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Nicht genug Kriminalität: Wie ein US-Reiseführer vor 90 Jahren Mallorca beschrieb

Ein Besuch in Palma lohne sich nur, um eine gewisse Tante Matilda zu besuchen, schrieb Fodor's im Jahr 1936

Cas Català und Sant Agustí in den 1930er-Jahren.

Cas Català und Sant Agustí in den 1930er-Jahren. / Archiv DM

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Patrick Schirmer Sastre

Patrick Schirmer Sastre

Der US-Reiseführer Fodor's ist dieser Tage auf Mallorca in aller Munde. Grund ist, dass die seit fast einem Jahrhundert erscheinende Publikation die Insel für 2025 in die so genannte "No List" aufgenommen hat. Dort werden seit 2017 jedes Jahr Urlaubsziele erfasst, die man – aus unterschiedlichen Gründen – lieber nicht besuchen sollte. Im Falle Mallorcas argumentiert der Reiseführer wie bei Barcelona, Venedig, Lissabon oder den Kanaren: Die Überfüllung führe zu großen Problemen für die Einheimischen. Was sich wiederum auf die Reiseerfahrung der Urlauber auswirke.

Für Fodor's ist die Insel kein Neuland: Schon im allerersten Buch "1936 – on the continent", in dem britischen und US-amerikanischen Urlaubern in lockerem Tonfall die Eigenheiten des Reisens auf europäischem Boden erklärt werden, findet die Insel Erwähnung. Und die ist so gänzlich anders, als man es von heutigen Reiseführern– und vor allem von den Travel-Tiktokern – gewohnt ist.

Eine Tante auf Mallorca

Das geht schon mit dem Einstieg los, der eine steile These aufstellt. Fodor's wendet sich direkt an den Leser: "Sie haben bestimmt eine Tante oder einen Onkel oder einen Cousin, der auf Mallorca weilt." Im fortlaufenden Text legen sich die Autoren fest, dass die Tante wohl Matilda heißt und in Palma residiert. Dabei handele es sich um die wichtigste Stadt Mallorcas. Die Ankunft mit dem Boot sei wunderschön, man sehe gleich eine Reihe wichtiger Gebäude wie die Kathedrale, die Lonja (ehemalige Seehandelsbörse) oder das Consulat del Mar (heutiger Regierungssitz). "Allerdings", schreibt der Autor, "ist Palma meiner bescheidenen Meinung nach kein Ort, den man auf einer Mallorca-Reise besuchen muss." Außer, schränkt er ein, um Tante Matilda zu besuchen.

Immerhin: Die Hotels seien günstig – insbesondere, wenn man die Preise mit dem Festland vergleicht. Und es gebe eine ganze Reihe an Etablissements, die dem englischsprachigen Reisenden entgegenkommen. Darunter etwa einen Teeladen, eine englische Leihbibliothek, einen Social Club. Zudem könne man Tennis, Fußball und Pferderennen genießen.

Doch da hört es schon auf mit den Vorteilen. Denn Fodor's hat ein paar Dinge anzumerken. Zum einen wären da die Getränke. "Seien Sie vorsichtig, wenn Sie Milch oder Wasser trinken." Offenbar hätten Politiker jedweder Couleur über Jahre hinweg die Wasserversorgung in einem unbefriedigenden Zustand belassen. Zu den Hintergründen äußert Fodor's einen dringenden Verdacht: "Ziel ist es, Reisejournalisten dazu zu zwingen, Werbung für spanischen Wein zu machen."

Mangelnde Kriminalität

Doch der größte Kritikpunkt des Reiseführers: die mangelnde Kriminalität. Auf Mallorca gebe es keine echten Abenteuer zu erleben, da es keine Räuber und Banditen gibt. Das liege daran, dass die Insel zu klein ist, als dass sie sich verstecken könnten. Fast noch schlimmer wird die Situation auf Menorca beschrieben: Die Gefängnisse seien leer. Der letzte bekannte Insasse sei vorab bestochen worden, um ein Bagatelldelikt zu begehen. Das sei aber schon sehr, sehr lange her. Die Polizisten seien derweil vom vielen Müßiggang fett geworden. Ähnliches wird der Autor sicherlich über die mallorquinischen Beamten gedacht haben.

Angesichts dieser bedrückenden Lage sei man auf Mallorca gezwungen, er zahme Unternehmungen zu machen. Es werden Besuche in der Cova del Drach (Drachenhöhle) empfohlen. Bergsteigen sei auch drin. Dazu wird geraten, sich an das Tourismusbüro zu wenden.

Inwieweit Urlauber aufgrund dieses Buches auf die Inseln gekommen sind, ist nicht nachzuvollziehen. Zumal kurz darauf der Staatsstreich durch Franco und der darauffolgende Bürgerkrieg über Mallorca kamen. Und damit auch die bei den Recherchen zum Buch so schmerzlich vermissten Kriminellen.

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