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Zwischen Gentrifizierung und Kiez-Bereicherung: Wie ein neues Wellness-Studio in Palmas Stadtviertel Pere Garau die Meinungen spaltet

Mitten in Palmas Einwandererviertel hat eine deutsche Influencerin ein schickes Wellness-Studio eröffnet. Nicht wenige Anwohner sehen ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt

Influencerin Soraya Scheuring in ihrem mit einem sechsstelligen Betrag eingerichteten Wellness-Studio "So Mallorca".

Influencerin Soraya Scheuring in ihrem mit einem sechsstelligen Betrag eingerichteten Wellness-Studio "So Mallorca". / Nele Bendgens

Es ist ein Bild, das man in Palmas Stadtviertel Pere Garau so eigentlich nicht sieht. Rund 30 Influencer haben sich an diesem Samstag (21.3.) an der Plaça de ses Columnes versammelt. Gestylte Haare, Klamotten abgestimmt in Beige, Weiß und Terrakotta, Smoothies in verschiedenen Farben in der Hand und Handys in Abrufbereitschaft. Sie umarmen sich, manche weinen vor Freude, reden auf Deutsch und Englisch. Dass hier etwas anders läuft als sonst, merken auch die Passanten und Anwohner des Viertels, die sich interessiert um die Traube an Influencern versammeln, die sich vor dem neuen Wellness-Studio „So Mallorca“ gebildet hat, um dessen offizielle Einweihung zu feiern.

Bei „So Mallorca“ handelt es sich um ein Projekt der deutschen Influencerin Soraya Scheuring. Die 27-Jährige will hier auf 350 Quadratmetern Pilates, Yoga, Lagree (ein neues Ganzkörpertraining) anbieten und ein Café einrichten. Die Preise für die angebotenen Yogakurse liegen bei 220 Euro für zehn Stunden, fünf Stunden Lagree gibt es für 165 Euro. Das Studio bietet außerdem diverse Wellnessbehandlungen. „Mir hat so ein Ort auf Mallorca bisher einfach gefehlt“, sagt Scheuring.

Die Besitzerin des So Mallorca Soraya Scheuring.

Die Besitzerin des So Mallorca Soraya Scheuring. / Nele Bendgens

Auf Mallorca aufgewachsen

Sie kennt die Insel sehr gut. Scheurings Mutter ist mit ihr nach Mallorca ausgewandert, als sie erst ein halbes Jahr alt war. Aufgewachsen ist Soraya in Capdepera. Sie besuchte eine katholisch-mallorquinische Schule in Artà, spricht fließend Spanisch und Katalanisch. „Ich bin sehr mit der Insel verbunden und habe 15 Jahre lang hier gelebt“, sagt sie. Für das Abitur und Studium (International Business-Management) zog sie dann nach Deutschland. Es folgten: ein Aufenthalt auf Bali, eine Kandidatur für Miss Germany und schließlich der Weg zurück nach Mallorca.

Sich mit einem eigenen Studio selbstständig zu machen, sei schon lange ihr Traum gewesen, sagt sie. Dass es nun letztendlich ein Studio in einem luxussanierten Eckgebäude im Stadtviertel Pere Garau wurde, sei reiner Zufall. „Ich selbst wohne Richtung Avenidas. Bei einem Spaziergang habe ich gesehen, dass das Gebäude leer steht. Ich war sofort begeistert“, sagt die Influencerin. Eigenen Aussagen zufolge hat sie hier – wohl mithilfe einer Investorin – über 400.000 Euro investiert.

Pere Garau von Gentrifizierung betroffen

Seit der Verwandlung des Carrer Nuredduna in eine Fußgängerzone steigen in dieser Gegend die Immobilienpreise. An der Plaça de las Columnas ziehen das Café Federal und das Hotel Nou Baleares auch immer mehr ausländische Touristen in das Viertel. Pere Garau gehört mittlerweile zu den Stadtteilen, die am meisten von Gentrifizierung betroffen sind. Und dabei ist das Viertel eigentlich das genaue Gegenteil von dem, was man sich vom idyllischen Bild Mallorcas mit Palme, Meerblick und altem Gemäuer vorstellt.

Pere Garau ist schon immer ein Einwandererviertel gewesen, das seine Bewohner mit Jobs im Tourismus angelockt hat. Hier wohnten auch Handwerker, Automechaniker und Postangestellte. Die „kleinen Leute“, wenngleich anderer Herkunft, prägen auch heute noch das Straßenbild: ob Marokkaner, Algerier, Kolumbianer, Bolivianer, Chinesen oder Bulgaren. Wer durch das Viertel läuft, versteht einen der Slogans der Stadtteilinitiave Flipau amb Pere Garau: „Die ganze Welt in einem Quartier“.

Bereits nach einem Tag gab es einen Graffiti-Angriff. | FOTO: NELE BENDGENS

Pere Garau gilt schon immer als Einwandererviertel. / Nele Bendgens

Schwerer Start für das Studio

Was es bedeutet, mit einer solchen Geschäftsidee in genau diesem Viertel durchstarten zu wollen, erfährt Soraya Scheuring schnell. Nicht einmal einen Tag nach der Eröffnung von „So Mallorca“ sind die Wände des Studios mit Parolen wie „weniger Tourismus“ und „mehr Nachbarschaft“ besprüht. „Es hat mich natürlich getroffen, als ich die Graffitis gesehen habe und wie das Projekt nach außen hin wahrgenommen wird“, sagt sie. „Auch wenn ich es teilweise nachvollziehen kann, glaube ich, dass es andere Wege als Vandalismus gibt, um auf die Probleme im Viertel aufmerksam zu machen.“

Sie will nun aus der Kritik lernen und mehr nach außen tragen, dass „So Mallorca“ auch ein Ort ist, „wo alle hinkönnen und der nicht exklusiv für Ausländer ist“. So würden einige Klassen auch auf Spanisch angeboten, Residenten erhielten auf alles 15 Prozent Rabatt. „Ich möchte, dass es eine schöne und friedvolle Atmosphäre hier im Viertel ist und alle miteinander zusammenleben können. Das ist für mich auch das Ziel von Gemeinschaft und Nachbarschaft, das niemand diskriminiert wird“, sagt Soraya Scheuring.

Influencerin Soraya Scheuring in ihrem mit einem sechsstelligen Betrag eingerichteten Wellness-Studio „So Mallorca“. | FOTO: NELE BENDGENS

Influencerin Soraya Scheuring in ihrem mit einem sechsstelligen Betrag eingerichteten Wellness-Studio „So Mallorca“. / Nele Bendgens

Anwohnerverein kritisiert Aktion

Der Anwohnerverein von Pere Garau hat die Aktion gegen das neue Wellness-Studio verurteilt: „Wir sind uns bewusst, dass es unterschiedliche Meinungen über die Entwicklung der Umgebung und über Themen wie den Tourismus geben kann. Wir sind jedoch fest davon überzeugt, dass solche Aktionen nicht zum Zusammenhalt im Viertel beitragen, sondern es vielmehr herabsetzen.“

Auch der Aktivist Nael Falo von der Stadtteilinitiative Flipau amb Pere Garau bedauerte den Vorfall. Allerdings steht er der Eröffnung sehr kritisch gegenüber. „Mit der Umwandlung des Carrer Nuredduna in eine Fußgängerzone sahen wir bereits eine Transformation, Elitisierung und Touristifizierung voraus. Das hier aber übertrifft alle unsere Befürchtungen“, sagte er der MZ. Mit dieser Meinung ist er nicht allein. „Ich kann den Frust schon verstehen. Das Studio ist ein Ort für die Reichen, nicht für die Leute in Pere Garau. So etwas passt zur Einkaufsmeile Jaume III., aber nicht hierher“, meint ein Anwohner zur MZ.

Das neue Wellnessstudio So Mallorca im Herzen von Pere Garau.

Das neue Wellnessstudio So Mallorca im Herzen von Pere Garau. / Nele Bendgens

"Mallorca profitiert auch vom Tourismus"

Soraya Scheuring sieht die positiven Seiten. „Das sich etwas im Viertel verändert, ist nicht zu verhindern. Viele Leute lieben diese Insel und wollen hier gerne wohnen. Mallorca profitiert ja auch vom Tourismus und wir schaffen Arbeitsplätze“, argumentiert sie. „Meine Intention war einfach, einen friedvollen Platz zu schaffen, an dem man sich austauschen und vom Alltag abschalten kann.“ Ob sich die Anwohner von Pere Garau das leisten können, bleibt fraglich. Offiziell öffnet das „So Mallorca“ seine Türen am 1. April.

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