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Max Raabe im Interview über Mallorca, Ballermann-Hits vs. Schlager, die AfD und sein neues Album

An diesem Donnerstag tritt der Sänger Max Raabe mit seinem Pianisten Christoph Israel beim Abschiedsempfang des deutschen Konsuls in Palma auf. Ein Gespräch über gute und schlechte Schlager, die Ironiefreiheit von Demokratiefeinden und die Freude an kleinen Albernheiten

Auch von der strengen Optik mit Frack, Fliege und Pomade im Haar unverkennbar: Max Raabe.  | FOTO: GREGOR HOHENBERG

Auch von der strengen Optik mit Frack, Fliege und Pomade im Haar unverkennbar: Max Raabe. | FOTO: GREGOR HOHENBERG

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Ciro Krauthausen

Ciro Krauthausen

Max Raabe hat eine starke Verbindung zu Mallorca, nimmt sich auf der Insel immer wieder Auszeiten. In den Vordergrund stellen möchte er das aber nicht. Am Donnerstag (18.6.) tritt der 63-jährige Sänger aus Lünen (NRW) gemeinsam mit seinem langjährigen Pianisten Christoph Israel vor geladenen Gästen beim Abschiedsempfang des deutschen Konsuls Wolfgang Engstler und dessen Frau Elisabeth Engstler auf.

Herr Raabe, was ist Mallorca für Sie?

Ein wunderbarer Ort, vor allen Dingen einer, indem man auch im Dezember und im Januar mal die Sonne sieht. Da wird’s in Berlin und in Deutschland schon eng.

Sie sind aber nicht nur im Winter da, oder?

Ich bin im Winter mit dem Palast Orchester auf Tour und, wenn ich es schaffe, bin ich gerne mal auf Mallorca, ich finde das wunderbar, der blaue Himmel, das Meer, und es gibt so schöne Gegenden, in denen man wandern kann.

Max Raabe auf einem Werberbild für sein Programm "Wer hat hier schlechte Laune"

Max Raabe auf einem Werberbild für sein Programm "Wer hat hier schlechte Laune" / © Gregor Hohenberg

Sie seien generell jemand, der sich eher zurücknimmt, haben Sie einmal gesagt. Auch hier auf Mallorca?

Ja, ich habe immer sehr viel um die Ohren. Ich freue mich über meinen Beruf, ich liebe das, aber ich bin dann auch froh, wenn ich nichts machen kann und bin gerne faul. Und das gelingt mir auf Mallorca ganz hervorragend.

Wird es noch weitere Konzerte von Ihnen hier geben?

Das erste Mal sind wir hier 2005 mit dem Palast Orchester aufgetreten. Bei einem Festival im Castell Bellver. Das war spektakulär. Besonders in Erinnerung habe ich, dass wir nach dem Konzert auf den Burgzinnen sitzen konnten und die Stadt Palma unter uns hatten. Ich war erstaunt, wie schön es dort oben ist, und dass es ein rein spanisches Publikum war. Das hat mich am meisten gewundert, dass überhaupt keine Deutschen unter den Zuhörern waren.

Sie singen auf Deutsch. Störte da nicht die Sprachbarriere?

Nun, es war unser erstes und einziges Mal, dass wir in Spanien gespielt haben, und es war ein Festival. Ansonsten sind wir aber jahrelang in Italien aufgetreten, wo Musik von uns für eine Autowerbung genutzt worden war, sowie auch in den USA und England. Natürlich geht von den Texten etwas verloren, aber der Inhalt lässt sich mit zwei, drei Sätzen auch anreißen. Wenn ein Stück heißt „Die Liebe kommt, die Liebe geht“, sagt man auf Englisch „in the following song love comes, love goes“ und jeder hat das Gefühl, dem Song folgen zu können. Wir hören ja auch französische oder fremdsprachige Titel, auch wenn wir den Text nicht hundertprozentig verstehen. Und selbst bei der deutschen Popmusik wird es manchmal eng, den Text zu verstehen, als Deutscher.

Sie sind meiner Frage ausgewichen. Sind noch weitere Konzerte geplant?

Nein, da ist nichts geplant.

Mallorca ist musikalisch eine Hochburg der deutschen Populärkultur. Was halten Sie vom Ballermann?

Ich kann nicht alle Musikstile nachempfinden, aber es gibt schon sehr vieles, wo ich denke, okay, das macht gute Laune. Das sei allen gegönnt.

Schauen Sie manchmal dort vorbei?

Ich habe es mir einmal angesehen, aber das war zur Corona-Zeit. Ich denke mal, das war untypisch für die Atmosphäre, die da sonst herrscht.

Es ist ein sehr eigenes Liedgut. Was unterscheidet es von der Populärmusik der 20er- und 30er-Jahre, mit der Sie arbeiten?

Wir haben als Studentenband originales Notenmaterial verwenden können und unser Studium damit ein bisschen finanzieren können. Der Titel „Kein Schwein ruft mich an“, den ich nur als Spaß geschrieben hatte, hat uns dann über die Grenzen Berlins bekannt gemacht. Das war auch eine Wortwahl, die mit Noblesse und mit irgendeinem intellektuellen Geist nicht so rasend viel zu tun hat. Ich kann Ihnen sagen: Meine Eltern waren entsetzt, als sie das Stück zum ersten Mal gehört haben. Der Bruch und der Witz bestand in einer Wortwahl, die keine Punkband jemals verwendet hätte. Und darin, dass da jemand im Frack steht, solche Kraftausdrücke singt und eine Geschichte erzählt, die jeder irgendwie nachvollziehen kann.

Aber waren die Hits der 20er- und 30er-Jahre nicht eleganter als die heutige Partymusik?

Zu der Ballermann-Musik kann ich nicht viel sagen, ich kann Ihnen nur sagen, dass es aktuelle Schlager gibt, die ich gut finde. Den Unterschied zwischen Popmusik und Schlagern gibt es ja nur in Deutschland, aber es gibt gute Popmusik und es gibt schlechte Popmusik, und es gibt gute Schlager und schlechte Schlager. Am besten man hört nur die guten Sachen. Vielleicht gibt’s ja auch gute Ballermann-Titel. Ich warte noch.

Dass Schlager nur in Deutschland als „minderwertig“ betrachtet werden, ist interessant. Hängt das damit zusammen, dass die Nazis diese Musik damals unterdrückt haben?

Ja. Leute, die nationalsozialistisch denken, haben keinen Sinn für die Ironie und die Doppeldeutigkeit, die vielen dieser Lieder eigen war. Zwischen 1933 und 1945 ist die Ironie tatsächlich verloren gegangen. Aber das Repertoire ist immer noch da. Allein mit dem Palast Orchester haben wir rund 800 Titel aus den 20er- und 30er Jahren im Repertoire. Das sind englische, deutsche, französische Titel, und das ist eine elegante, schöne Musik. Da sind Geschichten, die erzählt werden, und die Leute lachen, ob sie wollen oder nicht, an derselben Stelle wie vor 80 oder 90 Jahren. Da ist eine Zeitlosigkeit in der Qualität, und das merken wir bei unseren Konzerten.

Der Clou ist der Humor. Wann vergeht Ihnen das Lachen?

Immer mal wieder. Vor allen Dingen, wenn ich Nachrichten höre oder Zeitung lese. Da ist momentan sehr vieles, was mir zu schaffen macht. Aber man muss auch sagen, dass wir bei unseren Auftritten die Realität für die Dauer des Konzerts ausschließen. Die Leute sollen mal für einen Moment vergessen dürfen, was draußen in der Welt los ist oder auch in ihrem Alltag oder Beruf. Sie gehen dann, wie ich hoffe, gestärkter aus dieser Phase der Entspannung wieder heraus.

Max Raabe

Max Raabe / © Gregor Hohenberg

Ich weiß, dass Sie sich in der Öffentlichkeit auch politisch zurücknehmen, aber wäre der mögliche Wahlsieg der AfD in ostdeutschen Bundesländern nicht ein Statement wert?

Wir haben die beste Demokratie, die es je gegeben hat. Sie ist verbesserungswürdig, ganz gewiss, aber unsere Vorfahren haben etwas erarbeitet für uns, haben für etwas gekämpft, von dem wir jetzt profitieren. Wenn wir das in Gefahr bringen, wenn wir das jetzt gegen die Wand fahren lassen, ist das unentschuldbar, eine Katastrophe. Es ist ja schon ein Albtraum, was in Amerika an Willkür passiert. Wir müssen wählen, was die Demokratie erhält.

Sehen Sie Parallelen zur Weimarer Republik und dem Aufstieg der Nazis?

Wer die nicht sieht, ist blind. Macht eine Pause. Jetzt ist die Stimmung im Keller.

Ja. Aber wir haben ja noch ein paar Fragen. Sie nehmen gerade eine neue Platte auf, habe ich gehört?

Ja, wir sind im Studio. Die letzten vier Alben sind ja alle mit Annette Humpe, Achim Hagemann, Peter Platen und Ulf Sommer entstanden. Da sind wir jetzt wieder dran, somit wird es irgendwann mal ein neues Album geben. Wir schrauben gerade an neuen Stücken. Eines, "Komm mal her", haben wir kürzlich veröffentlicht.

Für das Album haben Sie noch keinen genauen Zeitpunkt anvisiert?

Die Regeln ändern sich zwar von Monat zu Monat, aber Alben kommen nicht mehr am Stück heraus. Es werden nach und nach immer ein, zwei Lieder herausgegeben und dem Publikum vorgestellt. Wenn genügend Titel zusammengekommen sind, setzt man noch eine Nummer drauf, und dann ist es ein Album.

Bringen Sie noch Vinylplatten heraus?

Ja, weil es in unserem Zirkel sehr viele gibt, die Vinyl lieben. Es werden auch immer noch CDs produziert, aber das sind so Liebhaber-Exemplare für Sammler.

Geht mit dieser Stückelung für Sie als Musiker etwas verloren?

Also diese Dramaturgie eines Albums, die gibt es jetzt nicht mehr. Man kann sich die Titel jetzt einzeln anhören und selbst zusammenstellen. Das ist eine andere Geschichte. Aber auf das Schreiben selbst hat das überhaupt keinen Einfluss. Man setzt sich zusammen, hat eine Idee, schreibt daran, und manchmal geht das so wie im Pingpong ganz schnell. Dann trifft man sich eine Woche später, hört sich das noch mal an und sagt: „Oh, klasse, da ist uns ja etwas Gutes eingefallen“ oder man sagt: „Hm, komm, das treten wir in die Tonne.“ Dieser Prozess ist immer noch derselbe.

Was sich mit den Streamingplattformen noch verändert hat, sind die finanziellen Einnahmen.

Ehrlich gesagt, haben wir unser Geld immer durch Konzerte verdient. Platten und CDs waren schöne Zusatzgeschichten, aber unser tägliches Brot waren die Konzerte. Und sie sind es nach wie vor. Für uns hat sich da gar nichts geändert. Im Gegenteil, die Konzerte sind größer geworden. Die Häuser sind voll. Es ist wirklich phänomenal.

Max Raabe auf einem Promo-Bild für "Hummeln streicheln"-

Max Raabe auf einem Promo-Bild für "Hummeln streicheln"- / © Gregor Hohenberg

Sie machen das jetzt seit 40 Jahren. Wie hat sich das Publikum verändert?

Es ist deutlich jünger geworden. Gerade so Titel wie „Hummeln streicheln“ oder „Fahrrad fahr’n“ bringen ganz viele Jugendliche und Teenager in die Konzerte. Ich werde jetzt schon von Rappern eingeladen, zum Beispiel von Felix Kummer von Kraftklub oder von Zartmann, der mit mir einen Titel für sein neues Album schreiben will. Wieso kommt jemand, der Anfang 20 ist, auf die Idee, mich einzuladen? Das finde ich phänomenal. Es zeigt, dass die Musik altersunabhängig ist und die Leute einfach Spaß haben, an dieser Haltung, Titel vorzutragen.

Sie biedern sich jetzt aber nicht bei den Jüngeren an, oder?

So weit denke ich gar nicht. Wir schreiben immer, was uns gerade so durch den Kopf geht. Manchmal ist es dummes Zeug, Albernheiten, Dinge, die einem Spaß machen, und dann probiert man das mal aus. Es muss vor allen Dingen uns gefallen. Ich muss das gerne singen oder den Text gerne vortragen wollen. Wenn mir das gefällt – ich bin bestimmt der strengste Zuhörer meiner eigenen Geschich- ten –, dann denke ich, ja, hoffentlich gefällt das den anderen auch. Bisher ist das gut gegangen, toi, toi, toi.

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