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Mallorca Zeitung

Wie ein Wissenschaftler auf Mallorca Flugverspätungen ein Ende setzen will

Wenn ein Flug unpünktlich ist, gerät meist der gesamte Flugplan durcheinander. Daran sind weniger Unwetter als die Logistik schuld. Ein Physiker forscht in Palma an einer Lösung

Wer lange auf seinen Flug wartet, schläft schon mal auf dem Koffer ein. | FOTO: GUILLEM BOSCH

Ein ruhiger Sonntagabend am Nürnberger Flughafen. Es ist 22 Uhr, der Flug sollte eigentlich jetzt starten, doch die Passagiere sitzen noch am Gate und vertreiben sich die Zeit. Manche lesen, viele schauen auf ihr Handy, hören Musik oder schlafen auf ihren Koffern. Die meisten starren eigentlich nur in die Luft. Dann endlich eine Durchsage: Wegen einer Verspätung des vorherigen Fluges geht es erst um 23.25 Uhr los. Es tue einem sehr leid, die Airline bedankt sich für das Verständnis. Ein Seufzen geht durch die Reihen. Die Passagiere sind eher resigniert als verständnisvoll. „Der Mietwagenschalter ist 24 Stunden offen, ich hatte eh gesagt, wir kommen erst gegen eins“, beruhigt eine junge Frau ihre zwei Freundinnen, die nur genervt nicken. Überrascht ist von der Verspätung sichtlich keiner.

Auf dem Rückweg könnte den Urlaubern Ähnliches bevorstehen: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres starteten 38 Prozent der Flüge von Palma nach Deutschland mehr als zehn Minuten zu spät. Drei Prozent hatten eine Verspätung von mehr als einer Stunde. Wer fliegt, muss sich eigentlich darauf einstellen, unpünktlich anzukommen.

Nicht alle Flugverspätungen sind schlecht

Das will Massimiliano Zanin ändern. Der italienische Wissenschaftler forscht am Institut für interdisziplinäre Physik und komplexe Systeme (IFISC) in Palma, einem Zusammenschluss zwischen Zanins Arbeitgeber, dem spanischen Wissenschaftsrat CSIC, sowie der Balearen-Universität (UIB). Zanin will mit seiner Forschung einen Weg finden, um Flugverspätungen zu vermeiden. Allerdings nicht alle. „Verspätungen sind nicht immer schlecht“, betont Zanin.

Es sei beispielsweise für die Passagiere angenehmer, ein Unwetter zu umfliegen und dadurch Zeit zu verlieren, als starke Turbulenzen in Kauf zu nehmen. Was Zanin dagegen verhindern will, sind die sogenannten reactionary delays – Verspätungen, die durch vorherige Verspätungen entstehen. Denn nach einer Landung geht es für die Crew meist schnell weiter. Der Puffer, den Fluggesellschaften einplanen, reicht dabei oft nicht, um Verspätungen auszugleichen. Gerade Billigfluglinien halten die Puffer möglichst gering, um so viele Flüge wie möglich an einem Tag mit einer Crew zu schaffen.

Die Hälfte der Flugverspätungen entstehen wegen vorheriger Verspätungen

Einer Statistik der europäischen Flugaufsichtsbehörde Europol nach machten solche reactionary delays 2021 denn auch den größten Teil der Verspätungen in Europa aus. Ein weiterer Grund für unpünktliche Flugzeuge bestand in Problemen der Airline wie beispielsweise Streiks, und besonders im vergangenen Jahr sorgten auch Corona-Kontrollen für verzögerte Abläufe. An vierter Stelle folgen Probleme am Flughafen, sei es an der Sicherheitskontrolle oder an der Landebahn, und erst an fünfter Stelle Unwetter.

Nach Einschätzung von Zanin wären nur noch halb so viele Flüge verspätet, wenn die reactionary delays aus der Welt geschafft würden. Das Problem an solchen Verspätungen sei, dass sie mit der Zeit immer schlimmer würden. „Selbst wenn die Crew beim nächsten Flug nur eine Viertelstunde verspätet losfliegen will, muss das Flugzeug von Eurocontrol einen neuen Landezeitpunkt zugeteilt bekommen und deswegen teilweise noch länger warten“, erklärt der Italiener. Ein Teufelskreis.

1,3 Millionen für die Erforschung von Flugverspätungen

Für die Suche nach einer Lösung hat Zanin 2020 eine Förderung des Programms ERC der Europäischen Union bekommen. Bis 2025 stehen ihm und seinem Team 1,3 Millionen Euro zur Verfügung. In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat Zanin zunächst vor allem Flugbewegungen analysiert. Denn die Information, welche Verspätung welchen Grund hat, geben die Fluglinien nicht heraus. Zanin muste anhand der Flugbewegungen auf dem Radar bestimmen, welche Auswirkungen eine einzelne Verspätung hatte. Und da er mitten in der Coronapandemie forschte, als der Flugverkehr zum Erliegen gekommen war, nutzte er historische Daten. Um diese komplexen Daten zu analysieren, griff Zanin auf eine Methode der Neurowissenschaft zurück. Statt Gehirnzellen beobachtete er aber die Interaktion zwischen Flughäfen. „Es ist wichtig, dass wir in der Wissenschaft auch Methoden anderer Fachrichtungen probieren.“

Die Analyse ist noch nicht fertig, danach kommt dann erst der Part der Lösungssuche. Wie genau diese Lösung aussehen könnte, kann Zanin noch nicht sagen. Vielleicht wird es eine Software, eine neue Regelung, die Flughäfen einführen sollten, oder der Vorschlag, spezifische Knotenpunkte zu vergrößern. Und vielleicht ist eine Verspätung dank der Studie in ein paar Jahren weniger oft Alltag.

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