sagte, dass ich ihn benachrichtigen würde, falls sie in meinem Laden auftauchen sollte.“
Kultur ohne eigenen Club
Der Club musste nach wenigen Jahren schließen, weil das Gebäude abgerissen wurde. Seitdem hat die „Gothic Virus Culture“ keinen festen „Wohnsitz“ mehr, verwandelte sich aber in eine Partyreihe, teilweise auch mit Livemusik. Dahinter steckt ein Kollektiv mit einem festen Kern aus acht bis neun Leuten, darunter einige Veteranen aus der Anfangszeit. „Zwischen 2010 und 2020 wurde es auf Mallorca Mode, Partys zu veranstalten, die auf alte, legendäre Locations Bezug nahmen“, sagt López. Als Gastgeber dienten unten anderem die – heute ebenfalls nicht mehr existenten – Clubs Maraca und Tunnel.

Eine Gothic Virus Party im Tunnel. / Gothic Virus Culture
Und noch etwas anderes geschah in diesem Zeitraum parallel in der Schwarzen Szene: Die auf der Insel lebende Deutsche Beatrice de Son Bages (bürgerlich: Göbel) organisierte in den Jahren 2011 und 2012 zwei Gothic-Treffen auf Mallorca. Diese Initiative hatte mehr mit dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig zu tun als mit dem lokalen Nachtleben: Auf dem Programm standen nicht nur Konzerte, sondern auch viktorianische Picknicks am Strand von Molinar und ein Kulturprogramm mit Friedhofsführungen und anderen Besichtigungen.
López und seine Kreise hatten damit zwar wenig zu tun, er betont aber: „Wir freuen und über jeden hier, der Gothic ist.“ Der Vorstoß von Beatrice de Son Bages zeigt einmal mehr, wie facettenreich diese als friedlich und offen geltende Subkultur ist. Da gibt es etwa die Altgrufties, ganz in Schwarz, oft mit hochtoupierten Haaren und weiß geschminkten Gesichtern. Die Steampunks, die im historischen Gewand Technik-Utopien verkörpern. Die Liebhaber viktorianischer Kleidung oder die Cybergoths mit ihren neonfarbenen Haarteilen. Auch musikalisch gibt es verschiedene Vorlieben: von EBM bis Synth-Pop, von Post-Punk über Dark Wave bis Industrial Metal ist alles dabei. „Unser Kollektiv besteht aus vier Generationen“, betont López. Das wichtigste bei den Partys seien die DJs: Phaser, Exile, Magnus, Morgothangel, Óxido ... Jeder setzt eigene Akzente.
Alle sind auf den Partys willkommen
Der Veranstalter schätzt, dass sich inselweit heute rund 1.000 Menschen mit der Gothic-Szene identifizieren. Für den Partybesuch brauche man das aber nicht zwingend zu tun, und einen Dresscode gebe es schon gar nicht: „Alle sind willkommen, und viele Leute kommen normal gekleidet“, sagt er. Einige Stammgäste mögen schlichtweg die Musik der 80er-Jahre, die an anderen Orten nicht mehr gespielt wird.
Und López gibt sich als gute Seele der Reihe redlich Mühe, dass sich jeder wohlfühlt: Er ist überall präsent, plaudert mit jedem, freut sich stets über neue Gesichter. Als die Wahlmallorquinerin Lena Langnickel 2023 auf ihrer ersten Virus-Party im Tunnel auftauchte, begrüßte er sie mit den Worten: „Gothics aus Deutschland? Welche Ehre!“ – und sie durfte sich gleich einen Song wünschen. „Diese Gothic-Partys stellen eine kleine Perle dar“, sagt Langnickel, die seitdem regelmäßig zum Feiern kommt. „Ich bin sehr glücklich, wenn es alle paar Wochen eine Veranstaltung gibt, auf der man bekannte Gesichter sieht und seine Musik hören kann.“
Ein historisches Comeback
Die nun anstehende Party im Es Gremi wird etwas ganz Besonderes. Denn Fernando López‘ Band Dementia 99, die in veränderter Besetzung zwar weiterhin Musik aufnahm, aber seit dem Tod von Virus nie wieder live spielte, wird zum ersten Mal seit 25 Jahren wieder ein Konzert geben. Der „Jetzt oder nie“-Impuls des 52-jährigen Sängers passt zu einem Wert, der die so heterogene Szene verbindet: der bewussten Auseinandersetzung mit dem Tod. „Wir werden ein bisschen gotisch-romantisch“, so López. „Ich sage immer: Man muss sich schon lange, bevor man geht, verabschieden...“
Gothic Virus Culture, Party am Samstag, 13. Dezember, ab 19 Uhr, mit Konzerten von Dementia 99 und Magma, DJ Pintxo und DJ Óxido, Es Gremi, Carrer Gremi de Porgadors, 16, Palma, Eintritt: 5 Euro (VVK) / 7 Euro (AK), Karten unter: esgremi.com
Abonnieren, um zu lesen
- Massiver Datenklau beim Stromversorger Endesa: So schützen sich Deutsche auf Mallorca jetzt am besten
- Massiver Datenklau bei Endesa: Millionen Kunden betroffen
- Polizei findet Leiche von vermisstem Deutschen in Wohnung auf Mallorca
- So steht 'Goodbye Deutschland'-Mallorca-Auswanderin Caro Robens zu Steroiden, Anabolika und Co.
- Neuer Mallorca-Flug: Diese andere schöne Stadt ist ab Mai mit Palma verbunden
- Sich mit Gleichgesinnten vernetzen: Hier finden deutsche Auswanderer auf Mallorca Anschluss
- Sorge in Sóller: Miese Luft verantwortlich für zahlreiche Todesfälle?
- James-Bond-Legende Pierce Brosnan auf Mallorca: Für dieses Projekt steht er vor der Kamera
