Bierstraße auf Mallorca: So entstand der Mythos an der Playa de Palma
Antonio Ferrer schuf 1979 eher zufällig die Bierstraße. Damals betranken sich die Leute noch niveauvoll, meint der Rentner heute

Frisch vom Fass gezapft: Antonio Ferrer hat ein bewegtes Leben hinter sich. | FOTO: NELE BENDGENS
Eine nicht erwiderte Jugendliebe war einst der Grundstein für die Entstehung der Bierstraße an der Playa de Palma. Der spätere Gründer Antonio Ferrer jobbte in den 60er-Jahren als Barkeeper in einem Playa-Lokal des Großvaters des heutigen Hotelierverbandspräsidenten Pedro Marín. „Der hatte drei Töchter. Eine von ihnen machte sich den Jux, überall herumzuerzählen, sie sei meine feste Freundin“, erzählt der 82-Jährige. Der Vater des Mädchens fand das nicht so dufte, selbst wenn Ferrer Stein und Bein schwört, dass nie etwas gelaufen ist. „Er setzte mich von einem Tag auf den anderen auf die Straße.“ Ferrer machte aus der Not eine Tugend und eröffnete sein erstes eigenes Lokal. Heute gehören seine vier Kinder mit neun Restaurants und der Qualitätsinitiative Palma Beach zu den großen Fischen.
Wer sich die Lebensgeschichte des Mallorquiners anhören möchte, muss Zeit mitbringen. „Ich werde des Redens nie müde“, sagt Ferrer. Immer wieder wird er im Lokal Born 8, das ebenfalls seine Familie leitet, von Kunden und alten Bekannten angesprochen. Man kennt Don Toni eben. Die Ferrers kommen aus Costitx: „Der Inselmitte, der wahren Hauptstadt Mallorcas.“ Die Eltern des kleinen Toni waren wohlhabende Bauern. „Mein Vater war sogar mal Bürgermeister.“
Früher Rebell statt Musterschüler
Im Alter von sechs Jahren zog die Familie nach Palma. „Meine Eltern bestanden darauf, dass ich mit meinen Geschwistern eine ordentliche Ausbildung in Schule und Universität bekomme“, sagt Antonio Ferrer. Das war 1950. Spanien war noch vom Krieg gezeichnet. Es herrschte Hungersnot. Ein paar Jahre ging der kleine Mallorquiner brav zur Schule. Dann lehnte er sich zunehmend dagegen auf. „Ich mochte das Schulsystem schlichtweg nicht und war ein kleiner Rebell. Mein Vater meinte: Dann arbeitest du eben. Er wollte mir eine Lehre erteilen.“

So sah es in der Bierstraße bei der MZ-Reportage 2009 aus. / Terrassa
Der Papa brachte den Zehnjährigen in eine Bar an den Avenidas in der Nähe der Plaça d’Espanya. „Der Betreiber war ein dicker Kumpel von ihm. Er sagte meinem Vater: Lass deinen Sohn eine Woche bei mir. Dann bettelt er darum, wieder in die Schule zu dürfen“, sagt Ferrer. Als Küchengehilfe ging das Berufsleben los. „Meine erste Aufgabe war, einen fünf Kilo schweren Fisch zu reinigen. Den sehe ich heute noch vor meinen Augen.“ Obwohl der Boss mit harter Hand umging – „mir schlackerten von den Schlägen die Ohren“ –, ging der Plan des Vaters nicht auf. Der Sohn hielt durch. Nach einem Monat brachten ihn die Eltern gegen seinen Willen zurück auf die Schulbank.
Vom Liftboy zum Barkeeper
Wieder vergingen ein paar Jahre. Dann begann die Phase zwei, wie es Antonio Ferrer ausdrückt. „Auf dem Schulweg entdeckte ich das Hotel Colom, das gerade im Bau war. Ich fragte nach, ob sie nicht eine Arbeit hätten.“ Das Alter spielte damals nur eine untergeordnete Rolle und das Hotel stellte den Knaben als Liftboy ein. Statt in die Schule zu gehen, arbeitete Ferrer. „Ich beging den Fehler, im Hotel Mittag zu essen. Meine Mutter merkte, wie wenig ich daheim aß und wurde skeptisch.“ Die Eltern erwischten ihn. „Es war das erste und einzige Mal, dass mein Vater mich mit dem Gürtel verprügelte.“
Langsam wurde selbst dem Papa klar, dass das Lernen nicht so ganz die Sache des Sohnes ist. Antonio Ferrer suchte sich einen anderen Job in einem Hotel am Paseo Marítimo. „Dort war das Ambiente aber deprimierend. Das raubte mir die Motivation.“ Der 13-Jährige begann eine handwerkliche Ausbildung. Bis ihn eines Tages ein Cousin um Hilfe fragte. Eine Bar am balneario 6 brauchte dringend einen Barkeeper. Ob er nicht für eine Woche einspringen könne. „Ich sollte nur kurz bleiben, war danach aber mein ganzes Leben an der Playa de Palma.“ Seinem Chef – Pedro Maríns Opa – gefiel die Arbeitsmoral des jungen Burschen. „Mit 16 Jahren war ich der beste Barkeeper der Gegend. Die Leute standen in drei Reihen um meine Theke, weil ich mit den Flaschen ein Spektakel ablieferte.“
Das erste eigene Lokal
Vielleicht wäre Ferrer sein Leben lang ein einfacher Angestellter geblieben, hätte die Tochter des Bosses nicht mit ihrem vermeintlichen Freund geprahlt. Die Arbeitssuche gestaltete sich schwierig. „Ich fand nur Jobs, bei denen ich die Hälfte meines bisherigen Lohns verdient hätte.“ Sein Vater ermutigte ihn, selbst eine Bar zu eröffnen. „Ich musste ein paar Monate bis zu meinem 21. Geburtstag warten, ehe ich offiziell den Vertrag unterschreiben durfte.“ Ferrer übernahm 1966 das La Luna im Viertel Sometimes. „Meine Mutter kochte, ich schmiss den Laden vorne.“ Aus einem heruntergekommenen Lokal – „nicht einmal als Puff lief der Laden“ – wurde eine angesehene Kneipe. „Am Wochenende kamen die Mallorquiner und aßen Paella, unter der Woche retteten mich die deutschen Urlauber über die Runden.“ Zu den Stammgästen zählten auch Soldaten vom US-Luftstützpunkt. „Manche tranken hier den Tag über 30 Bier – am Abend zog sich aber jeder schick an.“
Das La Luna wurde immer größer. Zwölf Bedienstete zählte es zu Hochzeiten. Sechs Jahre nach der Eröffnung bot sich Antonio Ferrer die Chance, das Chalet Siena zu übernehmen. Wenig später kamen das Palermo, das Lugano und das Gondola hinzu. Für die neuen Bars fand Ferrer Angestellte, die sich um den Betrieb kümmerten. Nur im La Luna war das nicht möglich. „Das Geschäft war zu eng mit mir verbunden. War ich nicht da, lief es nicht“, sagt er. Wenig später ging es an einen Österreicher, heute ist es ein Wohnhaus.

Die Bierstraße an der Playa de Palma. / MZ
Die Idee aus Deutschland
Das Lugano lag im Carrer de Miquel Pellisa, wie die Bierstraße offiziell heißt. 1979 bot sich Ferrer die Chance, das Eckgebäude am Ende der Straße zu übernehmen. „Mache ich noch eine Kneipe auf, klaue ich mir nur selbst die Kunden. Was also tun?“, überlegte sich der Unternehmer und reiste mit einem Freund nach Deutschland, um auf Ideensuche zu gehen. „In Mönchengladbach sah ich, wie Bierfässer angestochen und eine Glocke geläutet wurde.“ Die Deutschen stürzten sich auf das Fassbier. Warum so etwas nicht an der Playa anbieten? Die Reise ging weiter zur König-Pilsener-Brauerei nach Duisburg. „Der Chef, ein Herr Hoppe, erteilte mir aber eine Abfuhr. An einer Kneipe auf Mallorca habe man kein Interesse.“ Bedröppelt verließ der Mallorquiner das Gebäude und lief auf dem Parkplatz einer Bekannten über den Weg. „Gudrun. Es stellte sich heraus, dass sie die Sekretärin des Herrn Hoppe war.“ Man ahnt es schon: Das Geschäft klappte doch.
Ferrer ließ ein paar Beziehungen spielen, um Bierfässer auf die Insel bringen zu können. Doch es folgte die große Ernüchterung. Das Fassbier lockte im Sommer keine Leute an. „Im Lugano machte ich 100.000 Peseten Umsatz (600 Euro, Anm. d. Red.), im KöPi nur 6.000 bis 7.000. Ich fragte mich: Was habe ich falsch gemacht?“
Der Durchbruch im Herbst
Monatelang grübelte der Mallorquiner, ehe er im Herbst plötzlich vor einer vollen Kneipe stand. „Warum, das weiß ich bis heute nicht. Vielleicht lag es an den Kegelvereinen, die zu der Jahreszeit kamen“, sagt er. An den Tagen darauf wurde es so voll, dass die Kellner die Leute auf der Treppe und der Straße bedienten. „Ab dem vierten Tag wollten die Kunden gar nicht mehr drinnen trinken.“
Dass er somit einen Meilenstein für die Saufkultur an der Playa de Palma geschaffen hat, sieht Ferrer nicht als Problem. „Wir hatten nie eine Schlägerei. Die Urlauber haben untereinander aufgepasst, dass sich benommen wird.“ Das gebe es heutzutage nicht mehr. „Auf zehn Prozent anständige Leute kommen 90 Prozent Exzesstouristen.“ Seit der Jahrtausendwende sei das so. „Die Konkurrenz war neidisch auf meinen Erfolg und versuchte mich zu sabotieren. Jeden Tag gingen im Rathaus Anzeigen gegen mich ein.“ Die Barkultur der Playa von früher sei tot. „Heute holen sich die Urlauber ihr Bier im Supermarkt. Auch weil sie kein Geld ausgeben wollen. Es wird jeden Tag schlimmer.“ Ferrers Vermächtnis ging an die vier Kinder. Jeder bekam eine Bar, das KöPi heißt heute Bonito. „Ich gab ihnen auch das Familiengeheimnis mit: Mach nie Geschäfte mit Schwiegerkindern oder Enkeln. Dann geht es den Bach runter.“
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