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„Solche Dinge will man lieber vergessen“: Mallorca-Ärztin über ihre härtesten Einsätze am Ballermann

Maria Antonia P. arbeitete jahrelang bei einer Klinik unweit vom Ballermann

Krankenwagen an der Playa de Palma.

Krankenwagen an der Playa de Palma. / DM

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Sarah López

Sarah López

Wie wäre es, wenn zum Arbeitsalltag Alkoholvergiftungen, massive Sonnenbrände und Drogenüberdosen gehören? Wenn andere Urlaub machen, beginnt für Maria Antonia P. die anstrengendste Zeit des Jahres: besonders im Sommer, wenn sich die Playa de Palma in eine Art Parallelwelt verwandelt, in der für viele jede Grenze verschwimmt.

Die Ärztin hat jahrelang dort gearbeitet, wo andere „aus Versehen“ in Glasscherben treten, im Delirium durch die Hotelflure irren oder sich in der Mittagshitze Verbrennungen zweiten Grades zuziehen. Eine Zeit, die sie nicht vergessen kann – auch wenn sie es manchmal gerne würde. Denn was sie dort erlebt hat, geht weit über den klassischen Arzt-Patienten-Kontakt hinaus: Es sind Begegnungen mit Menschen am Rand der Selbstkontrolle, mit absurden Situationen und meistens Einsätze mitten in der Nacht.

Maria Antonia P. machte ursprünglich ihren Facharzt in Rheumatologie, doch Knochen und Gelenke waren nicht ihre Berufung. Sie entschied sich, als Allgemeinärztin zu arbeiten – in Sprechstunden ebenso wie im Notdienst. Über die Jahre war sie in privaten Gesundheitszentren auf ganz Mallorca tätig: in Port d’Alcúdia, Palmanova, Arenal – und nun in Inca.

Seit 25 Jahren widmet sie sich beruflich vor allem denjenigen, die ihre Hilfe am dringendsten brauchen: Residenten und Touristen. Im Gespräch mit der MZ berichtet die Allgemeinärztin von kuriosen Hausbesuchen, extremen Szenen in Hotelzimmern, den Unterschieden zwischen Patientengruppen – und wie ihre Arbeit am Ballermann sie verändert hat.

VON SONNENBRAND BIS DROGEN

„Die Arten von Tourismus auf Mallorca sind extrem unterschiedlich“, sagt Maria Antonia. „In Port d’Alcúdia wurde ich in meinen Diensten oft in Hotels gerufen, wenn Kleinkinder krank waren oder Sonnenbrände behandelt werden mussten.“ Letztere seien besonders bei nordeuropäischen Urlaubern gravierend gewesen. „Die schlafen am Strand ein und begreifen nicht, dass so eine helle Haut schnell total verbrennt.“

Ganz anders waren die Einsätze in Arenal. Einmal war sie mit dem Klinikauto auf dem Rückweg zum Arztzentrum, als die Medizinerin von einer Gruppe junger deutscher Männer angehalten wurde. Einer von ihnen war fast bewusstlos. „Ich sah mir seine Pupillen an – die waren riesig. Da war mehr im Spiel als nur Alkohol.“

Ein weiteres Mal, in der Nähe von Can Pastilla, fand sie in einem Apartment zwei junge Frauen vor, eine davon stark unter Drogen, die andere halbwegs nüchtern, und mehrere halb nackte Männer. „Ich weiß nicht, ob da eine Orgie stattfand oder was auch immer. Solche Dinge will man lieber vergessen.“

DIENSTE RUND UM DIE UHR

An der Playa de Palma arbeitete Maria Antonia tagsüber in der Sprechstunde und übernahm im Monat drei bis vier 24-Stunden-Dienste. An einigen Tagen machte sie statt der Morgenschicht mit den Sprechstunden, die Abendschicht von 20 Uhr bis 8 Uhr am Morgen.

Vor allem in Sommer seien die Nachtschichten hart gewesen, aber sie sei zumindest nicht alleine gewesen. „In der Hochsaison, von Juni bis September, war meist eine Krankenschwester dabei, wenn wir zu Hotelbesuchen fuhren.“ Viele Touristen hätten eine Reiseversicherung und werden deshalb direkt an private Kliniken vermittelt.

EINSPRACHIGE FRANZOSEN

Mit der Zeit lernte sie, wie verschieden Patientengruppen ticken: „Spanische Urlauber können manchmal sehr fordernd und besserwisserisch sein“, sagt die Ärztin über ihre Landsleute. Sie wollten oft direkt ein konkretes Medikament haben, und wenn man es ihnen nicht verschreibe, seien sie unzufrieden. Mit Deutschen sei die Kommunikation meist einfach – viele sprechen Englisch. Schwieriger sei es mit französischen Touristen gewesen: „Die wollten wirklich nur Französisch sprechen.“

Ausstieg aus dem Wahnsinn

Irgendwann wurde es ihr zu viel. Die Exzesse, die Abgründe, die tägliche Konfrontation mit Rücksichtslosigkeit – sie wollte das nicht mehr. „Ich war nach der Arbeit immer schlecht gelaunt. Was gebe ich damit für ein Beispiel für meine Tochter?“, fragt sich die Medizinerin. Also wechselte sie die Klinik und arbeitet seit drei Jahren in Inca – ohne Nachtdienste, nur von 9 bis 15 Uhr.

Dort sieht sie zehn bis zwölf Patienten täglich und hat viel angenehmere Arbeitszeiten für eine alleinerziehende Mutter. Die 57-jährige hat nun eher ältere Mallorquiner als Patienten. „Viele kommen mit scheinbaren Beschwerden. Ich glaube, sie wollen einfach nur reden, weil sie sich einsam fühlen. Das tut mir leid“, erzählt Maria Antonia.

Aber diese Art Patienten mag die Allgemeinärztin gerne. Mit einem hat sich sie über die Jahre hinweg eine Freundschaft gebildet. „Er ist 83 Jahre alt und hat verschiedene Pathologien. Er hat auch meine private Handynummer und wir telefonieren ab und an weiterhin.“ So eine Nähe hatte sie mit ihren Patienten an der Playa de Palma sicher nicht.

„Man will leben retten“

Der exzessive Tourismus am Ballermann beschäftigt sie bis heute. Wo viele Spaß, Sonne und Strand sehen, sah Maria Antonia über Jahre hinweg nur die Schattenseiten: Alkohol, Drogen, Gewalt. „Ich hoffe wirklich, dass sich dort in den letzten zwei Jahren etwas verändert hat.“

Dieser Job hat ebenfalls ihre Perspektive auf den Beruf verändert: „Nach dem Studium will man Leben retten, Menschen helfen. Aber wenn man jahrelang sieht, wie sich Menschen für ein bisschen Spaß selbst zerstören, ist das einfach nur traurig.“

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