Mallorca für Neugierige: Bei Open House Palma entdecken Sie mehr als beim klassischen Sightseeing
Die vierte Ausgabe des Architekturfestivals steht auf Mallorca an. Es erlaubt erneut Blicke in Gebäude und Komplexe, die mehr über Palma verraten als ein gewöhnlicher Stadtrundgang

Das Coliseu Balear öffnet erstmals seine Pforten für Besucher. / Open House Palma
Was bedeutet es, ein Gebäude zu kennen? Viele mögen schon als Zuschauer in Palmas Stierkampfarena gewesen sein, haben aber sicherlich noch nicht die dortige Krankenstation besichtigt. Auch die Markthalle von Pere Garau kennt man vielleicht vom Einkaufen, war aber noch nicht auf der Dachterrasse mit Blick auf das Viertel ringsum. Und was ist mit diesem Bürogebäude am Innenstadtring, das von außen recht unspektakulär aussieht, aber nach dem Betreten in Staunen versetzt?
Neue Perspektiven zu eröffnen, das ist das Konzept von Open House. Das „Architekturfestival für Nicht-Architekten“ geht jetzt in seine vierte Runde. Am kommenden Wochenende (9.1 1./10.1 1.) öffnen mehr als 60 Gebäude ihre Pforten für Neugierige, und freiwillige Helfer erklären auf Gratistouren, was die Bauten so besonders macht.
In erster Linie für Einheimische
Es ist eine Veranstaltung in erster Linie für Einheimische, meist auf Katalanisch, manchmal auch auf Spanisch. Während den Urlaubern gewöhnlich vor allem historische, monumentale und hübsche Bauten der Altstadt gezeigt werden, gibt es bei Open House neben öffentlichen Institutionen viel Zeitgenössisches, Industriearchitektur, auch Privathäuser. Hinzu kommen als Rahmenprogramm Debatten und Walking- oder auch Bike-Touren. Es ist eine von öffentlichen und privaten Sponsoren getragene Initiative für Bürger mit Interesse an ihrem Wohnort, die es mit demselben Namen auch in anderen spanischen Städten wie Barcelona, Málaga oder Bilbao gibt.
Das Motto dieses Jahres heißt „La ciutat per a qui l’habita“ (etwa: Die Stadt im Dienst der Bewohner). „Wir haben versucht einzufangen, wie Menschen die Architektur erleben“, erklärt Gabriel Noguera, Sekretär von Open House Palma, im Gespräch mit der Mallorca Zeitung. Das Motto zielt nicht nur auf die aktuelle Debatte um die Wohnungsnot auf den Balearen ab –eine der Veranstaltungen ist diesem Thema gewidmet –, es geht auch zum Beispiel um Menschen mit Behinderung und Barrierefreiheit.
Inklusiver Ansatz
Da wären etwa ein Besuch der Casa Esment, wo die Stiftung Amadip-Esment ihren Sitz hat und Jobs für Menschen mit Downsyndrom schafft, oder der Psychiatrie-Komplex, dessen Wandel in einen öffentlichen Park den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema widerspiegelt. Die Initiatoren haben sich darüber hinaus einen neuen Zugang zu den Führungen überlegt.

Die Psychiatrie in Palma war früher ein abgeschirmter Komplex. Heute können sich ihn Besucher auch von Nahem ansehen. / Open House Palma
Im Balearen-Parlament sowie im CaixaForum biete man Besuche mit induktiven Höranlagen an, erklärt Noguera: Dank ihnen können Audiosignale als elektromagnetisches Wechselfeld ausgesendet und für schwerhörige Personen zugänglich gemacht werden. Im Luftschutzbunker Baluard de Sant Pere aus der Bürgerkriegszeit, wo die Sicht ohnehin eingeschränkt ist, werde man eine Karte zum Ertasten bereithalten, die Auskunft über den Standort der weiteren refugis in Palma gibt.
Viele Gebäude erstmals im Programm
Mehr als 20 der insgesamt 66 Gebäude, die besichtigt werden können, sind erstmals im Programm, darunter auch das Coliseu Balear von Stadtarchitekt Gaspar Bennàssar, das heute mehr für Konzerte als für Stierkämpfe Verwendung findet. Der eklektische und historisierende Bau von Ende der 1920er-Jahre war eines der wichtigsten Projekte der Stadterweiterung (Eixample), nachdem die mittelalterlichen Stadtmauern eingerissen worden waren.

Blick in die Innengänge der Stierkampfarena. / Open House Palma
Dem gegenüber steht etwa das Verlagsgebäude von „Diario de Mallorca“ und Mallorca Zeitung im Nou Llevant, ein funktionaler Kubus von Anfang der 1990er-Jahre. „Darüber freuen wir uns sehr, es ist ein Gebäude, das Überraschungen bereithält“, sagt Gabriel Noguera. Er meint damit einen begrünten Innenhof, der alle Etagen mit reichlich natürlichem Licht versorgt.

Rationalismus mit Überraschung: Verlagsgebäude des „Diario de Mallorca“. / Open House Palma
Ebenfalls neu dabei ist die Recyclinganlage der Konzessionsfirma Tirme in Son Reus nördlich von Palma, wo eine Hochbahn an Wertstoffstationen vorbeiführt.

Der Recyclingpark von Tirme in Son Reus. / Open House Palma
Thema Innendesign
Ein Aspekt, den Open House erstmals als Schwerpunkt mit einbezieht, ist das Thema Innendesign, zu besichtigen an drei Standorten. Da wäre das Beleuchtungsatelier Contain, wo lokale Materialien mit High-End-Technologie kombiniert werden. Das erst 2020 eröffnete Studio Islas fertigt im mediterran-minimalistischen Stil Leuchtelemente aus Keramik. Und im Estudi Inestable werden Möbel, Lampen oder Kunst in traditionellem Handwerk, aber auch mit dem balearenweit einzigen Keramik-3D-Drucker hergestellt.

Schwerpunkt Innendesign: Estudi Islas. / Open House Palma
Als herausragendes Beispiel für Privathäuser empfiehlt Noguera einen 1950er-Jahre-Bau an der Plaça de l’Olivar (Habitatge Plaça de l’Olivar), der einen rationalistischen Kontrapunkt zur Barockkirche direkt nebenan setzt. In etwa aus der gleichen Zeit und ebenfalls neu im Programm ist das Edifici Reina, ein Bürogebäude mit Vorhangfassade und kreativem Inneren am Borne-Boulevard.

Das Edifici Reina am Borne-Boulevard mit seiner Vorhangfassade. / Open House Palma
Mehr Privathäuser erwünscht
Während das Angebot öffentlicher Gebäude weiterhin wächst – dieses Jahr ist erstmals das Inselratsgebäude Llar de la Infància dabei, ein früheres Kinderheim, die Fischhandelsbörse Llotja de peix oder der Schwimmsportkomplex Son Hugo –, würde man sich über mehr Privathäuser freuen, deren Eigentümer unter genau abgesprochenen Bedingungen ihre Pforten öffnen, so Noguera auch in Hinblick auf die MZ-Leser. „Das muss nichts Spektakuläres sein, zum Beispiel ein interessanter Umbau.“
Dies sei denn auch eine Herausforderung für die weiteren Ausgaben von Open House. Mit inzwischen mehr als 300 freiwilligen Helfern, die mit großem Aufwand koordiniert und trainiert werden, sowie voraussichtlich mehr als 13.000 Teilnehmern sei man an ein quantitatives Limit gelangt. Hinsichtlich der Gebäude habe man aber durchaus noch weitere interessante Objekte im Blick. Es brauche manchmal eine ganze Weile, bis man den richtigen Ansprechpartner gefunden habe, der die Türen für die Allgemeinheit öffne.
Hereinspaziert
Eine detaillierte Übersicht über Programm, Gebäude und Veranstaltungen sowie eine interaktive Karte gibt es auf openhousepalma.org. Für einige Besichtigungen, etwa von Industrieanlagen, ist eine Voranmeldung nötig. Je nach Beliebtheit der Gebäude muss mit längeren Wartezeiten gerechnet werden. Die Führungen finden in der Regel im 30-Minuten-Takt statt, meist auf Katalanisch, zum Teil auf Spanisch.
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